Neuer Landrat im exklusiven Interview: Christian Wilhelm über Wirtschaft, Mobilität und Zukunft im Oberallgäu
„Bleib neugierig, hör den Menschen zu und verliere nie den Blick für das Wesentliche.“
Seit dem 1. Mai 2026 ist Christian Wilhelm Landrat des Landkreises Oberallgäu. Davor war er 12 Jahre Bürgermeister von Sonthofen. Wilhelm setzt sich dafür ein, den Landkreis Oberallgäu nachhaltig und zukunftsorientiert weiter voranzubringen – wirtschaftlich stark, touristisch attraktiv und im Einklang mit der Natur.
Unser Redakteur Jörg Spielberg traf den neuen Landrat zum exklusiven Interview…
Jörg Spielberg: Herr Wilhelm, wie hat Ihre Familie auf Ihre Wahl zum Landrat des Oberallgäus reagiert? Das zukünftige Amt bedeutet sicher auch einen Zuwachs an Arbeit und weniger Zeit für die Familie?
Christian Wilhelm: „Meine Familie hat sich sehr mit mir gefreut – gleichzeitig wissen wir alle, dass dieses Amt mit großer Verantwortung verbunden ist. Ohne den Rückhalt der Familie wäre eine solche Aufgabe kaum möglich. Als bisheriger Bürgermeister der Kreisstadt haben wir als Familie den Vorteil, dass wir den künftigen Aufwand sehr gut einschätzen können. Ich freue mich sehr auf die neue Aufgabe und darauf, gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern die Zukunft des Oberallgäus zu gestalten.“
Wie wichtig ist Ihnen die Nähe zum Bürger und wie wollen Sie diese in Ihrer Funktion als Landrat weiter sicherstellen?
„Bürgernähe ist für mich keine Floskel, sondern Grundlage guter Kommunalpolitik. Entscheidungen müssen nachvollziehbar sein und die Menschen müssen das Gefühl haben, gehört zu werden. Dazu gehört auch, Problemstellungen gegebenenfalls vor Ort anzuschauen und alle notwendigen Infos einzuholen, die es für eine fundierte und abgewogene Entscheidung braucht. Als Bürgermeister war mir der direkte Austausch immer wichtig – und das soll auch als Landrat so bleiben. Ich möchte präsent sein, zuhören und Transparenz schaffen. Gerade in Zeiten großer Herausforderungen braucht es Vertrauen zwischen Verwaltung, Politik und Bevölkerung.“
Die Arbeitslosenquote des Allgäus ist im bayernweiten Vergleich niedrig, aber die neue Wirklichkeit von Stellenabbau und Insolvenzen erreicht auch die Gemeinden von Altusried bis Hinterstein. Wie wollen Sie der regionalen Wirtschaft helfen, durch die bevorstehende Krise zu kommen?
„Unsere mittelständischen Betriebe, Handwerksunternehmen und Familienunternehmen sind das Rückgrat unserer Region. Viele stehen aktuell unter enormem Druck – durch hohe Energiekosten, Bürokratie oder internationale Entwicklungen. Der Landkreis kann wirtschaftliche Probleme nicht allein lösen, aber er kann Rahmenbedingungen verbessern, Netzwerke stärken und als verlässlicher Partner auftreten. Wichtig wird sein, gemeinsam mit den Kommunen, Kammern und Unternehmen pragmatische Lösungen zu entwickeln und Investitionen sowie Innovationen zu ermöglichen. Unser Ziel muss sein, Arbeitsplätze und Wertschöpfung in der Region zu sichern. Sicher wird auch das Thema Wirtschaftsförderung auf Landkreisebene eine größere Rolle einnehmen als früher, erst Überlegungen sind bereits im Gang“
Die Finanzkraft der Oberallgäuer Gemeinden liegt unter dem bayerischen Durchschnitt. Es droht eine Überbelastung durch Pflichtaufgaben, die Bund und Land den Kommunen übertragen, ohne die Finanzierung sicherzustellen. Wie kämpft der zukünftige Landrat Wilhelm gegen diese Ungerechtigkeit?
„Die Kommunen leisten jeden Tag enorme Arbeit – oft unter schwierigen finanziellen Bedingungen. Wenn neue Aufgaben übertragen werden, muss auch die Finanzierung gesichert sein. Das ist aus meiner Sicht eine Frage vor allem einer gesicherten Handlungsfähigkeit unserer Städte und Gemeinden. Als Landrat werde ich mich klar dafür einsetzen, dass die kommunale Ebene stärker gehört wird. Gleichzeitig müssen wir im Landkreis verantwortungsvoll wirtschaften und Prioritäten setzen, wenngleich der Landkreis hierbei ja im Wesentlichen auch Aufgaben der Kommunen übernimmt. Die Herausforderungen werden in den kommenden Jahren sicher nicht weniger, unsere Hauptsorge sind derzeit jedoch die steigenden Sozialleistungen beispielsweise der Bezirke, die hier die vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Aufgaben ausführen, allerdings werden diese enormen finanziellen Steigerungen an die Landkreise weitergereicht.“
Ein Dauerthema im Oberallgäu: der öffentliche Personennahverkehr. Wie kann dieser möglichst rentabel und nachhaltig betrieben werden?
