Der TRENDYONE Buchtipp: Jenseits der Brandmauer von Monchi

Ein persönliches Buch über Heimat, Haltung und die Frage, wie viel Zusammenhalt eine Gesellschaft noch aushält

„Jenseits der Brandmauer – Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz“ ist kein Buch, das sich aus sicherer Entfernung mit dem politischen Zustand Ostdeutschlands beschäftigt. Es ist ein sehr persönlicher Blick auf einen Ort, an dem politische Gegensätze längst zum Alltag gehören: Jarmen in Mecklenburg-Vorpommern. Monchi, Sänger und Texter von Feine Sahne Fischfilet, lebt dort noch immer. Und genau das ist der Ausgangspunkt dieses Buches. Mehr als die Hälfte der Menschen in seinem Heimatort hat bei der Bundestagswahl 2025 AfD gewählt. 54 Prozent. Für Monchi ist diese Zahl keine abstrakte Statistik. Sie steht vor seiner Haustür. Sie begegnet ihm auf der Straße, im Alltag, im Vereinsleben, beim Festival. Und sie steht neben der Erkenntnis, dass er diesen Ort trotzdem liebt. Vielleicht sogar gerade deshalb nicht aufgeben will. „Jenseits der Brandmauer“ ist damit vor allem ein Buch über Widersprüche. Über politische Haltung und persönliche Zweifel. Über Wut und Liebe. Über das Weggehen und das Bleiben. Und über die Frage, was Menschen noch miteinander verbindet, wenn sie politisch kaum weiter voneinander entfernt sein könnten.

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Monchi bei seiner Lesung auf dem Taubertal FestivalBild: Nina Königs
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Monchi und unsere Redakteurin Nina auf dem Taubertal FestivalBild: Oliver Höß

„Jenseits der Brandmauer“ beginnt nicht mit einer politischen Theorie, sondern mit einem Schock. Mit einer Zahl, die für Monchi plötzlich alles andere als abstrakt ist: 54 Prozent. Mehr als die Hälfte der Menschen in seinem Heimatort Jarmen hat bei der Bundestagswahl 2025 die AfD gewählt. Man kann diese Zahl lesen, analysieren, in Diagramme packen und mit anderen Wahlergebnissen vergleichen. Monchi aber muss mit ihr leben. Er trifft die Menschen, die dieses Kreuz gemacht haben. Er begegnet ihnen auf der Straße, im Alltag, im Vereinsleben. Er lebt dort, wo politische Gegensätze nicht irgendwo im Fernsehen stattfinden, sondern am nächsten Tag wieder gemeinsam an der Bushaltestelle stehen. Genau daraus entwickelt sich die eigentliche Kraft dieses Buches.

