„Zielstrebig, strukturiert und ehrgeizig“ – Augsburgs Oberbürgermeister Dr. Florian Freund im exklusiven Interview
Über seine Ziele, Pläne und Visionen für die Fuggerstadt
Nach 18 Jahren hat die SPD in Augsburg wieder das Ruder in der Hand: Dr. Florian Freund, unser neuer Oberbürgermeister, wird am 4. Mai offiziell vereidigt – doch schon jetzt ist spürbar, mit welcher Ernsthaftigkeit und Leidenschaft er dieses Amt ausfüllen wird. Der sympathische Stadtchef möchte mit klarem Gestaltungswillen Verantwortung übernehmen, sucht bewusst den Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern und nimmt ihre Anliegen ernst. Im exklusiven Interview mit unserer Redaktionsleitung Jana Dahnke spricht der gebürtige Würzburger über die ersten Momente nach seinem Wahlsieg, seine politischen Schwerpunkte – und darüber, wie Augsburg wieder an Anziehungskraft gewinnen kann und zu einer Stadt wird, die Menschen gerne besuchen, erleben und mitgestalten wollen…
Dr. Florian Freund: Gedanken waren das gar nicht so sehr – es war vor allem ein Gefühl. Einerseits ist mir ein Stein vom Herzen gefallen, weil die ganze Anspannung plötzlich weg war. Gleichzeitig merkt man aber sofort, dass das Gewicht auf den Schultern größer wird. Das, worüber man im Wahlkampf noch eher abstrakt gesprochen hat, wird nun sehr konkret. Es geht in die Umsetzung – und da kommt viel Arbeit auf einen zu. In den ersten Tagen danach setzt sich das allerdings immer mehr.
Haben Sie mit diesem doch recht deutlichen Ergebnis gerechnet – wie haben Sie den Wahlabend erlebt?
Im Wahlkampf ist das mit den Gefühlen ehrlich gesagt schwierig – das geht ständig auf und ab. Es gibt Tage, da denkt man: Das läuft richtig gut. Und dann gibt es wieder Momente, in denen man sich fragt, wie das am Ende klappen soll. Am Wahltag selbst bin ich deshalb von einem knappen Ergebnis ausgegangen – ich wusste nur nicht, in welche Richtung. Umso überraschender war dann der erste Blick auf mein Handy: zwei Balken, einer deutlich größer als der andere. Es hat tatsächlich einen Moment gedauert, um zu realisieren, dass mein Name unter dem größeren steht. Ich habe es dann gleich meiner Frau gezeigt, um sicherzugehen. (Lacht) Wir sind anschließend relativ schnell in die Stadt gefahren, weil klar war, dass dort alle auf eine Reaktion warten.
Sie haben im Wahlkampf gesagt, Augsburg müsse „wieder in Ordnung gebracht werden“. Woran werden die Bürgerinnen und Bürger erste Veränderungen erkennen?
Wir müssen jetzt bei einigen Themen schnell vorankommen. Ein zentraler Punkt ist der ÖPNV: Hier wollen wir ein klares Signal setzen und ihn so stärken, dass er für die Bürger wieder eine echte attraktive Alternative wird. Ein weiteres wichtiges Thema sind die Schultoiletten. Ich habe mir dazu kürzlich die Heinrich-von-Buz Realschule in Oberhausen angeschaut – mein Eindruck ist, dass alle Beteiligten bereit sind, hier gemeinsam Lösungen voranzubringen. Da möchte ich zeitnah erste Ergebnisse sehen, weshalb es nun zügig in die Umsetzung gehen muss. Ein weiterer Punkt ist die Fuggerpromenade – Dort wird man nicht sofort Baumaßnahmen sehen, aber wir müssen schnell in die Planung einsteigen, damit in den nächsten Jahren sichtbar wird, dass sich etwas entwickelt – die Fertigstellung sollte dann idealerweise ziemlich zeitgleich mit der des Staatstheaters einhergehen. Daneben stehen weitere Themen wie die Freilichtbühne, der Wohnungsmarkt oder das Azubiwerk auf der Agenda.
Beim Thema Schultoiletten setzen Sie auf Unterstützung aus der Wirtschaft. Welche Rolle können solche Partnerschaften spielen?