„Gute Mobilität bedeutet Lebensqualität – für Pendlerinnen und Pendler, Schülerinnen und Schüler, Seniorinnen und Senioren ebenso wie für unsere Gäste. Damit öffentlicher Nahverkehr angenommen wird, muss er einfach, zuverlässig, alltagstauglich und vor allem bequem sein. Denn nur dann werden alternative Mobilitätsformen tatsächlich angenommen. Mit der Umsetzung des Nahverkehrsplans und dem Projekt Mobil365 wollen wir den ÖPNV im Oberallgäu Schritt für Schritt attraktiver und bezahlbar weiterentwickeln. Dazu gehören bessere Taktungen, sinnvoll abgestimmte Anschlüsse und ergänzende On-Demand-Angebote gerade im ländlichen Raum. Ein großer Schritt ist hier in 2027/2028 geplant. Gleichzeitig müssen wir realistisch bleiben: Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs darf unsere Kommunen finanziell nicht überfordern. Deshalb brauchen wir tragfähige Lösungen und eine faire Verteilung von Verantwortung und Kosten zwischen Kommunen, Freistaat und Bund. Für die Zukunft wünsche ich mir einen starken Verkehrsverbund – gemeinsam für das ganze Allgäu.“
Der Landkreis steht vor großen Investitionen in Sanierungen und Neubauten von Schulen. Zudem müssen sich die Kommunen auf den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung vorbereiten. Viele Gemeinden fühlen sich dabei vom Bund und Land alleingelassen. Sie auch?
„Die Herausforderungen im Bildungsbereich sind enorm. Gute Schulen und verlässliche Betreuung sind zentrale Zukunftsaufgaben – darüber herrscht breite Einigkeit. Gleichzeitig bringen diese Anforderungen Städte und Gemeinden finanziell und organisatorisch an ihre Grenzen. Deshalb braucht es aus meiner Sicht eine realistische Finanzierung und verlässliche Unterstützung durch Bund und Land. Der Landkreis wird seinen Beitrag leisten, aber wir brauchen insgesamt eine ehrliche Diskussion darüber, was Kommunen dauerhaft stemmen können und wie wir die neuen Lernwelten finanzieren. Vielleicht wird da auch nicht jeder Wunsch erfüllbar sein.“
Bezahlbarer Wohnraum ist ein zentrales Thema. Im Allgäu gibt es auch eine Diskussion um die Frage, ob zu viele ältere Menschen zu viel Wohnraum beanspruchen, den jüngere Familien verzweifelt suchen. Ihre Haltung dazu?
„Bezahlbarer Wohnraum ist eine der wichtigsten sozialen Fragen unserer Zeit – gerade auch im Oberallgäu. Deshalb war das Thema für mich schon in der Vergangenheit ein besonderer Schwerpunkt und ich konnte in Sonthofen hier sehr viel bewegen. Mir ist wichtig, dass Menschen aus der Region – Familien, junge Menschen, Alleinerziehende oder Senioren – auch künftig in ihrer Heimat wohnen können. Der Gesetzgeber hat mit dem Modernisierungsgesetz und dem Bauturbo wichtige Schritte gemacht, es ist auch an uns, dies nun in Bauvorhaben umzusetzen. Sorge bereitet nach wie vor den Wohnungsbaugesellschaften die Förderkulisse und die Abrufbarkeit von Fördermitteln. Wir im Landkreis versuchen, Baugenehmigungsprozesse nochmals zu beschleunigen, auch hier brauchen die Investoren schlanke Prozesse. Natürlich braucht es für alle Generationen eine verantwortungsvolle Flächenpolitik, neue Wohnformen, Nachverdichtung dort, wo sie sinnvoll ist, und vor allem pragmatische Lösungen vor Ort.“
Eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung gibt an, öffentlich nicht mehr all das sagen zu können, was sie denkt. Was meinen Sie: Was dürfen Bürger kritisieren – die Flüchtlingspolitik, die Energiepolitik, die Außenpolitik? Wie liberal sind Sie?
„Ich bin ein Demokrat durch und durch und daher vertrete ich die klare Meinung, dass es selbstverständlich möglich sein muss, politische Entscheidungen kritisch zu diskutieren – sachlich, respektvoll und im Rahmen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Ich habe aber auch die Erwartung, dass das umgekehrt genauso dazugehört und wir überall wieder lernen sollten, zuzuhören. Unterschiedliche Meinungen gehören zu einer offenen Gesellschaft dazu. Wichtig ist für mich, dass Debatten nicht spalten, sondern dazu beitragen, Lösungen zu finden.“
Stellen Sie sich vor, Sie wissen, dass Sie über Nacht Ihr Gedächtnis vollkommen verlieren. Zuvor dürften Sie auf einen Zettel einen Satz schreiben, den Sie am nächsten Morgen lesen dürfen. Welcher Satz wäre das?
„Bleib neugierig, hör den Menschen zu und verliere nie den Blick für das Wesentliche.“





