Wenn München ein Herz hätte, würde es vier Wochen lang Tollwood heißen
Warum das Tollwood Sommerfestival 2026 mehr ist als Konzerte, gutes Essen und laue Sommernächte – und weshalb man sich diesen Ort gerade jetzt nicht entgehen lassen sollte
Es gibt diese seltenen Orte, die man betritt und bei denen man sofort spürt, dass hier etwas anders ist. Nicht größer. Nicht lauter. Nicht spektakulärer. Sondern menschlicher. Das Tollwood ist so ein Ort. Vielleicht liegt es daran, dass hier seit Jahrzehnten nicht nur ein Festival veranstaltet wird, sondern eine Idee gelebt wird. Vielleicht liegt es an den Menschen, die dahinterstehen. Vielleicht an der Mischung aus Weltstars und Straßenkunst, aus Bio-Küche und Poesie, aus Lebensfreude und Haltung. Wahrscheinlich ist es am Ende von allem ein bisschen.
Als wir einen Tag vor der Eröffnung über das Gelände im Olympiapark Süd laufen, herrscht noch dieses wunderschöne Chaos, das nur wenige Stunden vor Festivalbeginn existiert. Irgendwo werden noch Lampions aufgehängt, Händler dekorieren ihre Stände, in der Musik-Arena wird an der beeindruckenden Bühne gebaut, und zwischen all den fleißigen Händen liegt eine fast greifbare Vorfreude in der Luft.
Und während das Tollwood noch im Entstehen ist, wird schnell klar, dass sich hier niemand mit Routine zufriedengibt.
Nach über drei Jahrzehnten könnte man vieles einfach so lassen, wie es immer war. Die Besucher würden trotzdem kommen. Die Musik würde trotzdem funktionieren. Die Gastronomie wäre weiterhin ein Publikumsmagnet. Doch das Tollwood war nie ein Festival, das stehen bleibt.
Es stellt sich jedes Jahr neu die Frage, was die Menschen gerade bewegt. Welche Themen uns beschäftigen. Was wir vielleicht verloren haben. Und was es wert ist, bewahrt zu werden. 2026 ist die Antwort darauf ein Wort, das in unserer schnelllebigen Welt beinahe altmodisch wirkt. Empathie.
„Mit Gefühl statt nur dabei – Die Rückeroberung der Empathie“ lautet das Motto.
Ein Satz, der zunächst beinahe sanft klingt. Und der gerade deshalb eine erstaunliche Kraft besitzt. Denn in Zeiten, in denen Diskussionen oft nur noch aus Schlagworten bestehen und Empörung manchmal schneller ist als Verständnis, erinnert das Tollwood daran, dass Mitgefühl kein Zeichen von Schwäche ist. Sondern die Grundlage für ein Miteinander.
Bereits am Eingang wird dieses Motto sichtbar. Oder vielmehr: spürbar. Denn über dem Festivalgelände schwebt ein riesiges Herz. Nicht als romantisches Symbol und auch nicht als kitschiges Dekoelement. Sondern als anatomisches Herz. So, wie es in jedem Menschen schlägt. Kraftvoll, unverwechselbar und lebensnotwendig. Darunter befindet sich die Herzkammer. Und wer diesen Ort betritt, merkt schnell, dass hier nichts plakativ wirkt.
Im Zentrum steht eine Bar. Ein vertrautes Bild. Doch statt Cocktails oder Wein werden hier Geschichten ausgeschenkt. Geschichten von Menschen, von Engagement und von Initiativen, die unsere Gesellschaft ein Stück besser machen wollen.
Gemeinsam mit SZ Gute Werke, der Stiftung Pfennigparade, Gesellschaft macht Schule oder der Freiwilligenagentur Tatendrang entsteht hier ein Ort, an dem Besucher nicht nur Geld spenden können. Sie können auch Zeit schenken. Sich engagieren. Mitmachen.
Es sind diese Ideen, die das Tollwood seit Jahrzehnten besonders machen. Denn hier geht es nie um erhobene Zeigefinger. Es geht um Begegnung. Und manchmal reicht schon eine Begegnung aus, um die Perspektive zu verändern.
