Den Stars und Sternchen so nah mit Jana: Singer-Songwriterin Dota im Interview – "Die Kleingeldprinzessin" überzeugt als unabhängige Künstlerin
Das Stethoskop blieb im Schrank – Ihre Liebe zur Musik ist ungebrochen
Schon früh war klar: Dota Kehr geht ihren eigenen Weg. Die Berlinerin absolvierte ein Medizinstudium, entschied sich nach ihrem Abschluss jedoch bewusst gegen eine Arztkarriere – und für die Musik. Als unabhängige Künstlerin gründete sie ihr eigenes Plattenlabel und verbindet in ihren Texten meisterhaft Tiefgang mit Humor, Wortwitz und treffender Alltagsironie. In ihren Songs nimmt sie gesellschaftliche Trends, Themen wie Liebeskummer und die kleinen Absurditäten des Lebens mit einem Augenzwinkern ins Visier – klug, pointiert und immer nahbar. Die erfolgreiche Liedermacherin steht meist gemeinsam mit ihrer Band auf der Bühne, spielt ausverkaufte Konzerte und wurde unter anderem mit dem renommierten deutschen Weltmusikpreis „Ruth“ ausgezeichnet. Unsere Redaktionsleitung Jana Dahnke traf Dota zum exklusiven Interview...
Dota Kehr: Das meiste. Von den Dingen, die mich bewegt und dazu gebracht haben, Lieder zu schreiben, fühlen sich viele noch genauso dringlich an wie damals: Ungerechtigkeit, die überall ins Auge springt, Einsamkeit, Zukunftssorgen, aber auch die Utopie und das Miteinander feiern. Andere Themen aus meiner Anfangszeit als Songwriterin sind mir fremder geworden und um vieles hat sich mein Blick mit den Jahren erst erweitert, so dass Neues hinzugekommen ist.
Nimm uns doch bitte auf eine kleine Zeitreise mit...
2000 habe ich angefangen, Gitarre zu spielen – autodidaktisch. 2002 schrieb ich die ersten Lieder, 2003 veröffentlichte ich mein Debütalbum und gründete mein eigenes Label. Außerdem war ich 2003 in Brasilien und habe dort mit Danilo Guilherme ein Album aufgenommen. 2010 kam „Bis auf den Grund“ raus – das erste richtig erfolgreiche Album. 2016 dann „Keine Gefahr“, was die ersten richtigen Radio-Rotationen hatte und womit wir erstmals in den Top-20-Albumcharts auftauchten. 2020 erschien das erste Album mit Mascha-Kaléko-Vertonungen, 2024 ein weiteres Album mit Danilo und zuletzt „Springbrunnen", womit wir aktuell auf Tour sind.
2004 war der Moment, ab dem Du von Deiner Musik leben konntest. Was war das für ein Gefühl?
Staunend Münzen aufsammeln und merken, dass es gerade so reicht. Ich habe am Anfang CDs verkauft, die ich zuhause auf dem Rechner gebrannt habe und die gingen wahnsinnig gut weg, wenn ich in kleinen Kneipen oder Cafés Konzerte gespielt habe. Außerdem brauchte ich nicht viel. In Berlin konnte man damals noch für 200 Euro in einem WG-Zimmer zur Miete wohnen.
Du hast ursprünglich Medizin studiert. Wann war Dir klar: Das Stethoskop bleibt im Schrank?
Das hat sich erst rund um das Staatsexamen abgezeichnet. Ich lebte zwar schon während des Studiums vom Musikmachen, aber die Ideen zu den ersten richtig erfolgreichen Songs kamen mir kurz nach der schriftlichen Prüfung.
Ihr seid eine der unabhängigsten Bands Deutschlands – keine große Plattenfirma, alles selbst organisiert – kostet totale Freiheit manchmal auch zu viel Kraft?
