Wenn Selbstoptimierung zur Schönheits-Ideologie wird: Das steckt hinter „Looksmaxxing“
Perfektionsdrang
TikTok-Routinen für perfekte Haut sowie „optimale“ Gesichtszüge, Fitnesspläne für den idealen Körper und Videos mit teilweise fragwürdigen Selbstversuchen: Unter dem Begriff „Looksmaxxing“ verbreitet sich derzeit ein Trend, der vor allem junge Männer anspricht – doch so manche Tipps sind alles andere als harmlos.
Der Begriff „Looksmaxxing“ setzt sich aus den englischen Wörtern „looks“ und „maximizing“ zusammen. Gemeint ist also, das eigene Aussehen zu „maximieren“. In Online-Foren und sozialen Netzwerken werden dafür Tipps und Strategien geteilt, mit denen vor allem jüngere Männer attraktiver wirken sollen.
Dazu gehören etwa Hautpflege, Fitness, Ernährung, Frisuren oder Kleidung. Viele dieser Inhalte unterscheiden sich zunächst kaum von klassischen Beauty- oder Lifestyle-Trends. Dabei geht es oft um ganz bestimmte Schönheitsideale: eine markante Kieferpartie (auch als „Jawline“ bekannt), sogenannte „Hunter Eyes“ mit tief liegenden Augen, hohe Wangenknochen, breite Schultern oder möglichst viel Muskelmasse. Auch die Körpergröße spielt in vielen Looksmaxxing-Communitys eine große Rolle.
Besonders auf Plattformen wie TikTok, Reddit oder Discord verbreiten sich Inhalte, die solche Merkmale als objektiv „besser“ bewerten – und teilweise gefährliche Tipps an die Hand geben. Vor allem Vorher-nachher-Bilder sollen zeigen, wie stark sich das Aussehen angeblich optimieren lässt – obwohl solche Vergleiche oft durch Licht, Filter, Posen oder natürliche Veränderungen in der Pubertät verzerrt werden.
Woher kommt der Begriff?
Seinen Ursprung hat Looksmaxxing in männlich geprägten Online-Communitys, vor allem in der Incel-Szene. „Incel“ steht für „involuntary celibate“, also unfreiwillig enthaltsam. Gemeint sind meist Männer, die keinen romantischen oder sexuellen Erfolg haben und die Ursache dafür vor allem in ihrem Aussehen sehen. In Teilen dieser Szene werden Menschen nach Attraktivität bewertet, oft verbunden mit der Vorstellung, dass Schönheit über Dating und Status entscheidet. In diesem Umfeld tauchen auch Begriffe wie „Manosphere“ oder „Blackpill“ auf. Gemeint sind Online-Milieus, in denen Männer sich teilweise über Aussehen, angeblichen „Marktwert“ und Bewertungsskalen definieren.
Mit der Zeit verbreitete sich der Begriff allerdings weit darüber hinaus. Auf Social Media taucht Looksmaxxing heute oft in deutlich abgeschwächter Form auf und wird teilweise sogar humorvoll oder ironisch verwendet. Dadurch wirkt der Trend oft wie ein gewöhnlicher Lifestyle-Hype. Entscheidend ist jedoch, wie weit die Optimierung geht.
Softmaxxing vs. Hardmaxxing
Softmaxxing beschreibt dabei Maßnahmen, die vergleichsweise ungefährlich sind. Dazu zählen Sport, Hautpflege, gesunde Ernährung, bessere Kleidung oder ein neuer Haarschnitt. Im Grunde handelt es sich dabei um klassische Methoden der Selbstpflege und Selbstoptimierung, wie sie schon lange existieren.
