Mit seinem neuen Programm „Wildwuchs“ kehrte der Berliner Liedermacher und Poet ins Augsburger Abraxas zurück – und bewies einmal mehr, dass seine Konzerte weit mehr sind als Musik. Es sind Begegnungen, die bleiben.

Es gibt Künstler. Und es gibt Max Prosa.

Eigentlich wollten wir dieses Mal gar keinen Konzertbericht schreiben. Nach unserem ersten Abend mit Max Prosa im vergangenen Jahr und einem bewegenden Interview schien alles gesagt. Dachten wir. Doch wir hätten es besser wissen müssen. Denn wahrscheinlich gleicht kein einziges Konzert dieses Künstlers dem anderen. Nicht, weil sich die Lieder ständig ändern. Sondern weil sich die Menschen ändern. Und weil Max Prosa ihnen jedes Mal auf eine andere Weise begegnet.

Ja, richtig gelesen. Eigentlich wollten wir dieses Mal gar keinen Konzertbericht schreiben. Nicht, weil es nichts zu erzählen gegeben hätte. Sondern weil wir nach unserer ersten Begegnung mit Max Prosa im Augsburger Abraxas und einem berührenden Interview das Gefühl hatten, bereits alles gesagt zu haben. Über seine Worte. Seine Lieder. Seine außergewöhnliche Gabe, Menschen miteinander zu verbinden. Über einen Künstler, der mit einer Gitarre, einem Klavier und einer Handvoll Gedanken einen ganzen Raum in eine andere Welt verwandeln kann. Nach dem Abend im letzten Jahr Abend war für uns klar: Wenn Max wieder nach Augsburg kommt, werden wir wiederkommen. Nicht als Journalistinnen. Sondern als Menschen, die sich noch einmal berühren lassen wollen. Was wir dabei vergessen hatten: Wahrscheinlich gleicht kein einziges Max-Prosa-Konzert dem anderen. Selbst wenn die Tour dieselbe wäre. Dieses Mal war sie es ohnehin nicht. Mit seinem neuen Programm „Wildwuchs“ öffnet Max Prosa ein weiteres Kapitel seiner Reise durch Sprache und Musik. Begleitet wird es von seinem neuen, gleichnamigen Gedichtband „Wildwuchs“, seiner inzwischen vierten Veröffentlichung lyrischer Texte und Gedanken. 

Gedichte, Aphorismen, Tagebucheinträge und philosophische Beobachtungen wachsen darin wie eine ungezähmte Wiese – mal zart, mal widerspenstig, mal voller Licht und manchmal so ehrlich, dass sie wehtun. Zwischen bekannten Texten wie „Puzzlestück“ und vielen bislang unveröffentlichten Gedanken entsteht ein Buch, das man nicht einfach liest, sondern durch das man hindurchgeht. Genau dieses Gefühl trägt auch der Abend in sich. Nichts wirkt geplant, nichts wirkt einstudiert. Max Prosa spielt keine Konzerte. Er begegnet Menschen. Er hört zu, bevor er antwortet. Er spürt den Raum, nimmt Stimmungen auf, greift Gedanken auf, reagiert auf das Publikum, als würde der Abend gemeinsam mit allen Anwesenden erst in diesem Moment geschrieben werden. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich jedes seiner Konzerte anfühlt wie eine Premiere. Nicht, weil alles neu ist. Sondern weil jeder Mensch im Raum etwas anderes mitbringt – und Max die seltene Gabe besitzt, daraus etwas Gemeinsames entstehen zu lassen. Und doch bleibt eines immer gleich: seine Echtheit. Diese fast kindliche Freude darüber, dass Menschen gekommen sind. Dieses ehrliche Lächeln nach jedem Applaus. Diese Dankbarkeit, die niemals gespielt wirkt. Immer wieder möchte man aufspringen und ihm zurufen: Nein, Max. Nicht du musst dich bedanken. Wir danken dir. Dafür, dass du Worte findest, wenn anderen längst die Sprache fehlt. Dafür, dass du Erinnerungen weckst, ohne sie aufzureißen. Dafür, dass du Hoffnung schenkst, ohne große Versprechen zu machen. Dafür, dass du uns für zwei Stunden daran erinnerst, wie viel Schönheit in einem einzigen Satz liegen kann. 

