Wirtschaftsmacher Interview mit Andreas Burkhardt von der Teva GmbH (ratiopharm)

„Sechs Cent Umsatz pro Tagesdosis – das ist unser Schnitt. Das muss man sich mal vorstellen.“

Andreas Burkhardt leitet mit der Teva GmbH – in Deutschland vor allem bekannt durch ihre Marke ratiopharm – einen der größten Generikahersteller Deutschlands. Der Ulmer Standort ist zentral für die Arzneimittelversorgung hierzulande – aber zunehmend unter Druck. Im exklusiven TRENDYone-Interview spricht Burkhardt offen über Missverständnisse rund um die Pharmabranche, die Herausforderung des Preiskampfs mit asiatischen Herstellern, politische Versäumnisse – und warum Ulm trotzdem seine pharmazeutische Zukunft noch nicht verloren hat.

cropped-1768996533-andreas_burkhardt_038
Bild: Teva GmbH
TRENDYone: Sie sind seit vielen Jahren in der Pharmabranche aktiv. Wie hat Ihr Weg in dieses Umfeld begonnen – war das schon immer Ihre Welt?
Andreas Burkhardt: Ganz und gar nicht. Ich komme ursprünglich aus der Holz- und Werkstoffbranche, habe dort für eine internationale Beratung gearbeitet. In die Region kam ich aus privaten Gründen. Ich war damals beruflich schon bereits weit gekommen, aber auch jung genug, um mich noch einmal neu zu orientieren. Ich wollte meinen inhaltlichen Horizont erweitern und gezielter international arbeiten – das hat mich zu ratiopharm geführt, damals ins internationale Controlling.

Also war es eher der Job als die Branche, der Sie gereizt hat?
Genau. Die Pharmabranche war für mich damals gar nicht das explizite Ziel. Aber mit der Zeit hat mich gerade die Komplexität des Gesundheitsmarktes fasziniert. Es ist eben kein einfaches Geschäft – da sind Krankenkassen, Apotheken, Großhändler involviert, viele Regulierungen. Das macht es spannend. Und natürlich: Mit einem Produkt zu arbeiten, das Menschen hilft oder ihr Leben verlängert – das ist eine sehr sinnstiftende Aufgabe.

Wenn Sie auf Ihre bisherige Laufbahn schauen – worauf sind Sie besonders stolz?
Vor allem darauf, wie ich mit Menschen arbeite. Ich lege großen Wert darauf, ein fairer, klarer und fördernder Leader zu sein. Ich möchte, dass mein Team sich bei mir entwickeln kann – inhaltlich, aber auch persönlich. Mir ist wichtig, dass Mitarbeiter gern mit mir arbeiten, sich Herausforderungen zutrauen, wachsen können. Mir ist es auch ein großes Anliegen, dass meine Führungskräfte selbst zu starken Leadern werden. Denn so holen wir die volle Kraft aus dem Team – und bringen das Unternehmen weiter nach vorn.

Die Pharmabranche steht regelmäßig in der Kritik: hohe Preise, zu große Gewinne. Was sagen Sie dazu?
Es gibt viele Missverständnisse. Oft wird von „der Pharmaindustrie“ gesprochen, als gäbe es da keine Unterschiede. Aber es ist ein riesiger Unterschied, ob man über Originalhersteller mit Patentschutz oder über Generikahersteller wie uns spricht. Wir verdienen im Schnitt sechs Cent Umsatz pro Tagesdosis eines Medikaments – das ist weniger als ein Kaugummi. Und dafür erfüllen wir höchste Qualitätsstandards und konkurrieren mit Anbietern aus Asien, die zu ganz anderen Konditionen produzieren.

Wie funktioniert dieser Preisdruck konkret?
In Deutschland schreiben Krankenkassen Medikamente aus. Wer den niedrigsten Preis bietet, bekommt den Zuschlag – oft für die gesamte Patientengruppe dieser Kasse. Diese Ausschreibungen sorgen dafür, dass es teils massive Rabatte über 90 % gibt. Es ist ein System, das in vielen Fällen gar keinen Gewinn mehr erlaubt – und in manchen sogar Verluste bedeutet.