Monchi schreibt nicht über „den Osten“ als Beobachter von außen. Er schreibt über seinen Osten. Über Jarmen, über Mecklenburg-Vorpommern, über eine Heimat, die gleichzeitig Geborgenheit und Zumutung sein kann. Und er macht dabei etwas, das in politischen Debatten selten geworden ist: Er hält Widersprüche aus. Er sagt klar, was er ablehnt. Er verschweigt seine Erfahrungen mit rechter Gewalt nicht. Er erzählt von seiner Vergangenheit als sogenannter „Zecke“, von Anfeindungen und davon, was es bedeutet, wenn politische Feindschaft irgendwann körperlich wird. Wer diese Erfahrungen kennt, kann nicht so tun, als wäre Rechtsextremismus lediglich eine andere Meinung unter vielen. Es gibt Grenzen, die eine demokratische Gesellschaft ziehen muss. Und es gibt Momente, in denen Schweigen keine Neutralität mehr wäre, sondern Wegsehen. Trotzdem macht Monchi aus seinem Buch keine Abrechnung mit einer ganzen Region. Vielleicht gerade deshalb, weil er sie zu gut kennt. Er weiß, dass Menschen komplizierter sind als ihr Wahlzettel. Und genau hier wird „Jenseits der Brandmauer“ unbequem. Was macht man mit Menschen, die man persönlich mag, obwohl man ihre politische Entscheidung kaum ertragen kann? Was passiert, wenn der Nachbar, der Vereinskollege oder jemand aus dem eigenen Umfeld plötzlich erzählt, dass er AfD gewählt hat? Bricht man den Kontakt ab? Sucht man das Gespräch? Wo endet der Versuch, jemanden zu erreichen, und wo beginnt die Gefahr, menschenfeindliche Positionen zu verharmlosen? Das Buch gibt darauf keine geschniegelt formulierte Gebrauchsanweisung. Es zeigt vielmehr, wie schwierig diese Fragen im echten Leben sind. Und genau deshalb wirken sie so stark. Denn politische Debatten werden oft so geführt, als müssten sich Menschen nur für die richtige Seite entscheiden und danach wäre alles geklärt. Im echten Leben ist nichts geklärt. Im echten Leben stehen Menschen gemeinsam am Grill, spielen Fußball, arbeiten im Verein, gehen auf Konzerte und stellen irgendwann fest, dass sie politisch völlig unterschiedliche Vorstellungen haben. Die Frage ist dann nicht mehr, wer in einer Talkshow den besseren Satz findet. Die Frage ist: Wie lebt man danach weiter miteinander? Monchi entscheidet sich für eine Antwort, die zunächst fast widersinnig klingt: Er bleibt. Nicht trotz seiner Kritik an seiner Heimat, sondern auch ihretwegen. Denn wer bleibt, kann nicht nur mit dem Finger zeigen. Wer bleibt, muss sich selbst fragen, welchen Anteil er daran hat, was passiert. Genau diese Selbstbefragung macht das Buch stärker als eine reine politische Kampfansage. 

Monchi stellt auch sich selbst infrage. Er schreibt über Momente, in denen er sich fragt, ob er es sich an manchen Stellen zu einfach gemacht hat. Ob er übertrieben oder vielleicht nicht genau genug hingeschaut hat. Das ist keine Schwäche. Es ist eine Form politischer Reife. Haltung bedeutet schließlich nicht, immer hundertprozentig sicher zu sein. Haltung bedeutet auch, Zweifel auszuhalten, ohne deshalb seine Grundüberzeugungen aufzugeben. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich dieses Buch so lebendig anfühlt: Hier versucht keiner, aus seinem Leben im Nachhinein eine perfekte politische Heldengeschichte zu machen. Es gibt keine makellose Hauptfigur und keinen Moment, in dem plötzlich alle Probleme gelöst sind. Es gibt Widersprüche, Fragezeichen, Wut, Liebe, Angst und immer wieder die Entscheidung, weiterzumachen. Besonders deutlich wird das bei „Wasted in Jarmen“. Das Festival ist mehr als eine Veranstaltung. Es ist ein Versuch, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen zusammenkommen können, obwohl sie nicht automatisch dieselbe politische Sprache sprechen. Genau darin liegt etwas zutiefst Demokratisches. Nicht jeder muss die Musik mögen. Nicht jeder muss Feine Sahne Fischfilet feiern. Nicht jeder muss Monchis politische Meinung teilen. Aber Menschen können gemeinsam an einem Ort stehen, miteinander feiern, an einem Projekt arbeiten und feststellen, dass sie mehr verbindet, als sie zunächst gedacht haben. 

