Deutschlands wichtigste Rohstoffe liegen nicht im Boden, sondern in den Köpfen
„MINT ist der zentrale Motor für Innovation, Wohlstand und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland“, betonte Heribert Fritz, Vorsitzender der initiative.ulm.digital bei der Begrüßung in der Kundenhalle der Sparkasse Ulm. Deutschland lebe von klugen Köpfen, von Forschergeist und technischer Exzellenz, so der Vorsitzende vor über 100 Unternehmern, Entscheidern und Lehrern. Doch ausgerechnet in diesen Disziplinen gehe das Interesse junger Menschen seit Jahren tendenziell zurück. Eine Entwicklung, die angesichts des wachsenden Fachkräftemangels alarmierend ist – national wie regional.
MINT betrifft alle
Die Veranstaltung machte deutlich: MINT ist kein Nischenthema für Spezialisten, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Eltern, die ihre Kinder früh für Naturwissenschaften begeistern, Lehrkräfte, die Mathematik oder Informatik spannend und praxisnah vermitteln oder Hochschulen mit vielfältigen, zukunftsorientierten Studienangeboten.
Unter der Moderation von Prof. Dr. Frank Kargl, Institutsdirektor an der Universität Ulm, diskutierten namhafte Expertinnen und Experten über die enorme wirtschaftliche Bedeutung einer fundierten MINT-Ausbildung, mit der beispielsweise zukünftig dem drohenden Fachkräftemangel begegnet werden kann – insbesondere in einer wirtschaftsstarken Region Ulm und Oberschwaben.
Vorbilder, Initiativen und Bildungsstrategien
Einen besonderen Impuls setzen Antonia Frank und Johanna Scheck mit ihrem Projekt „She,Codes by TECH“, einer studentischen Initiative, die gezielt Mädchen und Frauen für Informatik begeistern möchte. Die Gruppe wurde vor kurzem von der Universität Ulm als herausragende studentische Initiative ausgezeichnet und wird von der initiative.ulm.digital finanziell und mit Laptops unterstützt. Noch immer seien Frauen in technischen Berufen unterrepräsentiert, so Johanna Scheck. Die Studentin hat bereits mehrere
Programmierkurse für 10- bis 14-Jährige organisiert. Die beiden Studentinnen erläuterten anschaulich, wie sie Mädchen fürs Programmieren, PC und IT begeistern.
Christoph Michl, Lehrbeauftragter für Didaktik der Informatik an der Universität Ulm und Informatiklehrer am Joachim-Hahn-Gymnasium Blaubeuren, berichtete aus der Praxis. Informatikunterricht müsse Neugier wecken und Problemlösungskompetenz fördern. Es gehe nicht nur ums Programmieren, sondern um Denken in Systemen. Allerdings sei nach wie vor das Fach Informatik im Lehrplan im Vergleich zu anderen Lehrfächern völlig unterrepräsentiert. Dass Informatik einen höheren Stellenwert in den Klassenzimmern erhält, sei eine langfristige Aufgabe, die vielfältige Bereiche im Schulsystem betreffe und entsprechend schwerfällig umgesetzt werde.
Auch die wirtschaftliche Perspektive kam zur Sprache. Jonas Pürckhauer, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Ulm, unterstrich die wachsende Bedeutung qualifizierter Nachwuchskräfte für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Ohne ausreichend gut ausgebildete Fachkräfte gerate die Innovationskraft der Region in Gefahr. So würden in Baden-Württemberg bis 2035 rund 15 000 Fachkräfte, viele aus dem MINT-Bereich, fehlen. Künstliche Intelligenz werde die Informatik-Berufe in den nächsten Jahren verändern, so Pürckhauer. „Informatik wird aber mehr denn je gebraucht, vielleicht anders als heute“, betonte er.
Thomas Ohlhauser, Schulleiter der Gebhard-Müller-Schule in Biberach, verwies auf die Rolle beruflicher Schulen als Brücke zwischen Theorie und Praxis, kritisierte aber auch die Bedeutung von Informatik. „Eine Stunde Informatik ist viel zu wenig“. Das unterstützte Dr. Martin Bader, ehemaliger Schulleiter des Lessing-Gymnasium Neu-Ulm. Er betonte aber, dass die Allgemeinbildung die oberste Aufgabe von Schulen sei.
Eddy Arndt, Bildungsmanager und Leiter der Stabsstelle Bildungsstrategie der Stadt München, hob die Notwendigkeit langfristiger Bildungsstrategien hervor, die früh ansetzen und konsequent weitergeführt werden. „Es ist mehr Projektarbeit nötig. Wir müssen die Schulen öffnen und die Kinder am Leben lernen lassen.“ Zum Thema Qualität an den Schulen sagte der Bildungsmanager aus der Landeshauptstadt. „Es gibt gute Lehrer und schlechte Lehrer. Schlechte Lehrer können wir uns aber nicht leisten“.
Ein Appell mit regionaler Strahlkraft
Die 10x10 digital.konkret-Veranstaltung zeigte, dass es bei MINT um die Zukunftsfähigkeit Deutschlands geht – und um die Stärke dieser Region, die traditionell von Technologie, Mittelstand und Innovationskraft lebt.
Die Botschaft des Abends war klar: Wer den Wohlstand von morgen sichern will, muss heute in Bildung investieren. „MINT ist eine gemeinsame Verantwortung von Elternhaus, Bildungseinrichtungen, Wirtschaft und Gesellschaft“, sagte Professor Dr. Volker Reuter, und: „Schüler müssen auch in der Freizeit mit MINT in Berührung kommen, indem sie beispielsweise das Fahrrad selbst reparieren“.
Oder, wie es Heribert Fritz formulierte: Deutschlands wichtigste Rohstoffe liegen nicht im Boden, sondern in den Köpfen. Diese Rohstoffe gelte es zu bewahren und weiter zu fördern.