Während man durchs Publikum blickt, sieht man Geschichten. Da sitzt eine Frau mit geschlossenen Augen, als würde sie jedes Wort tief in sich aufnehmen. Zwei Menschen halten sich an den Händen, als hätten sie sich gerade neu gefunden. Irgendwo fließen Tränen. Anderswo wird gelächelt. Manche schreiben mit. Andere schauen einfach nur. Und plötzlich merkt man, dass jeder im Saal zwar dieselben Lieder hört, aber doch seine ganz eigene Geschichte erlebt. In der Pause kommen wir mit Menschen ins Gespräch. Ein Paar erzählt uns, dass es hunderte Kilometer gefahren ist, sich ein Hotel genommen hat und jedes Jahr versucht, Max Prosa irgendwo live zu erleben. Nicht wegen der Setlist. Sondern wegen des Gefühls, das sie nach Hause begleitet.

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Eine Lehrerin erlebt ihn an diesem Abend zum ersten Mal. Nach wenigen Liedern sagt sie einen Satz, der uns bis heute nachgeht: „Eigentlich müsste Max Prosa Unterrichtsfach sein.“ Zunächst lächelt man darüber. Und dann merkt man, wie wahr dieser Gedanke eigentlich ist. Denn was Max Prosa vermittelt, lässt sich weder benoten noch in Charts messen. Es geht um Mitgefühl. Um Empathie. Um Zuhören. Um Menschlichkeit. Um die leisen Fragen, die in einer lauten Welt oft keinen Platz mehr finden. Er erzählt von schweren Zeiten, von Momenten, in denen Musik selbst zum Rettungsanker wurde. Er spricht über Verlust, Abschied, Liebe, Zweifel und Hoffnung. Nicht als jemand, der Antworten geben möchte. Sondern als jemand, der zeigt, dass wir mit unseren Fragen nicht allein sind. Vielleicht ist genau das seine größte Kunst. Er schreibt keine Lieder, die nach drei Minuten enden. Seine Texte gehen mit nach Hause. Sie setzen sich auf den Beifahrersitz. Sie begleiten den Heimweg durch die Nacht. Sie tauchen Tage später wieder auf, beim Spaziergang, beim Blick aus dem Fenster oder mitten zwischen Alltag und Einkaufszettel. Sie klopfen leise an und erinnern daran, dass Worte mehr sein können als Sprache. Dass sie Trost sein können. Mut. Erinnerung. Hoffnung. Oder einfach das Gefühl, verstanden worden zu sein. Es gibt Künstler, die unterhalten. Es gibt Künstler, die beeindrucken. Und dann gibt es Menschen wie Max Prosa. Menschen, die etwas in Bewegung setzen, ohne laut zu werden. Menschen, die nicht die größten Hallen brauchen, weil sie ohnehin die Herzen füllen.

Vielleicht schreiben wir deshalb heute doch wieder über diesen Abend. Nicht, weil wir unseren ersten Bericht fortsetzen wollten. Sondern weil auch dieses Konzert wieder ein völlig anderes war. Weil Begegnungen wie diese nicht vergehen, wenn das letzte Lied verklungen ist. Sie bleiben.

 Und vielleicht wünschen wir uns nach diesem Abend vor allem eines: einmal einen ganzen Abend mit Max Prosa. Ohne Bühne. Ohne Mikrofon. Ohne Uhr. Mit einer großen Kanne Tee oder einer Flasche Wein. Einfach reden. Über Sprache. Über das Leben. Über Menschen. Über das, was zwischen den Zeilen passiert. Wir sind uns sicher, dass daraus weit mehr entstehen würde als ein Interview. Denn Max Prosa hat diese seltene Fähigkeit, Gedanken aus einem herauszulocken, von denen man selbst gar nicht wusste, dass sie in einem schlummern. Vielleicht liegt genau darin sein größtes Geschenk. Er gibt uns keine fertigen Antworten. Er schenkt uns den Mut, weiterzufragen. Und in einer Zeit, in der so viele Menschen immer schneller sprechen und immer weniger zuhören, ist das vielleicht die schönste Form von Kunst, die es gibt.

Worte können die Welt nicht immer verändern. Aber sie können den Menschen verändern, der sie hört. Und manchmal ist das sogar noch viel mehr.