Ich halte es für ein sehr gutes Signal, dass sich Unternehmen in Augsburg bereit erklären, sich hier einzubringen. Bei einer Aufgabe dieser Größenordnung kann es nur gemeinsam gelingen, spürbare Verbesserungen zu erreichen. Mit einem der Beteiligten, Elias Puhle von „Gleich Bau“ in Göggingen, habe ich bereits vor einigen Jahren eine Schultoilette saniert. Das haben wir damals bewusst nicht öffentlich in den Vordergrund gestellt, weil es uns nicht um politische Inszenierung ging. In der Folge sind weitere Schulen auf uns zugekommen und haben ebenfalls Bedarf angemeldet. Aus diesen Erfahrungen nehme ich mit: Es ist nicht immer sofort eine vollständige Generalsanierung vonnöten. Selbst mit gezielten Maßnahmen lassen sich deutliche Verbesserungen erreichen – insbesondere dann, wenn umfassende Sanierungen auf absehbare Zeit finanziell nicht realisierbar sind. Entscheidend ist, dass die Anlagen in einem ordentlichen und nutzbaren Zustand sind. Dazu gehört ebenfalls, die Organisation der Schulhausreinigung in den Blick zu nehmen, denn auch hier sehe ich Optimierungsbedarf.
Wie organisieren Sie sich aktuell, damit Sie die ersten Hürden, die mit dem Amtseintritt einhergehen, bewältigen können?
Die größten Herausforderungen haben im Grunde schon begonnen: Es gilt, eine funktionierende Arbeitsstruktur aufzubauen, während gleichzeitig das Tagesgeschäft weiterläuft. Viele Menschen wenden sich mit Anliegen an mich und erwarten zu Recht eine zeitnahe Rückmeldung. Im Moment läuft noch vieles direkt über meinen Tisch – ich prüfe jede Nachricht selbst und entscheide, was ich weitergebe oder persönlich beantworte. Das braucht Zeit, und gelegentlich kann etwas untergehen. Dafür bitte ich um Verständnis. Ab Anfang Mai, wenn der Apparat vollständig im Dienst ist und sich die Abläufe eingespielt haben, wird sich meine Erreichbarkeit deutlich verbessern. Bis dahin ist es eine Phase intensiver Koordination.
Ich zitiere nun einen sehr schönen Satz von Ihnen: „Fast jede Entscheidung ist besser als keine Entscheidung.“ Was bedeutet das für Sie konkret?
Wenn ich keine 110-prozentige Lösung hinbekomme, ist es wichtig, dass ich mich zu einer 80-prozentigen Entscheidung traue. Mir ist lieber, es werden zehn Entschlüsse getroffen und einer davon ist im Nachhinein nicht richtig, als dass wir neunmal gar nicht entscheiden. Die Menschen müssen wissen, in welche Richtung wir gemeinsam ziehen. Und wenn diese Richtung klar ist, gehört es dazu, dass mal ein Fehler passiert – das lässt sich nicht vermeiden. Ich habe dabei ein starkes Team um mich, das mich begleitet und davor bewahrt, Fehlentscheidungen zu treffen.
Sie haben gesagt, dass Sie Personal an Stellen einsetzen möchten, an denen es spürbar wird. Wo wird die Stadt möglicherweise sparen müssen?
Wir schauen uns das gerade sehr genau an. Ein erster Punkt wurde schon angegangen: der Sommerempfang. Ich war selbst bei den vergangenen Veranstaltungen und möchte ausdrücklich sagen, dass ich sie sehr gelungen fand und die Wertschätzung gegenüber dem Ehrenamt absolut teile. Trotzdem müssen wir uns die Frage stellen, ob ein einzelner Abend mit Kosten im sechsstelligen Bereich das richtige Mittel dafür ist. Das war ein konkreter Fall, bei dem kurzfristig eine Entscheidung anstand. Natürlich ist mir bewusst, dass wir unsere Haushaltsprobleme nicht lösen, indem wir einzelne Veranstaltungen streichen – dafür sind die Summen insgesamt zu groß. Aber es geht mir darum, ein Signal zu setzen: dass wir sehr genau prüfen, wofür wir Geld ausgeben, und Prioritäten neu setzen. Wenn wir an anderer Stelle investieren wollen – etwa in die Grünpflege –, dann müssen wir diese Mittel entsprechend freimachen, ohne automatisch an anderer Stelle Gebühren zu erhöhen.
Welche Chancen sehen Sie für Augsburg in den kommenden Jahren – und was ist Ihrer Meinung nach das Alleinstellungsmerkmal unserer schönen Fuggerstadt?