Hardmaxxing geht dagegen deutlich weiter. Gemeint sind drastische Eingriffe oder riskante Methoden, die das Aussehen dauerhaft verändern sollen. Dazu gehören Schönheitsoperationen wie Haartransplantationen, Kieferimplantate oder Beinverlängerungen, aber auch Trends wie „Mewing“ (gezielte Zungenhaltung, um die Kieferlinie zu verbessern), harte Kaugummis für eine markantere Jawline, „Bonesmashing“ (Schläge gegen Gesichtsknochen, was angeblich die Gesichtsform verändern soll) oder der Missbrauch von Testosteron, Steroiden und anderen Medikamenten. Viele dieser Methoden sind jedoch riskant und wissenschaftlich nicht belegt.
Warum spricht der Trend vor allem junge Männer an?
Lange Zeit wurden Schönheitsdruck und Körperideale vor allem mit Frauen in Verbindung gebracht. Mittlerweile geraten aber auch Männer zunehmend unter Druck, bestimmten Vorstellungen entsprechen zu müssen.
Dating-Apps, soziale Medien und Fitnesskultur verstärken diesen Druck. Attraktivität wird online oft wie eine Art Wettbewerb dargestellt: Wer besser aussieht, erhält mehr Aufmerksamkeit, Likes oder Erfolg bei Frauen. Gerade Jüngere stoßen deshalb häufig auf Inhalte, die versprechen, mit der „richtigen“ Strategie attraktiver und erfolgreicher zu werden.
Hinzu kommt, dass Looksmaxxing oft einfache Lösungen für komplexe Probleme anbietet. Unsicherheit, Einsamkeit oder auch mangelndes Selbstbewusstsein werden dabei auf das eigene Aussehen reduziert. Dadurch entsteht die Vorstellung, persönliche Schwierigkeiten ließen sich allein durch körperliche Veränderungen lösen.
Die problematische Seite: Körperbild, Selbstwert und Ideologie
Looksmaxxing kann das Verhältnis zum eigenen Körper daher stark beeinflussen. Wer sich ständig mit scheinbar perfekten Menschen im Internet vergleicht, entwickelt schneller Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen.
Psychologen warnen deshalb vor negativen Folgen für das Selbstwertgefühl. Manche Betroffene beschäftigen sich zwanghaft mit kleinen Makeln oder empfinden sich dauerhaft als unattraktiv, obwohl Außenstehende das oft gar nicht wahrnehmen. Im Extremfall kann daraus eine körperdysmorphe Störung entstehen – eine psychische Erkrankung, bei der Betroffene einzelne körperliche Merkmale als massive Fehler wahrnehmen.
Kritisch ist außerdem die Nähe mancher Looksmaxxing-Communitys zu radikalen oder frauenfeindlichen Ideologien. In einigen Foren wird vermittelt, dass gesellschaftlicher Erfolg fast ausschließlich vom Aussehen abhänge. Solche Inhalte können Frust und soziale Isolation zusätzlich verstärken.
Was ist nicht automatisch problematisch?
Trotz der Kritik ist nicht jede Form von Looksmaxxing automatisch gefährlich. Sich um das eigene Aussehen zu kümmern und Sport zu treiben, gehört für viele Menschen ganz selbstverständlich zum Alltag. Problematisch wird es erst dann, wenn das eigene Selbstwertgefühl fast nur noch vom äußeren Erscheinungsbild abhängt oder unrealistische Ideale zum ständigen Vergleich führen. Entscheidend ist deshalb ein realistischer Umgang mit Schönheitsidealen – besonders in sozialen Netzwerken, in denen Bilder häufig bearbeitet oder inszeniert sind.
Fazit
Looksmaxxing bedeutet, das eigene Aussehen möglichst stark zu „maximieren“ – also attraktiver wirken zu wollen. Der aktuelle Trend betrifft vor allem junge Männer und zeigt, dass Schönheitsdruck längst nicht mehr nur Frauen zugeschrieben wird. Während Pflege oder Fitness nicht automatisch problematisch sind, können extreme Formen schnell zu Unsicherheit und Selbstzweifeln führen. |Text: Vera Mergle