Es kostet Kraft, aber nicht zu viel Kraft. Kurze Zeit waren wir bei einer Agentur, die uns Arbeit abgenommen hat, aber dann musste man mit denen einfach so viel kommunizieren, dass es sich gar nicht wirklich nach weniger Arbeit angefühlt hat. Ich liebe es unabhängig zu sein.
Große Majorlabels locken mit Geld und Reichweite – was war Dein wichtigstes Nein?
Ich hasse die Vorstellung, dass irgendwelche Marketingleute mitreden, eine „Zielgruppe" im Kopf haben und blabla. Meine Zielgruppe sind einfach alle, die sich für meine Lieder begeistern können und das ist eine völlig gemischte Gruppe von Menschen. Das finde ich sehr, sehr schön.
Deine Band existiert seit über 20 Jahren. Wie schafft man es, sich weiterzuentwickeln, ohne sich dabei selbst zu verlieren?
Durch kontinuierliche Arbeit – unter anderem auch am eigenen Geschmack. Was einen Musiker ausmacht, ist sein Musikgeschmack und es ist unverzichtbar immer auf der Suche nach Musik (von anderen) zu sein, die einen berührt. Und beim eigenen Schreiben und Arrangieren finde ich es sehr wichtig, sich immer von Erwartungen frei zu machen. Es wird sowieso jemand ankommen und sagen „das alte Album mochte ich lieber“, deshalb sollte man gar nicht erst versuchen, sich selbst zu kopieren, sondern jedem neuen Lied erlauben, sich so zu entwickeln, dass es die beste Form seiner selbst ist und dabei schauen, wo man stilistisch landet.
Was ist bei Dir zuerst da – Text oder Melodie?
Das hält sich die Waage. Meist habe ich ein oder zwei Zeilen, die sich glücklich mit einer Melodie verheiratet haben. Dann arbeite ich gleichzeitig an Text und Melodie weiter, um ein ganzes Lied daraus zu entwickeln. Ein sehr, sehr unsystematischer Vorgang.
Deine Lieder erzählen oft sehr konkrete, originelle Geschichten. Was inspiriert Dich?
Alles um mich herum. Gelegentlich auch mal ein Buch, aber meist Beobachtungen.
Deine Texte verbinden Leichtigkeit mit ziemlich schweren Themen. Wie gelingt Dir diese Balance?
Ich glaube, der Trick ist, dass ich die ganzen sehr schweren Songs dann einfach aussortiere und nur die behalte, die eine gewisse Leichtigkeit haben.
Wann ist ein Song fertig – wenn er perfekt ist oder wenn er sich für Dich richtig anfühlt?
Eine ganz schwierige Frage. In dem Moment, in welchem ich jemandem ein Lied zum allerersten Mal vorspiele, verändert sich etwas. Dann setzen sich die Zeilen und Melodien wirklich fest. Zwar kann ich noch Dinge verändern, aber das erste Vorspielen ist der wichtigste Schritt. Deshalb muss ich unbedingt aufpassen, ihn nicht zu früh zu gehen. Meine unfertigen Lieder sind gut gehütete Geheimnisse.
Du hast intensiv Texte von der Dichterin Mascha Kaléko vertont: Wie schwer war es danach, wieder die eigenen Worte zu finden?
Das war kein Problem. Ich habe in der Zeit, in der ich mich mit den Gedichtvertonungen beschäftigt habe, parallel immer an eigenen Texten gearbeitet. Ich könnte gar nicht sein, ohne zu schreiben. Außerdem fand ich Mascha Kalékos Stil mit meinem in ein paar Dingen recht verwandt.
Die Kernfrage Deines neuen Albums "Springbrunnen" lautet: Wie behält man Hoffnung in dieser Zeit? Hast Du (beim Schreiben) selbst eine Antwort darauf gefunden?
Es klingt fast zu simpel, aber ich glaube, die Antwort ist: Das geht nur gemeinsam.
"Einfach zu abgelenkt" handelt von Reizüberflutung und Bildschirmwelten. Wie schützt Du Dich davor, in der Dauerbeschallung verloren zu gehen?
