Lebendiger Raum für gemeinsame Verantwortung – der Heimatverein Kaufbeuren e.V.

Wo Geschichte Zukunft hat

Der Heimatverein Kaufbeuren e.V. befasst sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Stadt Kaufbeuren und lässt die Öffentlichkeit an seinen Erkenntnissen teilhaben. Mit einer über hundertjährigen Geschichte gehört der Heimatverein Kaufbeuren e.V. zu den ältesten und traditionsreichsten Vereinen der Stadt...

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Mitglieder des Heimatvereins Kaufbeuren e.V. bei einer gemeinsamen Grenzsteinwanderung. In der Mitte rechts unten die 1. Vorsitzende des Vereins Tina Kutter.Bild: Helmut Kögel
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Das ehemalige Zollhäuschen bietet dem Heimatverein Kaufbeuren e.V. Platz für Ausstellungen.Bild: Tobias Scheßl
1891 gründete der Kaufbeurer Magistratsrat und Kunsthändler Willibald Filser den „Altertumsverein Kaufbeuren“, der zunächst etwa 10 Mitglieder zählte. Seine Gründung fällt in eine Zeit, in der sich die gebildeten Bevölkerungskreise in ganz Deutschland für die regionale und nationale Geschichte begeisterten und überall im Land „altertumsforschende Vereine“ entstanden.

Drei Vereinsziele
1936 erhielt der Verein, dessen Treffpunkt damals der „Hexenturm“ war, seinen heutigen Namen – „Heimatverein Kaufbeuren“. Außerdem wurden drei satzungsmäßige Grundsätze festgelegt, die weitgehend bis heute gelten: Beschäftigungsgebiet waren die Stadt und der Altlandkreis Kaufbeuren; Aufgabenkreis sollten „alle Bereiche der Heimatkunde und –pflege sowie der Heimat- und Naturschutz“ sein; der Verein sollte einerseits heimatkundliche Forschung mit wissenschaftlichem Anspruch betreiben, dabei aber alle Bevölkerungsschichten ansprechen. Während des Zweiten Weltkriegs kam das Vereinsleben zum Erliegen; 1945 wurde der Verein von der Besatzungsmacht formal aufgelöst.
 
Neuanfang
Dass es 1948 schließlich wieder zu einer Neugründung – mit bereits etwa 200 Mitgliedern – kam, ist maßgeblich der Initiative des damaligen Heimatpflegers des Landkreises Kaufbeuren, Fritz Schmitt, zu verdanken. Fritz Schmitt leitete den Verein bis zu seinem Tod 1963 und ist auch der Begründer der seit Mai 1952 vierteljährlich erscheinenden Vereinszeitschrift „Kaufbeurer Geschichtsblätter“. Die Mitgliederzahl stieg in den nächsten Jahrzehnten kontinuierlich an und erreichte 1990 mit 1205 Mitgliedern einen Höhepunkt. Gegenwärtig sind es 820 eingetragene Mitglieder. Seit vielen Jahren findet am dritten Mittwoch im Monat ein Vortragsabend im Saal der Kolpingakademie statt. Die Vorträge sind öffentlich und beschäftigen sich mit vielfältigen Themen, die im Bezug zu Stadt und Region stehen.
 
Domizil im Zollhäuschen
Das ehemalige Zollhäuschen vor dem Kemptener oder Kemnater Tor beherbergt seit 1984 eine wichtige Anlaufstelle des Vereins. Ab August 2021 sanierte die Stadt Kaufbeuren das in ihrem Besitz befindliche historische Gebäude. Im November 2023 fand die Wiedereröffnung statt. Der Heimatverein nutzt den südlichen Raum  als Anlaufstelle sowie für kleine Ausstellungen. Daneben bietet die Stadt Kaufbeuren Trauungen sowie Führungen im Zollhäuschen an. Die Stadtheimatpflege führt ihre Sprechstunden im Zollhäuschen durch. 
 
Treffpunkt Bibliothek
Die Adresse „Unter dem Berg 16a“ steht für die Bibliothek des Vereins. Hier kann die reichhaltige Sammlung von Büchern und Schriften zu heimatgeschichtlichen Themen genutzt werden. Ebenso können dort die Publikationen des Vereins erworben werden, die „Geschichtsblätter“ zum Binden gebracht oder sich für Fahrten angemeldet werden. Zudem biete sich die Möglichkeit einfach ins Gespräch zu kommen. 
 
Welche aktuellen Projekte ihrer jeweiligen Stadt begleiten Sie als Heimatverein mit?
Tina Kutter,1. Vorsitzende: „Zum einen ist dies die Erforschung und Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus in Kaufbeuren. Zudem geben wir Stellungnahmen zu aktuellen Bauvorhaben wie dem Wohnbauprojekt Blasiusblick oder der Bebauung des alten Postare ab."

Interview mit Tina Kutter, 1. Vorsitzende Heimatverein Kaufbeuren e.V. 

Jörg Spielberg: Wie fanden Sie selbst zum Thema Heimatpflege, Heimatkunde?
Tina Kutter: Durch das Themenfeld Stadtentwicklung. Mich aktiv für die Zukunft der eigenen „Heimat“ einzusetzen. Dabei ist die historische Forschung Voraussetzung, mich mit Veränderungen auseinander zu setzen und die Zukunft mitzugestalten.
 
Von welcher Seite wünschen Sie sich ggfs. mehr Unterstützung?
Mehr Mitglieder, die bereit sind, ein Amt zu übernehmen oder sich aktiv einbringen.
 
Der Begriff „Heimat“ wurde durch die Herrschaft der NS-Diktatur in Mitleidenschaft gezogen. Wie gehen Sie mit dem Begriff Heimat um, wie werben Sie als Vorsitzende von Heimatvereinen dafür, dass Heimat mehr bedeutet, als eine rein völkische Deutung des Begriffs durch den Nationalsozialismus?
Tina Kutter:  Ein präziserer Name wie z.B. Verein für Heimat-, Stadt- und Kulturpflege wäre denkbar, dennoch spricht einiges dafür, den bestehenden Namen zu behalten und den Begriff „Heimat“ selbstbewusst positiv und offen zu definieren. Dies auch im Sinne einer gesellschaftspolitischen Rolle eines Heimatvereins. Ein demokratischer Heimatverein sollte deshalb dazu beitragen, diesen Begriff zukunftsfähig zu gestalten und einen Raum für sachliche Diskussionen zu bieten.
 
Was sollte ein neues Mitglied in Ihrem Verein mitbringen?
 Aktives Interesse an unserem Vortragsprogramm, Ausflügen und Gemeinschaftsaktivitäten, unseren Veröffentlichungen und im besten Falle auch die Bereitschaft, aktiv in einem Amt, bei Einzelprojekten oder mit neuen Ideen mitzuwirken.
 
Welche aktuellen Projekte ihrer jeweiligen Stadt begleiten Sie als Heimatverein mit?
Erforschung und Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus in Kaufbeuren, Stellungnahmen zu aktuellen Bauvorhaben wie dem Wohnbauprojekt Blasiusblick oder der Bebauung des alten Postareals.
 
Welche Slogan/Leitsatz für Ihren Heimatverein könnten Sie sich als Überschrift für den Artikel vorstellen?
Der Heimatverein Kaufbeuren versteht Heimat als lebendigen Raum für gemeinsame Verantwortung. Er bewahrt Geschichte und Tradition, setzt sich aktiv für die Mitgestaltung der Zukunft von Stadt, Kultur, Bau- und Landschaftsraum ein und fördert den offenen, demokratischen Austausch.  

Interview und Text: Jörg Spielberg