Den Stars und Sternchen so nah mit Jana: Saxophonist Tobias Meinhart im exklusiven Interview – Ein deutscher Jazzmusiker, der sich in den USA ganz oben positioniert hat
Zwischen Brooklyn und Berlin
Tobias Meinhart zählt zu den markantesten Größen des modernen Jazz – ein Saxophonist, der mit seinem erzählerischen, emotional dichten Sound längst über die Grenzen Europas hinaus Aufmerksamkeit erregt hat. Seit 16 Jahren lebt er in New York, wo er sich in der hoch pulsierenden Szene einen festen Platz erspielt hat. In renommierten Clubs wie dem Blue Note, dem Smalls oder dem Birdland ist er ebenso zuhause wie auf bedeutenden Festivals. Zwischen Brooklyn und Berlin pendelnd, bewegt sich Meinhart ganz selbstverständlich in zwei Welten, in denen Jazz nicht nur Musik ist, sondern Teil des Alltags – getragen von einem begeisterten Publikum, welches seine Energie widerspiegelt. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, und seine Band gilt als Ensemble, das den zeitgenössischen Jazz mit einem unverwechselbaren, internationalen Klang auflädt. Im Gespräch mit unserer Redaktionsleitung Jana Dahnke spricht Tobias über die Kraft von Live-Musik, sein Wirken in der Metropole New York – und darüber, warum der Jazz gerade jetzt eine neue Generation erreicht...
Ich bin in Regensburg aufgewachsen und durch meinen Großvater früh mit Musik in Berührung gekommen. Er war Kontrabassist – ursprünglich klassisch ausgebildet, hat aber später, als die Amerikaner stationiert waren, Jazz gelernt. Ich habe mit Schlagzeug angefangen, bin dann aber recht schnell zum Saxofon gewechselt. In der Schule hatte ich das Glück, auf Musiker zu treffen, die mich förderten – allen voran Christian Sommerer, der eine Bigband leitete und regelmäßig amerikanische Jazzgrößen wie Clark Terry nach Regensburg holte. Nach dem Abitur habe ich mich dann für ein Musikstudium entschieden, erst in der Schweiz, dann in Amsterdam. Vor etwa 16 Jahren bin ich schließlich in New York angekommen und dort geblieben.
Was hat Dich dazu bewegt, vom Schlagzeug zum Saxofon zu wechseln?
Der Wunsch, Saxofon zu spielen, entstand tatsächlich aus etwas sehr Visuellem. Diese glänzenden Instrumente haben mich schon als Kind fasziniert – wie sie im Licht funkeln und wie ein Solist für einen Moment im Rampenlicht steht. Irgendwann wollte ich dieses Gefühl selbst erleben: Ein Instrument in der Hand zu halten, das Präsenz hat und mit dem man melodisch erzählen kann.
Was hast Du auf Deinem Weg als Musiker über Entwicklung und Wachstum gelernt, das Du heute anders sehen würdest als früher?
Mit den Jahren ist mir bewusst geworden, wie wichtig ein natürlicher Rhythmus in der eigenen Laufbahn ist. Früher wollte ich vieles schneller erreichen und hatte genaue Vorstellungen davon, wann welcher Schritt passieren müsste. Heute weiß ich, dass sich künstlerische Prozesse nicht erzwingen lassen. Manche Dinge benötigen einfach Zeit, und oft entsteht das Wesentliche genau dann, wenn man den inneren Druck herausnimmt.
Gab es auf Deiner bisherigen musikalischen Reise einen Moment, der Dich besonders berührt oder geprägt hat?
Es gibt tatsächlich zwei herausragende Erlebnisse… Einmal durfte ich in Spanien vor rund 5.000 Menschen ein Open-Air für mein größtes Idol Wayne Shorter eröffnen. Ihn anschließend backstage zu treffen und von ihm nur diesen einen Satz zu hören – „Keep doing your thing“ – das war ein Moment, den ich nie vergessen werde. Der andere Augenblick ist sehr persönlicher Natur: Bei einem Konzert in der Unterfahrt in München spielte unser Bassist auf dem alten Bass meines Großvaters, der einige Jahre zuvor verstorben war. Während eines Stücks hatte ich plötzlich das Gefühl, er wäre in diesem Raum, ganz nah. Mir liefen beim Spielen die Tränen runter. Da wurde mir klar, wie viel Zauber Musik in sich trägt – etwas, das man nicht erklären kann, aber das einen tief trifft.
