Die Heimat neu entdecken – der Heimatverein Kempten e.V.

Wo Geschichte Zukunft hat

Als historischer Verein der Stadt kümmert sich der Heimatverein Kempten e.V. um die vielfältige Geschichte der Allgäu Metropole…

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Im Oktober 2025 wurde dem Heimatverein Kempten e.V. durch den Bayerischen Staatsministers Albert Füracker in München der Bayerische Heimatpreis überreichtBild: Heimatverein Kempten e.V.
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V.l.n.r.: Christa Eichhorst, Schatzmeisterin; Dr. Wolfgang Petz, 2. Vorsitzender; Markus Naumann, 1. Vorsitzender und Therese Waldmann, Schriftführerin.Bild: Heimatverein Kempten e.V.
Als Allgäuer Altertumsverein wurde 1884 der Verein von dem Kemptener Bürgermeister, Hofrat und Heimatforscher Adolf Horchler gegründet. Der Heimatverein gehört zu den ältesten Vereinen der Stadt. Adolf Horchler war in den 1880er Jahren nicht nur wesentlicher Initiator für den Aufbau musealer Sammlungen und der Neuordnung von Stadtarchiv und Stadtbibliothek, sondern 1884 auch Mitbegründer und erster Vorsitzender des „Altertumsvereins“ Kempten (heute Heimatverein) und 1888 Mitbegründer der bis heute bestehenden Vereinszeitschrift „Allgäuer Geschichtsfreund“. Erste Unternehmungen des Vereins waren Ausgrabungen und Erforschungen des römischen Cambodunum auf dem Lindenberg in Kempten. 1889 zeigte der Verein Aktivitäten im bayerisch-schwäbischen Allgäu. 1909 wurde der Verein in Historischer Verein zur Förderung der Heimatkunde des gesamten Allgäus und 1912 in Historischer Verein für das Allgäu zu Kempten umbenannt. Zur selben Zeit stieg dank bekannter Referenten und interessanter Forschungsergebnisse auch das Interesse am Verein.

Unterordnung in NS-Zeit
1938 wurde der Verein in Heimatdienst Allgäu umbenannt. In der NS-Zeit wurden unter Vorsitz von Otto Merkt auch die Arbeiten des Heimatvereins „in den Dienst der Gegenwarts- und Zukunftsarbeiten des Nationalsozialistischen Staates“ gestellt. Die Forschungsarbeit des Vereins musste sich den propagandistischen Zwecken der Blut-und-Boden-Ideologie unterordnen. Die Ergebnisse wurden nicht mehr in wissenschaftlicher Form, sondern in volkstümlicher Fassung herausgegeben.

Eingliederung in Heimatbund Allgäu
1948 wurde der Verein Mitglied des Dachverbandes Heimatdienst Allgäu. Dieser zwischenzeitlich in Heimatbund Allgäu umbenannte Verband wurde von Dr. Alfred Weitnauer, Bezirksheimatpfleger von Schwaben (mit Dienstsitz in Kempten!) und Otto Merkt, ehemaliger Bürgermeister von Kempten und Kreisratsvorsitzender, gegründet. Den Namen Heimatverein Kempten bekam der Kemptener Ortsverein im Jahr 1956. 2002 zog die Geschäftsstelle des Vereins in die Schützenstraße ins Gebäude der denkmalgeschützten Reichsstädtischen Münze, die Prägestätte der Münzgelder der Reichsstadt Kempten.
 
Kunst und Kultur bewahren
Der Heimatverein Kempten fördert die Wertschätzung der Schönheit und der Eigenarten des Allgäus. Oberstes Ziel des Vereins ist es bewarenswerte Kunst und Kultur für die Nachwelt zu erhalten, die Natur zu schützen und notwendigen Wandel in die Zukunft behutsam mitzugestalten. Dazu werden Vorträge, Führungen und Fahrten angeboten, eine wissenschaftliche historische Zeitschrift für das Allgäu herausgegeben (seit 1888 der „Allgäuer Geschichtsfreund“ sowie die Buchreihe „Allgäuer Forschungen zur Archäologie und Geschichte“) und die Museen der Stadt Kempten gefördert. Seit 1988 geschieht dies in Kooperation mit dem Verein „Freunde der Kemptener Museen e.V.“ Am 9. Mai 2009 feierte der Verein sein 125 jähriges Bestehen. Alle Mitglieder des Vereins bringen sich mit ihrer Expertise in zahlreichen Gremien ein und gestalten die Erinnerungskultur der Stadt proaktiv mit. Die Geschichte des Heimatvereins Kempten ist räumlich, inhaltlich und personell eng mit der jüngeren Geschichte des Stadtarchivs Kempten verflochten, auch wenn bis heute noch kein Stadtarchivar Vorsitzender des Heimatvereins gewesen ist.
 
