Liebes-Detox in der Beziehung

Kein Sex – mehr Nähe

Sie kommen spät nach Hause. Sie waren noch einkaufen. Kochen müssen Sie auch noch. Und das gröbste Chaos beseitigen. Außerdem wollten Sie sich noch mit ihrem Partner über diese eine Sache unterhalten. Und drei Überweisungen müssen Sie auch noch tätigen. Gott, es ist bereits 20 Uhr! Ihre Mutter haben sie auch noch nicht zurückgerufen. Sie gehen ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Und da steht es: in einem stroboskopartigen Licht, umgeben von roten Nebelschwaden und einem geigenhaften Psychothriller-Intro: Ihr Bett. Panisch überschlagen Sie im Kopf, wann dort das letzte Mal etwas gelaufen ist, das sich mit “Liebe machen“ vergleichen lässt. Sie wären mal wieder dran. Aber doch nicht heute! Aber das haben Sie gestern auch schon gedacht. Und den Tag davor auch. Wäre es nicht wunderbar, wenn das Schlafzimmer nicht permanent ein schlechtes Gewissen in Ihnen hervorrufen würde? Dann ist es Zeit für eine Kur: Liebes-Detox.

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Bild: Adobe Stock
Die Idee dahinter
Der Gedanke hinter dem Liebes-Detox ist Folgende: Die Partner vereinbaren, dass sie für einen bestimmten Zeitraum nicht mehr miteinander schlafen werden. Es darf trotzdem nach Herzenslust geküsst, gestreichelt und gekuschelt werden. Nähe ist weiterhin wichtig, um die Beziehung zu stärken und zu intensivieren. In der Sexualtherapie wird diese Methode häufig eingesetzt. Denn sie gibt beiden Partnern die Möglichkeit, sich sicher zu fühlen und gleichzeitig sehr nah beieinander zu sein. Eine Zurückweisung oder Bedrängung eines Partners wird in diesem Zeitraum ausgeschlossen. Dieses kann wahre Wunder bewirken. Der entweichende Druck gibt Freiraum für Lust und Leidenschaft und lässt nicht selten das Bedürfnis nach nachhaltiger Liebe wiederaufleben.

Die Effekte als therapeutische Maßnahme
Das “Schatz, wir müssen mal wieder“- Phänomen. Kennen Sie das? Die offizielle Pause soll zum einen den Druck nehmen “es bald mal wieder tun zu müssen“. Zum anderen wird die Vorfreude geschürt, wenn Paare sich ganz mittelalterlich einen symbolischen Keuschheitsgürtel umlegen und für eine gewisse Zeit das Bett zur sexuellen Detox-Zone erklären.

Klingt all das für Sie ein wenig zu freudlos? Es gibt mit Sicherheit einige unter Ihnen, die sich in einer unfreiwilligen Liebes-Detox-Phase befinden. Für diese Personen scheint dieser Trend verständlicherweise etwas gewöhnungsbedürftig. Doch für manche Menschen beziehungsweise Paare kann er tatsächlich Sinn ergeben.

Einigen sich Partner auf eine gemeinsame Pause, kann dies im Schlafzimmer (oder wo auch immer) die Last nehmen, dass „etwas passieren“ muss. 

Detox mit sich selbst
Doch Liebes-Detox oder auch Sex-Detox bezieht sich nicht nur auf Geschlechtsverkehr bei Paaren. Es sind schon einige Jahre ins Land gegangen, da entstand aufgrund steigender Pornografienutzung und wachsender Bedenken über Abstumpfung wegen zu viel Masturbation die „NoFap-Bewegung“ (Fapping – engl.: Selbstbefriedigug). Anhänger dieser Bewegung stellten fest, dass längerer Verzicht auf Masturbation (mit Pornos) sich positiv auf ihr Sexualleben auswirkt. Zum einen auf partnerschaftlicher Ebene, da der eigene Partner statt dem schnellen Orgasmus wieder in den Vordergrund rückt. Zum anderen auf das Genießen intensiver Liebesmomente, die wieder voll und ganz ausgekostet werden können.

Hilfe, wenn Liebes-Detox keine Lösung ist
In einer festen Partnerschaft ist es nicht immer leicht, sich auf ein für beide ausreichendes Sexualleben einzustimmen. Liebes-Detox ist wunderbar geeignet für das Anheizen einer bereits intakten Leidenschaft, die unter Alltag und Stress nur ein wenig begraben ist. Doch sollten Sie unter ernsten Paarproblemen oder unerfüllten, sexuellen Sehnsüchten leiden, ist die Detox-Kur wahrscheinlich keine Lösung für Sie. Hilft gut: Tacheles reden und Probleme auf den Tisch. Solch eine Problemaufarbeitung ist zeitintensiv, für die Wiederherstellung von innerer Nähe und somit einer gemeinsamen, sexuellen Ebene jedoch unabdingbar.

Oft liegt die Lust auch unter ganz individuellen Problemen begraben, die nichts mit dem Partner zu tun haben: Körperungleichgewicht, Unzufriedenheit auf beruflicher Ebene, mangelndes Selbstbewusstsein, falsches Zeitmanagement. Die Liste ist leider bei vielen von uns recht lang. Darum: Entlastung ins Leben holen und Selbstpflege betreiben. 

Fazit: Geben wir unseren Sorgen einen angemessenen Raum, um sie zu bewältigen und sich als Paar darüber auszutauschen, so wird die Wahrnehmung als partnerschaftliche Einheit wieder klarer. Und dies hat mit hoher Wahrscheinlichkeit eine glänzende Auswirkung auf unser Sexualleben – mehr als jedes Liebes-Detox. Trotzdem ist diese Art von Kur ein guter Ansatz, um den Blick auf das Wesentliche zu lenken und sich als Paar auf einer anderen Ebene näherzukommen. Wie heißt es so schön: Versuch macht klug. |Text: Stefanie Steinbach