
Bild: Staatstheater Augsburg
Staatstheater Augsburg - brechtbühne im Gaswerk
August-Wessels-Straße 30A86156 Augsburg
Die verlorene Ehre der Katharina Blum
Wie schnell kann aus einer privaten Geschichte eine öffentliche Verurteilung werden? Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ erzählt von einer jungen Frau, die nach einer Begegnung mit einem gesuchten Mann ins Visier von Polizei und Presse gerät. In seiner neuen Inszenierung widmet sich Regisseur Tom Kühnel dem Stoff vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der politisch aufgeheizten späten 1960er- und 70er-Jahre.
Katharina Blum verliebt sich in einen Mann, der als mutmaßlicher Mörder gesucht wird. Was folgt, ist eine immer weiter eskalierende öffentliche Hetzkampagne. Polizeiliche Maßnahmen werden unverhältnismäßig, Medienberichte zunehmend tendenziös – und aus einer Privatperson wird innerhalb kürzester Zeit eine Figur der öffentlichen Empörung.
Wenn Worte zur Gewalt werden
Bölls Roman erschien 1974 und setzte sich mit den politischen und gesellschaftlichen Spannungen seiner Zeit auseinander. Im Zentrum steht dabei nicht nur die Frage nach der Macht der Medien, sondern auch der Umgang mit einer Frau, die zur Zielscheibe einer öffentlichen Kampagne wird.
Kühnel nimmt die Ambivalenz der Figur Katharina Blum in den Mittelpunkt und zeigt eine Gesellschaft, in der Sensationslust, Vorverurteilung und mediale Manipulation fatale Folgen haben können.
Dabei bleibt die Inszenierung bewusst eng am ursprünglichen Stoff. Trotz der offensichtlichen Parallelen zu heutigen Formen medialer Aufmerksamkeit und öffentlicher Empörung steht Bölls Geschichte selbst im Zentrum.
Ein Klassiker mit beklemmender Aktualität
Die gesellschaftliche Atmosphäre der späten 1960er- und 70er-Jahre bildet den historischen Rahmen der Inszenierung. Gleichzeitig entfaltet die Geschichte eine Wirkung, die über ihre Entstehungszeit hinausgeht.
Katharina Blum wird dabei zur ambivalenten Heldin einer Geschichte über Macht, Öffentlichkeit und die zerstörerische Kraft von Worten. Oder, wie Heinrich Böll es 1974 formulierte: „Die Gewalt von Worten kann manchmal schlimmer sein als die von Ohrfeigen und Pistolen.“
Tom Kühnel richtet damit den Blick auf eine Gesellschaft, die anfällig für manipulativen Sensationsjournalismus ist – und auf einen Stoff, der auch Jahrzehnte nach seiner Entstehung nichts von seiner Eindringlichkeit verloren hat.