Wahrscheinlich wird kaum ein Moment das diesjährige Motto so eindrucksvoll verkörpern wie die Eröffnung mit Little Amal. Die dreieinhalb Meter große Puppe, die ein zehnjähriges syrisches Flüchtlingsmädchen verkörpert, hat bereits Millionen Menschen auf der ganzen Welt berührt. Ihr Name bedeutet Hoffnung.
Und wenn sie am 19. Juni um 18 Uhr das Festivalgelände betritt, wird sie mehr sein als eine beeindruckende Kunstfigur. Sie wird eine Einladung sein. Zum Zuhören. Zum Willkommenheißen. Zum Mitgehen. Zum Nachdenken.
Kinder werden Schilder malen, Familien werden sie begleiten, und wenn sie sich später unter dem Mond schlafen legt und gemeinsam mit anderen von einer besseren Zukunft träumt, dürfte es auf dem Tollwood für einen Moment ganz still werden. Still vor lauter Menschlichkeit.
Dabei wäre es viel zu einfach, das Tollwood nur auf sein gesellschaftliches Engagement zu reduzieren. Denn natürlich ist dieses Festival auch ein Fest für alle Sinne. Es ist der Duft von frisch gebackenem Fladenbrot, orientalischen Gewürzen und exotischen Spezialitäten, der schon bald wieder durch den Olympiapark ziehen wird.
Es ist die Freude, wenn man über den Markt der Ideen schlendert und plötzlich an einem Stand hängen bleibt, obwohl man eigentlich gar nichts kaufen wollte. Es sind handgefertigte Schmuckstücke, fair produzierte Kleidung, Kunsthandwerk aus aller Welt und kleine Schätze, die man später mit nach Hause nimmt.
Und es ist diese Haltung, die sich durch das gesamte Gelände zieht. Bio ist hier kein Trend. Bio war hier schon selbstverständlich, als viele noch gar nicht darüber gesprochen haben. Nachhaltigkeit ist keine Marketingstrategie. Sie gehört seit jeher zur DNA des Festivals. Genauso wie die Musik.
Und auch hier zeigt sich die besondere Stärke des Tollwood.
32 Konzerte bringt die Musik-Arena in diesem Sommer auf die Bühne. Große Namen wie Joss Stone, Anastacia, Rick Astley oder die legendären Sex Pistols stehen dabei ebenso auf dem Programm wie Bosse oder Oimara. 13 Konzerte sind bereits ausverkauft. Doch vielleicht liegt das eigentliche Geheimnis gar nicht in den Weltstars. Sondern in den mehr als 430 Veranstaltungen, die bei freiem Eintritt stattfinden.
Denn das Tollwood passiert oft zwischen den großen Programmpunkten. Wenn im Andechser Zelt plötzlich Musik erklingt. Wenn Menschen beim Rudelsingen gemeinsam lachen Wenn Kinder staunend einer Performance folgen.
Wenn im Amphitheater Akrobatik und Poesie miteinander verschmelzen. Wenn bei der Silent Disco Fremde miteinander tanzen. Wenn man eigentlich nur kurz vorbeischauen wollte und plötzlich merkt, dass Stunden vergangen sind. Das Tollwood schenkt Zeit. Und vielleicht ist genau das sein größtes Geschenk. Dass man hier nichts muss. Dass man sich treiben lassen darf. Dass man staunen darf. Und dass man nach einem langen Abend mit dem Gefühl nach Hause geht, Teil von etwas gewesen zu sein, das größer ist als ein Konzert und schöner als ein Einkaufsbummel.
Als wir das Gelände verlassen, wird immer noch geschraubt, gebaut und dekoriert. Doch eigentlich ist das Tollwood längst da. Nicht, weil die letzten Lampen hängen. Nicht, weil die ersten Besucher kommen. Sondern weil dieses Herz schon schlägt.
Und weil man spürt, dass hier in den kommenden vier Wochen nicht einfach nur ein Festival stattfinden wird. Sondern ein Ort entsteht, an dem Musik, Genuss, Kunst und Menschlichkeit zusammenfinden. Vielleicht braucht es gerade heute genau solche Orte. Und vielleicht brauchen wir alle manchmal vier Wochen, in denen die Welt ein kleines bisschen freundlicher aussieht.
Das Tollwood ist so ein Ort. Und genau deshalb kommen die Menschen immer wieder. Und auch wir werden immer wieder herkommen und für Euch berichten.










