Studie attestiert Bundesbürgern verzerrte Wahrnehmung ihrer Kaufkraft
Bei vielen Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern klafft einer Studie zufolge eine Lücke in der Wahrnehmung, wie viel Geld sie für den Konsum zur Verfügung haben. Es gebe eine "erhebliche Diskrepanz zwischen wahrgenommener und gemessener Entwicklung der verfügbaren Realeinkommen", teilte das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung am Mittwoch mit. Obwohl inflationsbedingte Einbußen im Schnitt schon 2024 wieder ausgeglichen worden seien, fühle sich eine Mehrheit "immer noch schlechter gestellt".
Für die Untersuchung wertete das Forschungsinstitut der gewerkschaftsnahen Stiftung einerseits die Entwicklung der Inflation und der verfügbaren Einkommen aus, führte aber auch eine großangelegte Umfrage durch. Dabei zeigte sich nach IMK-Angaben, dass die Corona-Krise und der Ukraine-Krieg die Teuerung der Verbraucherpreise zwischen 2021 und 2023 zwar anfachten, dieses Minus durch Tariferhöhungen, einen höheren Mindestlohn, Rentenerhöhungen und eine wieder nachlassende Inflation allerdings wieder wettgemacht worden sei - "zumindest im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt".
Im Gegensatz dazu nehme die Bevölkerung die Situation aber "weitaus negativer" wahr: "Knapp 60 Prozent der Menschen hielten die eigene Kaufkraft Ende 2025 immer noch für geringer als vor dem Inflationsschock", erklärte das Forschungsinstitut. Die Folgen davon seien "Sorgen hinsichtlich der künftigen Entwicklung der Lebenshaltungskosten" - aber auch Zurückhaltung beim Konsum, der als wichtige Säule der konjunkturellen Entwicklung in Deutschland gilt, sowie "Misstrauen gegenüber der Bundesregierung".
Laut der Studie, für die im vergangenen November - also noch vor Beginn des Iran-Krieges - rund 7000 Menschen zwischen 18 und 75 Jahren befragt wurden, gaben lediglich elf Prozent an, sich mehr leisten zu können als vor fünf Jahren, während 30 Prozent ihre Kaufkraft als unverändert wahrnahmen. 59 Prozent waren hingegen überzeugt, real weniger zur Verfügung zu haben.
Ein Grund dafür könnte den IMK-Wissenschaftlern zufolge sein, dass sich insbesondere Güter des täglichen Bedarfs verteuert haben. So seien seit 2020 die Preise für Wohnenergie um 47 Prozent und für Lebensmittel um mehr als 30 Prozent gestiegen. Tatsächlich empfänden 47 Prozent der Befragten die höheren Kosten für Wohnenergie als eine "schwere Belastung", bei Lebensmitteln betrage der Anteil 44 Prozent. "Dass die Preise für viele seltener gekaufte Güter dagegen nur moderat gestiegen sind, fällt offenbar weniger stark auf", erklärten die Forscher.
Auswirkungen hat die Wahrnehmung einer verringerten Kaufkraft demnach auch auf die politische Stimmung: Von den Befragten, die ihre Kaufkraft als geschmälert empfanden, waren fast 80 Prozent unzufrieden mit der Arbeit der Bundesregierung, 35 Prozent hatten überhaupt kein Vertrauen in diese Institution. Zudem gibt es in dieser Gruppe bei 55 Prozent der Befragten "große Sorgen" hinsichtlich der künftigen Lebenshaltungskosten. Die Angst vor steigenden Preisen könne Haushalte dazu bewegen, die Konsumausgaben zurückzufahren, um finanzielle Spielräume zu bewahren, gaben die Studienautoren Jan Behringer und Lukas Endres zu bedenken.
Die Ergebnisse liefern demnach eine mögliche Erklärung dafür, dass der private Konsum "trotz wiederhergestellter Realeinkommen" immer noch schwächelt. Und sie zeigten, wie wichtig frühzeitige und gezielte Maßnahmen zur Begrenzung starker Preissteigerungen seien - "und zwar insbesondere bei Gütern des täglichen Bedarfs, die für die Wahrnehmung der eigenen Kaufkraft besonders relevant sind", erläuterte das IMK. Aktuell gelte das etwa für die Kraftstoffpreise, die infolge des Iran-Kriegs deutlich gestiegen sind.
© 2026 AFP




