Den Stars und Sternchen so nah mit Jana: Günther Sigl – Bayerischer King of Rock ’n’ Roll und Frontmann der Kultband Spider Murphy Gang im exklusiven Interview

Einer der ganz Großen im Musikgeschäft

Seit vielen Jahrzehnten steht Günther Sigl für ehrlichen, handgemachten Rock’n’Roll aus Bayern. Als Sänger und Bassist der Spider Murphy Gang schrieb er mit Songs wie „Skandal im Sperrbezirk“ Musikgeschichte. Was als frischer Sound zwischen Rock’n’Roll und Neuer Deutscher Welle begann, ist längst Kult geworden. Doch Günther ist mehr als das Gesicht einer legendären Band. Auch solo geht er konsequent seinen Weg, verbindet Rock’n’Roll mit Rumba, Boogie und Twist. Der Grundstein für diese Leidenschaft wurde bereits mit 15 Jahren gelegt, als ihm sein Vater die erste Gitarre schenkte – seitdem ist er der Musik treu geblieben. Im Gespräch mit unserer Redaktionsleitung Jana Dahnke erzählt Günther Sigl von der ungebrochenen Freude daran, auf der Bühne zu stehen...

cropped-1772613851-bildschirmfoto-2026-03-04-um-09.40.24
"Musik war von Anfang an das Wichtigste für mich, und das treibt mich bis heute an."Bild: Dieter Bichl
cropped-1772614223-bildschirmfoto-2025-11-14-um-14.17.15
Unsere Redaktionsleitung Jana Dahnke trifft "Stars und Sternchen" im exklusiven InterviewBild: Jana
cropped-1772614276-bildschirmfoto-2026-03-04-um-09.49.27
"Wir mussten etliche Blumensträuße verschicken und sogar Rufnummernänderungen bezahlen – das war eine ganz schöne Aufregung."Bild: Dieter Bichl
cropped-1772614304-bildschirmfoto-2026-03-04-um-09.49.15
"München war für mich immer mehr als nur eine Stadt – es war Inspiration."Bild: Dieter Bichl
cropped-1772614321-bildschirmfoto-2026-03-04-um-09.49.56
"Wenn ich mit meinen Jungs im Studio bin und aus einer Idee langsam ein fertiges Stück entsteht, sind das besondere Momente."Bild: Dieter Bichl
cropped-1772614338-bildschirmfoto-2026-03-04-um-09.49.43
"Mit „Habe die Ehre“ und „Gefühlsecht“ halte ich gewissermaßen fest, was in mir musikalisch immer weiterarbeitet."Bild: Philipp Sigl
Jana: Wenn Du an Deine musikalischen Anfänge zurückdenkst: Was hat Dich am meisten gepackt – die Musik selbst oder das Lebensgefühl drumherum?
Günther Sigl: 1962 habe ich mit einer Beat-Band angefangen. Man lernte ein paar Griffe– und schon hatte man mit Freunden eine eigene Band. Damals war noch Instrumentalmusik angesagt, etwa von „The Shadows“ oder „The Spotnicks“. Und dann kamen die Beatles – wir waren völlig begeistert. Natürlich haben wir uns sofort die Haare wachsen lassen und wollten genauso sein wie sie. Parallel dazu habe ich meine Banklehre angefangen – was mit meinem neuen Haarschnitt nicht ganz kompatibel war. Die Direktion bestellte mich ein und erklärte mir: „Herr Sigl, so können wir Sie unmöglich am Schalter einsetzen.“ (Lacht)
 
Deine musikalische Laufbahn begann sehr früh. Was hast Du aus dieser Zeit für Dich und Deine Musik mitgenommen?
In den Siebzigern bin ich – bis zur Gründung der Spider Murphy Gang – mit meiner damaligen Band in Ami-Clubs aufgetreten. Das war eine gute „Lehrzeit“ für uns. Dort haben wir alles gespielt: Country, Rock’n’Roll und das, was das Publikum hören wollte. Ich habe verstanden, wie Songs aufgebaut sind, wie man Spannung erzeugt und verschiedene Stilrichtungen miteinander verbindet.
 