Auch der Skatepark in Jarmen steht für diese Idee. Es sind konkrete Dinge, die bleiben. Etwas, das Kinder nutzen können. Etwas, das Menschen gemeinsam aufgebaut haben. Etwas, das nicht nach einer Wahl wieder verschwindet. Und vielleicht liegt darin eine der wichtigsten Botschaften des Buches: Wer nur darüber spricht, was alles schiefläuft, bleibt irgendwann selbst in der Empörung stecken. Wer anfängt, etwas aufzubauen, verändert zumindest einen kleinen Teil seiner Umgebung. Das klingt nicht spektakulär. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Demokratie wird nicht jeden Tag in großen Reden gerettet. Manchmal wird sie auf einem Festival gelebt. Auf einem Sportplatz. In einem Verein. Bei einem Gespräch, das eigentlich längst hätte abbrechen können. Beim gemeinsamen Organisieren eines Projekts. Beim nächsten Versuch, den Menschen nicht nur als politischen Gegner zu sehen. Das bedeutet nicht, dass alle Grenzen verschwimmen sollen. Im Gegenteil. Gerade weil Monchi eine klare politische Haltung hat, wird deutlich, dass Zusammenhalt nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden darf. Es geht nicht darum, alles zu akzeptieren, nur damit die Stimmung angenehm bleibt. Es geht darum, den Streit auszuhalten, ohne jede Verbindung sofort zu zerstören. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Und vielleicht einer, den unsere politische Debatte gerade dringend braucht. Denn natürlich ist es erschreckend, wenn eine rechtsextreme Partei in einem Ort wie Jarmen mehr als die Hälfte der Stimmen bekommt. Natürlich darf das Angst machen. Natürlich darf man wütend werden. Aber wenn aus dieser Angst irgendwann nur noch die Vorstellung entsteht, dass ohnehin alles verloren ist, wird sie selbst zur Falle. Genau gegen dieses Gefühl schreibt Monchi an. Er weigert sich, seine Heimat ausschließlich als Problemzone zu betrachten. Er weigert sich aber ebenso, die Probleme kleinzureden. Beides gehört zusammen. Jarmen kann gleichzeitig ein Ort sein, in dem die AfD 54 Prozent holt, und ein Ort, an dem Menschen einen Skatepark aufbauen. Ein Ort, an dem politische Fronten hart sind, und ein Ort, an dem ein Festival Menschen zusammenbringt. Ein Ort, an dem Monchi manchmal verzweifelt – und in den er trotzdem gerne zurückkehrt. Diese Gleichzeitigkeit ist vielleicht das Menschlichste an diesem Buch. 

Und dann ist da noch seine Tochter. Mit dem Vatersein verändert sich der Blick auf die Welt. Plötzlich ist Zukunft keine politische Floskel mehr. Sie hat ein Gesicht. Ein Kind, das man liebt und beschützen möchte. Ein Mensch, für den man sich fragt, in welcher Gesellschaft er einmal aufwachsen wird. Aus politischer Sorge wird persönliche Angst. Aus der Frage „Was passiert mit unserem Land?“ wird die viel intimere Frage: „Was passiert mit meinem Kind?“ Und trotzdem lässt Monchi sich von dieser Angst nicht vollständig auffressen. Er schreibt auch über die Dinge, die schön sind. Über Familie. Freunde. Musik. Die Ostsee. Die Kieskuhle. Über das Unterwegssein und das Heimkommen. Über die Vorfreude auf Konzerte und Festivals. Über die verrückten Pläne, die man auch dann noch haben darf, wenn die politische Nachrichtenlage gerade wenig Grund zur Freude liefert. Das ist keine Flucht vor Politik. Es ist eine Erinnerung daran, dass Politik nicht das gesamte Leben sein darf. Wer nur noch auf Umfragen schaut, verliert irgendwann den Blick für das, wofür Demokratie eigentlich da ist: für das Leben der Menschen. Für ihre Freiheit. Für ihre Familien. Für ihre Freundschaften. Für ihre Möglichkeit, gemeinsam etwas aufzubauen. Und genau deshalb wirkt der Gedanke des Bleibens am Ende so stark. Monchi bleibt nicht, weil er glaubt, Jarmen müsse gerettet werden. Er bleibt, weil es sein Zuhause ist. Weil er dort Geschichte hat. Weil dort Menschen sind, die ihm wichtig sind. Weil er diesen Ort nicht denjenigen überlassen möchte, die ihn am lautesten für sich beanspruchen. Das ist vielleicht die emotionalste Ebene von „Jenseits der Brandmauer“. Es ist kein Buch darüber, wie man einen politischen Gegner besiegt. Es ist ein Buch darüber, wie man sich selbst nicht verliert, während sich um einen herum vieles verändert. Und vielleicht ist das eine der mutigsten Entscheidungen überhaupt: nicht zu gehen, obwohl man allen Grund hätte, sich irgendwohin zurückzuziehen, wo die politische Welt angenehmer aussieht. Monchi könnte seine Heimat zur Kulisse machen und sich selbst zum Opfer einer Entwicklung erklären. Stattdessen macht er sich zum Teil dieser Geschichte. Er sagt: Ich bin hier. Ich bleibe hier. Ich werde mich weiter einmischen. Und ich werde trotzdem leben. Genau diese Mischung aus Trotz und Zärtlichkeit macht das Buch so besonders. Es ist wütend, ohne verbittert zu sein. Es ist politisch, ohne nur Politik sein zu wollen. Es ist persönlich, ohne sich in Selbstmitleid zu verlieren. Und es ist vor allem eines: ein Plädoyer dafür, die eigene Heimat nicht aufzugeben, nur weil sie kompliziert geworden ist. 