Wie alle anderen kostet mich das viel Disziplin. Beim Schreiben ist es mir wichtig, mein Telefon nicht in der Nähe zu haben und ich verzichte auf einen Internetzugang. Im Alltag versuche ich jeden Tag eine gedruckte Zeitung zu lesen, weil ich mich dabei viel besser als am Bildschirm konzentrieren kann.
"Im Springbrunnen baden mit nackten Milliardären" verbindet Konsumkritik mit Humor. Warum braucht Musik heute mehr Witz als Zeigefinger?
Das hat der Musik immer schon gutgetan. Ich weiß nicht genau, warum ich dieses Lied geschrieben habe. Das Bild wollte mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen: So ein Springbrunnen in einer Fußgängerzone und diese skurrile Party darin – zwischen Hedonismus und der Bloßstellung dieser absolut perversen Wohlstandsverteilung.
Welcher Deiner eigenen Songs geht Dir bis heute besonders nah?
„Bis auf den Grund“ – ein Liebeslied nach einer Trennung und im Refrain heißt es „auf einer Sandbank im Ozean, steh ich nun und – ich kann von hier alles sehen, weißt du, bis auf den Grund“. Dieses Wortspiel, in dem die Bedeutung hin und her kippen kann, versetzt mich jedes Mal, wenn ich es singe, in den Moment zurück, als es mir eingefallen ist.
Auf welches Album bist Du besonders stolz?
Darf ich zwei nennen? „Wir rufen dich, Galaktika“ von 2023 halte ich für mein bislang gelungenstes Studioalbum mit eigenen Texten. Und 2024 habe ich das Album „De repente Fortaleza“ auf Portugiesisch veröffentlicht: Die Lieder darauf habe ich zusammen mit dem brasilianischen Komponisten Danilo Guilherme geschrieben – er überwiegend die Texte, ich die Musik – und ich finde, es ist besonders gut geworden. Ich kann sogar berichten, dass ein Lied davon in Brasilien gecovert wird.
Deine Konzerte sind extrem schnell ausverkauft. Macht Dir Erfolg manchmal Angst – zum Beispiel davor, die intime Nähe zum Publikum zu verlieren?
Nein, es ist immer die gleiche Herausforderung, eine Verbindung zum Publikum herzustellen und die Leute zu unterhalten – egal ob 100 oder 1.000 Menschen da sind. Außerdem machen wir einfach immer, was wir wollen und planen uns ab und zu kleinere Konzerte in Duo-Besetzung oder solo, nur mit Gesang und Gitarre.
Was hoffst Du, dass Menschen nach einem Dota-Konzert mit nach Hause nehmen?
Ich finde es schwer, das zu beantworten. Aber ich merke, wenn ich nach den Konzerten mit Leuten rede, dass sie etwas sehr Gutes mitnehmen. Leichtigkeit ist bestimmt dabei.
Wenn Du der Dota, die damals mit der Gitarre auf der Straße stand, heute einen Satz sagen könntest – welcher wäre das?
Genieße die Zeit, in der es noch nicht die Anforderung gibt, dich selbst auf Social Media zu vermarkten. (also die Jahre bis circa 2012)
Wo kann man Dich demnächst live erleben?
Wir sind aktuell mit unserem Album "Springbrunnen" auf Tour – in voller Bandbesetzung, abwechslungsreich und mit viel Raum zum Tanzen und Mitsingen. Die nächsten Konzerte spielen wir unter anderem am 4. Juni im ulmer zelt und am 19. Juli auf Schloss Blumenthal in Aichach – dort übrigens schon am frühen Abend, sodass man danach noch das WM-Fußballspiel sehen kann, wenn man mag.
...Wenn Dota im Juli mit kompletter Band nach Schloss Blumenthal zurückkehrt, schließt sich ein besonderer Kreis. Bereits 2015 war sie hier zu Gast!
Alle weiteren Tourdaten gibt es unter https://kleingeldprinzessin.de
