Die Karriere startete in Schwabing als Kneipenband – als bewusster Gegenentwurf zum damaligen „Bierjazz“. Hattest Du damals schon das Gefühl: Da entsteht gerade etwas Eigenes?
Wir hatten den Eindruck, wir könnten mit einer Rock’n’Roll-Show vielleicht einen eigenen Tag in den Kneipen bekommen und uns dort etablieren. Die Ami-Clubs waren nicht mehr so angesagt, vielerorts dominierte Jazz und Dixieland. Schließlich hat es in Schwabing im „Memoland“ mit einer eigenen Show geklappt. Dort hat uns Georg Kostya entdeckt, der gerade dabei war, eine Rock-Sendung ins Leben zu rufen. Er engagierte uns, und das war für uns der entscheidende Moment. Von ihm kam auch der Impuls, auf Bayerisch zu singen. Ich merkte schnell, wie gut der Dialekt mit dieser Musik harmoniert. Kurz darauf hatten wir sogar unsere eigene Sendung – und ich schrieb Woche für Woche neue Songs. München, das Lebensgefühl, die „Schickeria“, das Treiben in Schwabing – all das wurde zu unserem Thema. 1979 nahmen wir schließlich in Köln unsere erste LP „Rock’n’Roll Schuah“ auf.
 
Im nächsten Jahr feiert ihr mit der Spider Murphy Gang bereits 50-jähriges Jubiläum. Wie überraschend ist es für Dich selbst, dass Eure Band – im Gegensatz zu vielen anderen – noch existiert?
Als wir die Band ins Leben gerufen haben, hätten wir niemals gedacht, dass diese so viele Jahre bestehen würde und unsere Songs wie „Schickeria“ oder natürlich auch „Skandal im Sperrbezirk“ bis heute gespielt werden – Sie sind nach wie vor echte Evergreens und werden sogar von anderen Bands neu entdeckt. Besonders freut mich, dass heute viele junge Leute unsere Musik feiern – oft kennen sie die Lieder von der Wiesn oder Partys. Wir waren damals zwar Teil der „Neuen Deutschen Welle“, jedoch keine klassische NDW-Band. Aber das hat mit Sicherheit ebenfalls dazu beigetragen, dass unsere Songs noch immer gefragt sind.
 
Welche musikalischen Vorbilder haben Euch besonders geprägt?
Chuck Berry haben wir regelrecht studiert – für mich war er das Sinnbild eines Musikers. Ganz am Anfang haben wir uns bei Engagements sogar mit seinen Songs vorgestellt. Er hat mich wahrscheinlich noch mehr fasziniert als Elvis.
 
Die berühmte Telefonnummer „32-16-8“ kennt bis heute fast jeder. Hättest Du je gedacht, dass sich so ein Detail derart ins kollektive Gedächtnis einbrennt?
Die Zahlenkombination hat es tatsächlich bis in Quizshows geschafft. Dass sich so etwas derart einprägt, ist schon erstaunlich. Wir haben die Nummer damals überprüft: In München gab es sie nicht, in anderen Städten allerdings schon. Dort haben sich junge Burschen einen Spaß gemacht und bei der „Rosi“ angerufen. Wir mussten etliche Blumensträuße verschicken und sogar Rufnummernänderungen bezahlen – das war eine ganz schöne Aufregung. (Lacht)
 
„Skandal im Sperrbezirk“ wurde von Metallica gecovert. Was geht in Dir vor, wenn eine internationale Rockband einen Eurer Songs interpretiert?
Als Metallica unseren Song gespielt haben, war das natürlich ein riesiges Thema – auch in den Medien. Ein Jahr später legten sie mit „Schickeria“ nach. Das war schon irre.
 
Hat sich München gewandelt und was vermisst Du vielleicht aus früheren Zeiten?
München hat sich natürlich enorm verändert – besonders in der Musikszene. Als wir in Schwabing angefangen haben, gab es dort unzählige Musik-Kneipen. Im „Memoland“, im „Podium“ oder in der „Jukebox“ wurde praktisch jeden Abend live gespielt – das war schon etwas Besonderes und in dieser Form gibt es das heute kaum noch. Allerdings muss ich sagen, dass ich inzwischen nicht mehr so viel unterwegs bin wie früher. Die Zeiten ändern sich, man selbst wird älter – und ich genieße es heute auch, einfach mal zuhause zu bleiben.
 
Die Spider Murphy Gang ist nicht aus München wegzudenken. Was bedeutet Dir diese enge Verbindung?
München war für mich immer mehr als nur eine Stadt – es war Inspiration. 1967 bin ich hierhergekommen und habe dort gewissermaßen meine zweite Jugend verbracht. Zwischen zwanzig und dreißig spielte sich mein Leben vor allem in Schwabing ab: Proben in der Alten Heide, unterwegs im Englischen Garten, mittendrin im Münchner Lebensgefühl. Aus genau dieser Atmosphäre heraus sind viele unserer Songs entstanden. „Sommer in der Stadt“, die „Schickeria“ oder auch ein „Skandal im Sperrbezirk“. Die „bayrische Band“ ist ebenfalls Ausdruck dieser Identifikation.  Die Menschen konnten sich darin wiederfinden, weil sie dieses "Feeling" kannten.
 