Die Lesung beim Taubertal-Festival hat diesen Eindruck noch einmal verstärkt. Dort wurde spürbar, dass Monchi nicht einfach eine politische Botschaft auf eine Bühne stellt. Er lebt das, worüber er schreibt. Und wenn anschließend Feine Sahne Fischfilet auf der Bühne steht, wird die Verbindung zwischen Kunst, Biografie und Haltung noch deutlicher. Hier schreibt niemand ein Buch, weil gerade ein politisches Thema gut in die Zeit passt. Hier schreibt jemand, weil ihn diese Fragen seit Jahren begleiten. Weil sie in seiner Geschichte stecken. Weil sie mit seiner Musik verbunden sind. Weil sie in seiner Heimat stattfinden. Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen einem Buch, das eine Meinung vertritt, und einem Buch, das aus einer Überzeugung heraus entstanden ist. „Jenseits der Brandmauer“ will nicht die Welt erklären. Es will zeigen, wie es sich anfühlt, in einer Welt zu leben, die immer schwerer zu erklären ist. Und manchmal ist genau das die ehrlichere Form von politischer Literatur.

Vielleicht liegt genau darin auch die besondere Stärke von „Jenseits der Brandmauer“: Das Buch zeigt, dass Haltung und Versöhnung keine Gegensätze sein müssen. Man kann entschieden gegen Rechtsextremismus stehen, ohne jeden Menschen auf seine politische Entscheidung zu reduzieren. Man kann widersprechen, ohne den anderen aus der Gesellschaft zu verbannen. Und man kann seine Heimat lieben, gerade weil man mit ihr ringt. Nach der Lesung beim Taubertal-Festival und dem anschließenden Konzert von Feine Sahne Fischfilet bleibt deshalb vor allem ein Eindruck: Hier versucht jemand nicht, von oben herab zu erklären, wie die Welt funktionieren soll. Hier erzählt jemand von einem Ort, an dem er selbst bleibt, Verantwortung übernimmt und immer wieder versucht, Menschen zusammenzubringen. Vielleicht ist genau das die versöhnlichste Botschaft dieses Buches – nicht weniger Haltung zu zeigen, sondern mehr Menschlichkeit zu wagen. Ohne erhobenen Zeigefinger. Ohne einfache Antworten. Und mit dem Mut, trotz aller Unterschiede immer wieder gemeinsam an einem Tisch, auf einem Festival oder mitten im eigenen Heimatort zu stehen.


Jenseits der Brandmauer

Über mein Leben in der

ostdeutschen Provinz 

Autor: Monchi

Hardcover

ISBN 978-3-462-05530-6