Augsburg ist eine ganz wunderbare Stadt. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass weiterhin viele Menschen diesen Standort auswählen – ich selbst bin vor einigen Jahren bewusst nach Augsburg gezogen. Wir leben hier, weil wir es wollen. Das hat viel mit Lebensqualität zu tun, mit den naturräumlichen Gegebenheiten, mit der Lage an zwei Flüssen und insgesamt mit dem Charakter dieser Stadt. Gleichzeitig müssen wir uns die Frage stellen, warum sich andere Städte in manchen Bereichen dynamischer entwickelt haben als wir. Ich war im vergangenen Sommer wieder in Würzburg, wo ich ursprünglich herkomme und habe gesehen, wie stark die Stadt touristisch belebt ist. Natürlich spielt das Weltkulturerbe eine Rolle – aber das können wir ebenfalls vorweisen. Der Unterschied liegt aus meiner Sicht vor allem darin, wie konsequent das als Gesamtkonzept gedacht und umgesetzt wird. In Würzburg gibt es zum Beispiel die Alte Mainbrücke – ein Ort, an dem man sich trifft, an dem Geselligkeit entsteht. Solche Orte prägen eine Stadt. Und solche Orte haben wir in Augsburg genauso. Wenn ich mir die Entwicklung der Altstadt anschaue, dann geht es dort ganz stark um Aufenthaltsqualität, aber gleichermaßen um Wohnqualität – und das muss man ständig im Blick behalten. Gleichzeitig haben wir an anderen Stellen noch Potenzial, das wir stärker nutzen können – Stichwort Kahnfahrt.
Wenn Sie Ihre Herangehensweise an das Amt in wenigen Worten beschreiben müssten: Welche wären das?
Zielstrebig, strukturiert und ehrgeizig – diese Eigenschaften zeichnen mich aus. Dazu ein schönes Zitat: 90 Prozent sind Transpiration, 10 Prozent Inspiration. Darauf kommt es an. Vieles lässt sich durch Fleiß erreichen. Das hat mich von der Schulzeit bis ins Berufsleben begleitet – Fleiß ist für mich ein ganz wesentlicher Aspekt.
Was liegt Ihnen darüber hinaus für Augsburg besonders am Herzen – gerade mit Blick auf die Rolle der Bürgerinnen und Bürger?
Entscheidend ist für mich, dass sich die Menschen in dieser Stadt einbringen. Es gibt keine Garantie dafür, dass jede Idee, die man selbst gut findet, von allen anderen geteilt wird. Aber mir ist es wichtig, dass diese überhaupt geäußert und diskutiert werden. Deshalb kann ich nur dafür werben, dass sich möglichst viele an der Stadtgesellschaft beteiligen und Lust haben, mitzugestalten. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass wir uns in Augsburg wieder stärker ins Gelingen verlieben. Wir haben in der Vergangenheit bewiesen, dass wir Projekte erfolgreich umsetzen können – etwa beim Umbau der Altstadt, der Bäckergasse oder der Spitalgasse. Vieles davon ist zuletzt ein Stück weit in Vergessenheit geraten. Es sollte wieder selbstverständlich werden, dass alles, was wir gemeinsam anpacken, am Ende auch gut wird!
Wie wird sich Ihr Familienalltag durch das neue Amt verändern?
Gearbeitet habe ich schon immer viel: Ich hatte einen 40- bis eher 45-Stunden-Job bei der Regierung von Schwaben, der mich immer gefordert hat, mir aber gleichzeitig große Freude bereitete. Hinzu kam mein Nebenamt als ehrenamtlicher Stadtrat, in dem ich die Aufgabe des Fraktionsvorsitzenden innehatte. Das hat zusätzlich noch einmal 15 bis 20 Stunden pro Woche in Anspruch genommen, teilweise sogar mehr. Darüber hinaus war ich zusätzlich ehrenamtlich in Vereinen und Verbänden engagiert. Die letzten Monate des Wahlkampfs waren ebenfalls sehr intensiv. Insofern gehe ich nicht davon aus, dass sich mein Alltag grundlegend verändern wird. Ich glaube nicht, dass ich deutlich weniger Zeit zu Hause verbringen werde als bisher.
Wie schaffen Sie persönlich einen Ausgleich zur Politik?
Tatsächlich vor allem über meine Familie. Die Kinder sorgen besonders an den Wochenenden sehr schnell dafür, dass man das Handy einfach mal weglegt und den Kopf frei bekommt. Sie holen einen in den Moment und haben ihren ganz eigenen Fokus darauf, was man gemeinsam unternimmt.
Was ist Ihr Lieblingsplatz in Augsburg?
Das ist eine schwierige Frage – die wurde mir auch im Wahlkampf öfter gestellt. Wenn ich mich festlegen müsste, würde ich tatsächlich die Wertach nennen. Sie hat sich in den letzten Jahren, vor allem durch „Wertach vital“, wirklich sehr schön entwickelt. Der Lech hat aber ebenfalls seinen Reiz. Flüsse und Gewässer haben für mich etwas Besonderes: Sie ziehen mich an, sie beruhigen und stehen für Lebensqualität.