Der Kinofilm „Spider Murphy Gang – Glory Days of Rock 'n' Roll“ würdigt Euer Lebenswerk. Wie war es für Dich, das eigene Leben auf der Leinwand zu sehen?
Es war eine schöne Erfahrung. Durch die vielen Interviews bekommt man einen ganz anderen Blick auf das Innenleben der Band. Besonders spannend war es, die Beziehung zwischen mir und Barny so offen thematisiert zu sehen. Die war nicht immer einfach, aber genau das gehört dazu. Dass wir trotz aller Höhen und Tiefen so viele Jahrzehnte gemeinsam auf der Bühne stehen, verbindet ungemein. Nach all der Zeit noch zusammen auftreten zu dürfen, ist für mich ein echtes Privileg.
 
Das Musikbusiness bringt viele Verlockungen mit sich. Wie hast Du es geschafft, Dir selbst über all die Jahre treu zu bleiben?
Auf einmal war man quasi ein Superstar – auf dem Cover der BRAVO, in jeder Fernsehsendung – aber ich habe mir nie etwas darauf eingebildet. Musik war von Anfang an das Wichtigste für mich, und das treibt mich bis heute an. Als Autodidakt habe ich mir alles allein beigebracht und lerne selbst mit 79 Jahren ständig noch etwas dazu.
 
Du hast eine erfolgreiche Solo-Karriere gestartet: 2010 erschien ‚Habe die Ehre‘ und 2025 folgte mit ‚Gefühlsecht‘ Dein zweites Soloalbum. Welche Geschichten oder Seiten von Dir kannst Du hierbei ausdrücken?
Mit „Habe die Ehre“ und „Gefühlsecht“ halte ich gewissermaßen fest, was in mir musikalisch immer weiterarbeitet. Ich schreibe ständig neue Songs – und nachdem wir mit den Spiders längere Zeit nichts veröffentlicht haben, war es für mich der natürliche Schritt, diese Stücke unter eigenem Namen herauszubringen. Neue Lieder wollen nicht in der Schublade verschwinden, sie wollen aufgenommen und vor allem live gespielt werden. Die Günther-Sigl-Band ist deshalb kein reines Studio-Projekt, sondern ganz bewusst eine Live-Band. Wir spielen in kleineren Locations – fast wie in den Anfangsjahren. Diese Nähe zum Publikum, der direkte Kontakt, das unmittelbare Feedback – das bedeutet mir sehr viel und bereitet großen Spaß. Inhaltlich merkt man vielleicht, dass ich heute stärker reflektiere und zurückblicke. Neben klassischen Erzählungen entstehen Songs wie „Unsre wuidn Johr“ oder „Glory Days of Rock’n Roll“, in denen ich unser frühes Musikerleben noch einmal aufleben lasse. Meine Texte basieren meist auf wahren Begebenheiten und persönlichen Gefühlen – sie sind ehrlicher, vielleicht auch persönlicher geworden.
 
Was unterscheidet Dein Heutiges Ich vom Günther Sigl der Anfangsjahre?
Sicherlich die Erfahrung. Ich bin immer noch neugierig, probiere aus und lerne ständig dazu. Der kreative Prozess beim Schreiben neuer Songs fasziniert mich nach wie vor. Wenn ich mit meinen Jungs im Studio bin und aus einer Idee langsam ein fertiges Stück entsteht, sind das besondere Momente. Diese Freude ist über all die Jahre geblieben.
 
Du bist 79 Jahre alt und so unglaublich fit. Was ist Dein Geheimrezept?
Fit bin ich tatsächlich – Ich habe nie geraucht, keinen Alkohol getrunken und auch mit Drogen nichts am Hut gehabt. Außerdem hatte ich gute Vorbilder: Meine Eltern durften beide ein hohes Alter erreichen.
 
Und ganz zum Schluss: Wenn Du heute auf Dein bisheriges Lebenswerk schaust – was erfüllt Dich am meisten mit Dankbarkeit?
Wenn ich zurückblicke, kann ich wirklich sagen: Es ist alles gut gelaufen! Die vielen Jahre auf der Bühne und vieles mehr – das alles erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Vor allem aber bin ich stolz auf meine Familie, meine Kinder und darauf, dass ich gesund bin. Ohne Gesundheit ist alles andere nichts wert. Und wenn ich mir noch etwas wünschen darf, dann einfach, dass ich noch viele Jahre auf der Bühne stehen und mit meiner Musik begeistern darf.