Wer inspiriert Dich – musikalisch oder darüber hinaus?
Einflüsse nehme ich inzwischen an vielen Orten auf. Die Geschichte von Malala Yousafzai, die mit 17 Jahren den Friedensnobelpreis gewann, hat mich so bewegt, dass daraus ein eigenes Stück entstanden ist. Auch Literatur spielt für mich eine große Rolle – etwa die Texte der argentinischen Dichterin Alejandra Pizarnik, von der ich ein Gedicht vertont habe. Und in der Musik begleitet mich weiterhin Joe Lovano, mit dem ich studiert habe und der meinen Weg bis heute prägt.
Was fehlt dem deutschen Jazzpublikum manchmal im Vergleich zur Energie in New York – oder umgekehrt?
In Deutschland erlebe ich eine sehr konzentrierte, klassische Konzertatmosphäre. Das Publikum hört aufmerksam zu, ist ruhig, nimmt die Musik wirklich auf – und reagiert erst am Ende eines Stücks. In New York ist die Energie dagegen viel unmittelbarer. Wenn jemand ein Solo spielt, kommt oft direkt ein „Yeah!“ aus dem Publikum, es wird geklatscht, angefeuert, reagiert. Dieses direkte Feedback gibt einem als Musiker wahnsinnig viel Drive und kann ein Konzert richtig nach vorne pushen. Aber beides hat seine Schattenseiten: In Deutschland würde manchmal ein bisschen mehr Spontaneität guttun – so ein Funke, der während des Stücks überspringt. In New York wiederum passiert es schnell, dass Jazz zur Hintergrundmusik wird. Die Leute reden, bestellen Drinks, und es ist kaum möglich, eine richtig leise Ballade zu spielen, ohne im Geräuschpegel unterzugehen. Deshalb mag ich den Wechsel zwischen beiden Welten so sehr. Die Intensität und Offenheit in New York – und die Tiefe und Aufmerksamkeit, die man in Deutschland bekommt.
Vermisst Du manchmal Deine Heimat?
Definitiv! Ich verbringe viel Zeit in Deutschland, besonders im Sommer, und merke dann immer, wie sehr mir die Ruhe fehlt: einfach in den Biergarten gehen, runterkommen, ohne dieses ständige 24/7-Tempo, das New York prägt. Gleichzeitig schätze ich in New York genau das Gegenteil: Dinge passieren schnell, Projekte setzen sich sofort in Bewegung – ein Studiotermin nächste Woche, ein fertiges Album kurz darauf. Und es gibt noch etwas, das ich hier besonders mag: Als Künstler muss man sich nicht erklären. Niemand fragt, wovon man „wirklich“ lebt. Man kann sein, wie man ist, ohne Bewertung. Diese Freiheit ist für mich ein großer Pluspunkt der Stadt.
Welchen anderen Weg hättest Du eingeschlagen, wenn es nicht die Musik geworden wäre?
Vermutlich wäre ich in der Medizin gelandet. Das lag bei uns in der Familie nahe – mein Vater ist Arzt, meine Mutter und meine Schwester sind Apothekerinnen – und mich hat dieser Bereich ebenfalls sehr interessiert. Mein ursprünglicher Plan war sogar, während der Wartezeit auf den Studienplatz ein Jahr Musik zu studieren. Aber je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto klarer wurde mir, dass dieser Weg nie endet. Genau das hat mich angezogen. Und so bin ich bei der Musik geblieben.
Wie wichtig ist für Dich das Live-Erlebnis – gerade in einer Zeit, in der so vieles nur noch digital stattfindet?
Für mich ist der direkte Kontakt zu den Menschen unverzichtbar. Streaming ist praktisch, aber es kann nicht ersetzen, was passiert, wenn ein Publikum denselben Moment teilt, dieselbe Spannung, denselben Atemzug. Diese Energie im Raum – das ist etwas, das nur Live-Kultur erzeugen kann. Deswegen liegt mir viel daran, dass Menschen weiter zu Konzerten gehen. Man fühlt sich eigentlich immer bereichert, wenn man sich aufrafft und Kultur erlebt. Und spannend ist: Ich beobachte, dass gerade viele junge Leute wieder in die Clubs kommen, in Berlin genauso wie in New York. Es hat fast etwas Trendiges bekommen, sich auf improvisierte Musik einzulassen. Jazz wirkt plötzlich sehr zeitgemäß – frisch, offen, lebendig. Das stimmt mich optimistisch für die Zukunft.