Hohe Auszeichnung
Im Jahr 2025 wurde der Heimatverein Kempten in München durch den Bayerischen Staatsminister für Finanzen und Heimat Füracker mit dem „Heimatpreis Bayern" ausgezeichnet. Diesen Preis erhielten die Kemptener für „ihr außerordentliches Engagement und herausragende Verdienste um die bayerische Heimat". Alfred Füracker in seiner Laudatio: "Der Heimatverein Kempten e. V. ist seit 1884 in einer Vielzahl von Bereichen aktiv – von Archäologie und Architektur bis zu Geschichte und Volkskunde. Er bringt seine Arbeit der interessierten Öffentlichkeit näher und berät verschiedene Gremien der Stadt. Zu den bedeutenden Projekten zählen die Herausgabe von Publikationen zur Stadtgeschichte sowie die Organisation von Vorträgen, Führungen und Exkursionen. Das historische Jahrbuch „Allgäuer Geschichtsfreund“, welches der Verein bereits seit 1888 herausgibt, zählt zu einem der bedeutendsten historischen Periodika Schwabens. Ein besonderes Anliegen ist auch die kritische Aufarbeitung der NS-Zeit und das Sichtbarmachen der Zeitgeschichte vor Ort."

Interview mit Markus Naumann, Erster Vorsitzender Heimatverein Kempten

Jörg Spielberg: Wie fanden Sie selbst zum Thema Heimatpflege, Heimatkunde?
Markus Naumann: Ich habe mich schon als Jugendlicher sehr für Geschichte interessiert. Zur Lokalgeschichte kam ich Anfang der 1980er über den Schülerwettbewerb zur politischen Bildung, bei dem man sich mit Spuren der Vergangenheit beschäftigen sollte. Mein Thema war die Burghalde in Kempten.
 
Von welcher Seite wünschen Sie sich ggfs. mehr Unterstützung?
Der Heimatverein erfährt durch die Stadt Kempten ideell viel Unterstützung und wir haben eine schöne Geschäftsstelle in einem städtischen Gebäude zu einem sehr fairen Mietpreis. Also besteht kein Grund zum Jammern. Natürlich würden wir uns beispielsweise bei unseren Publikationen, dem Allgäuer Geschichtsfreund und der Schriftenreihe Allgäuer Forschungen zur Archäologie und Geschichte über mehr bzw. regelmäßige Zuschüsse freuen.
 
Der Begriff „Heimat“ wurde durch die Herrschaft der NS-Diktatur in Mitleidenschaft gezogen. Wie gehen Sie mit dem Begriff Heimat um, wie werben Sie als Vorsitzender von Heimtvereinen dafür, dass Heimat mehr bedeutet, als eine rein völkische Deutung des Begriffs durch den Nationalsozialismus?
 Jenseits von Ideologie und Propaganda ist Heimat zunächst einmal ein Gefühl, die Sehnsucht nach einem Ort, wo man zu Hause ist. Als Heimatverein wollen wir uns darum kümmern, dass unser Ort ein lebens- und liebenswerter Lebensraum ist, wo man sich zu Hause fühlen kann – und zwar völlig unabhängig von einer „Volkszugehörigkeit“. Das Allgäu kann Heimat für hier Geborene sein, aber auch für Zugezogene von woher auch immer. So verstanden ist der Begriff Heimat nicht exkludierend, sondern inkludierend.
Um sich „daheim“ fühlen zu können, muss Vertrautes in Natur, Architektur und Brauchtum erhalten, aber auch behutsam neuen Entwicklungen angepasst werden. Damit das gut gelingt, braucht es einerseits einen wertschätzenden Umgang mit dem, was auf uns gekommen ist. Andererseits gehört zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und einem gesunden Heimatbewusstsein auch die Übernahme von Verantwortung für das, was die Altvorderen an Unschönem und Problematischem hinterlassen haben, etwa die Verbrechen des Nationalsozialismus. Mit einer Verdrängung des Begriffs Heimat aus unserem Wortschatz kommen wir dabei nicht weiter.
 
Was sollte ein neues Mitglied in ihrem Verein mitbringen?
Neugier für die lokale Geschichte.
 
Welche aktuellen Projekte ihrer jeweiligen Stadt begleiten Sie als Heimatverein mit?
Der Heimatverein Kempten entsendet einen Vertreter in die Kommission für Erinnerungskultur der Stadt Kempten. Seit Bestehen der Kommission ist sein Vorsitzender auch Vorsitzender der Kommission, die sich bisher vorrangig mit der problematischen Erinnerung an Persönlichkeiten aus der NS-Zeit in Form von Straßennamen beschäftigt hat und wie man damit künftig umgehen soll. Stark engagiert ist der Verein auch bei der Planung für eine Weiterentwicklung des Allgäuhallengeländes, wo bis vor wenigen Jahren Viehauktionen stattgefunden haben und wo neben einem nichtkommerziellen Kulturquartier und einer Ausstellung zur Milchwirtschaft ein Erinnerungsort an das dort im Zweiten Weltkrieg untergebrachte KZ-Außenlager Kempten entstehen soll. Außerdem beteiligt sich der Heimatverein Kempten an der Weiterentwicklung der historischen Kemptener Friedhöfe. Denn bei diesen handelt es sich neben Begräbnisorten um Orte der Erinnerung an alte Kemptener Familien und Persönlichkeiten, die Interessierten wieder ins Bewusstsein gerufen werden sollen und damit auch die Geschichte der Stadt.
 
Welche Slogan/Leitsatz für Ihren Heimatverein könnten Sie sich als Überschrift für den Artikel vorstellen?
 Heimat neu entdecken. Zukunft gestalten. Oder ein KI-Vorschlag: „Wo Kemptens Geschichte Zukunft hat.“

Interview und Text: Jörg Spielberg