Das Thema Medikamentenmangel hat zuletzt Schlagzeilen gemacht. Wann wurde Ihnen klar, dass es ein strukturelles Problem ist?
Spätestens zwei, drei Jahre vor Corona. Schon damals war zu sehen, dass die gesetzliche Regulierung zu einem Preisdruck führte, den man nicht mehr über Mischkalkulationen abfangen konnte. Früher konnten wir Verluste in einem Bereich durch Gewinne in einem anderen ausgleichen – das geht heute nicht mehr. Corona und die Ukraine-Krise haben die Lieferkettenprobleme verschärft, aber die Ursachen lagen tiefer.

Gab es ausreichend Reaktionen von der Politik?
Es ist ein Umdenken spürbar, das will ich gar nicht kleinreden. Aber beim Handeln fehlt es. Der Fokus liegt weiterhin auf Kosten – nicht auf Versorgungssicherheit. Dabei wäre es so einfach: Für essenzielle Medikamente mit wenigen Anbietern müsste man gezielt lokale Produktion fördern. Es geht nicht um Tausende Präparate – sondern um gezielte Maßnahmen. Aber da passiert zu wenig.

Welche Rolle spielt der Standort Ulm für Teva – und für Deutschland?
Ulm ist der zweitgrößte Standort im gesamten Teva-Netzwerk – nach den USA. Wir haben hier enorme Produktionskapazitäten, viele Technologien, große Komplexität. Rund 50 % unseres deutschen Portfolios wird hier gefertigt. Fällt dieser Standort aus, ist die Versorgung in Deutschland direkt betroffen. Ich kämpfe intern regelmäßig darum, dass in Ulm weiter investiert wird – in Maschinen, Personal, Prozesse. Aber wenn Produkte, die hier hergestellt werden, keine Ausschreibungen gewinnen, weil sie teurer sind als asiatische Alternativen, wird es schwer. Wir versuchen, durch hohe Qualität und komplexe Produkte zu punkten. Aber es ist ein harter Wettbewerb.

Was wünschen Sie sich von den Menschen in Ulm und der Region?
Mehr Bewusstsein dafür, dass ihre Kaufentscheidungen etwas bewirken. Viele wissen gar nicht, dass wir hier vor Ort produzieren. Unsere Marktanteile in Ulm sind nicht höher als anderswo – das ist schade. Wer beim Arzt oder Apotheker fragt, ob es ein Produkt von ratiopharm gibt, kann mithelfen, Arbeitsplätze in der Region zu sichern.
 
Welche Rolle spielt KI bei Teva?

KI ist ein wichtiger Baustein, aber nicht der alleinige Gamechanger. Viel wichtiger ist das Thema Data Science als ganzheitlicher Ansatz. Erster Schritte gehen wir vor allem in den Bereichen Bedarfsvorhersagen, intelligente Wartung und effizientere Maschinenplanung. Auch Tools wie ChatGPT oder Copilot nutzen wir vielseitig.

Teva ist langjähriger Hauptsponsor von ratiopharm Ulm. Was bedeutet diese Partnerschaft?
Sehr viel. Es ist eine Kombination aus Marketing, Employer Branding und regionaler Verantwortung. Basketball ist ein wachsender, positiv besetzter Sport – und ratiopharm Ulm macht einen hervorragenden Job. Wir profitieren, unsere Mitarbeiter profitieren – und es stärkt den Standort.

Wie verbringen Sie Ihre Zeit abseits des Büros?
Ganz klassisch: Familie, Freunde, Sport. Ich achte auf Pausen, bewusste Trennung von Arbeit und Freizeit. Ich reise gerne, brauche den Ausgleich für den Kopf.