Wirtschaftsmacher Interview mit Peter Wagner von der Topstar GmbH
Tradition ist wichtig – aber sie darf Innovation niemals im Weg stehen
1947 beginnt die Geschichte der Familie Wagner mit einem Neuanfang. Peter Wagners Großvater kommt als Flüchtling aus Rumänien nach Augsburg, verliebt sich in eine junge Frau aus der Maximilianstraße und gründet später in Langenneufnach die Wagner-Stuhlfabrik. Jahrzehnte später entstehen daraus mit Wagner und Topstar zwei erfolgreiche Unternehmen, die heute weit über die Region hinaus für ergonomisches Sitzen, Design und Innovation stehen. Im Wirtschaftsmacher-Interview spricht Marken- und Designverantwortlicher Gesellschafter Peter Wagner über die bewegte Familiengeschichte, den Weg vom klassischen Bürostuhl zum internationalen Designunternehmen, den 3D-Druck als Zukunftstechnologie und darüber, warum unternehmerischer Erfolg immer auch Verantwortung bedeutet.
Ich bin Peter Wagner und leite gemeinsam mit meinem Bruder, Prof. Dr. Rainer Wagner, die Topstar GmbH. Unser Unternehmen befindet sich heute in der dritten Generation – beziehungsweise in der zweiten Generation der Topstar GmbH, die unser Vater Michael Wagner 1976 gegründet hat. Die Wurzeln reichen jedoch noch weiter zurück zur Wagner-Stuhlfabrik unseres Großvaters. Ich selbst habe Betriebswirtschaftslehre an der Universität Augsburg studiert und bin im Unternehmen für Innovation, Markenentwicklung, Design, Produktentwicklung und neue Vertriebswege verantwortlich.
Die Geschichte Ihres Unternehmens beginnt eigentlich mit einer Liebesgeschichte, oder?
Ja, tatsächlich. Mein Großvater kam 1947 als Flüchtling aus Rumänien nach Augsburg. Dort lernte er meine Großmutter kennen, die aus der Maximilianstraße stammte. Die beiden verliebten sich und gründeten später in Langenneunfach die Wagner-Stuhlfabrik. Daraus entwickelte sich schließlich unsere heutige Unternehmensgruppe.
Topstar kennt man vor allem als Hersteller von Bürostühlen. Wie begann diese Erfolgsgeschichte?
Die Topstar GmbH wurde 1976 von meinem Vater Michael Wagner gegründet. Damals wurden in einer kleinen Fabrik mit rund 50 Mitarbeitern Drehstühle entwickelt, produziert und verpackt. Der eigentliche Durchbruch kam mit dem PC-Boom der 1990er-Jahre. Jeder, der sich einen Computer kaufte, benötigte auch einen passenden Bürostuhl. Wir produzierten zeitweise bis zu 2,5 Millionen Drehstühle pro Jahr und belieferten Möbelhäuser, Baumärkte, den Fachhandel und viele weitere Vertriebskanäle.
Interessanterweise wurde Topstar im gleichen Jahr gegründet, in dem Steve Jobs in seiner Garage den ersten Apple-Computer entwickelte. Der Aufstieg des PCs und unser Wachstum verliefen nahezu parallel.
Hat die Digitalisierung heute den gleichen positiven Einfluss wie damals?
Sie verändert unser Geschäft – allerdings auf eine ganz andere Weise. Mit Tablet und Smartphone sitzen wir längst nicht mehr ausschließlich am Schreibtisch. Wir arbeiten heute im Café, in Lounges oder unterwegs. Deshalb hat sich auch unser Blick auf das Thema Sitzen verändert.
Für uns bedeutete das die Chance, unser Sortiment deutlich zu erweitern. Neben klassischen Bürostühlen entwickeln wir heute Loungesessel, Barhocker oder Gastronomiemöbel. Gleichzeitig erschließen wir neue Märkte, weil Menschen heute an ganz anderen Orten arbeiten als noch vor 20 Jahren.
Ergonomie spielt bei Ihren Produkten eine entscheidende Rolle. Was steckt dahinter?
Ab den 2000er-Jahren ging es nicht mehr nur darum, den Bedarf an Sitzmöbeln zu decken, sondern das Sitzen gesünder zu machen. Viele Menschen litten durch die Computerarbeit unter Rückenschmerzen.
Deshalb entwickelten wir das Dondola®-Sitzgelenk, das natürliche Bewegungen beim Sitzen ermöglicht. Klinische Studien zeigen, dass bis zu 70 bis 80 Prozent der Nutzer dadurch deutlich angenehmer sitzen und Rückenbeschwerden reduziert werden. Dieses System bildet bis heute die Grundlage unserer Premium-Marke Wagner und macht uns zum Marktführer im Bereich des bewegten, gesunden Sitzens.
Wagner ist inzwischen auch in der Gastronomie präsent. Viele wissen das gar nicht.
Das stimmt. Wer beispielsweise auf der Terrasse des Bob's in der Augsburger Maximilianstraße sitzt, sitzt auf Wagner-Stühlen mit integriertem Dondola®-Sitzgelenk. Dort entstand gemeinsam mit dem Betreiber die Idee, bewegtes Sitzen auch in die Gastronomie zu bringen.
Von klassischen Wirtshausstühlen bis hin zu hochwertigen Lederstühlen für die gehobene Gastronomie bieten wir heute Lösungen für unterschiedlichste Konzepte.
Wir befinden uns gerade in Ihrem Showroom in der Augsburger Maximilianstraße. Warum dieser besondere Standort?
Diese Räume faszinieren mich schon seit meiner Studienzeit. Es handelt sich um ein historisches Gewölbe aus dem 15. Jahrhundert. Gleichzeitig besteht ein ganz persönlicher Bezug, denn meine Großmutter stammt von schräg gegenüber.
Dieser Ort verbindet unsere Familiengeschichte mit unserer Leidenschaft für Design und zeigt sehr schön, dass Innovation und Tradition bei uns kein Widerspruch sind.
Die Topstar GmbH blickt auf eine beeindruckende Geschichte zurück. Gleichzeitig stehen Sie nie still. Welche Themen werden das Unternehmen in den kommenden Jahren prägen?
2024 haben wir 75 Jahre Wagner gefeiert, 2026 feiern wir nun 50 Jahre Topstar. Das ist ein schöner Anlass, auf eine außergewöhnliche Unternehmensentwicklung zurückzublicken.
Gleichzeitig beginnt für uns eine neue Phase. Themen wie Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und vor allem Internationalisierung werden unsere Zukunft prägen. Unser Schwerpunkt liegt dabei auf dem internationalen Online-Vertrieb.
Sie tragen Verantwortung für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Was bedeutet diese Aufgabe für Sie persönlich?
Diese Verantwortung nehmen wir sehr ernst und tragen sie gerne. In unseren Hochzeiten beschäftigten wir über 600 Mitarbeiter. Natürlich gab es wirtschaftliche Herausforderungen – etwa während der Euro-Einführung oder nach Corona.
Unser Ziel war jedoch immer, unser Stammpersonal zu halten. Viele Familien arbeiten seit Jahrzehnten bei uns, manche Mitarbeiter sind bereits seit über 40 Jahren Teil des Unternehmens. Dieses Vertrauen möchten wir zurückgeben.
Gab es Entscheidungen, die Ihnen als Unternehmer besonders schwergefallen sind?
Glücklicherweise mussten wir nie harte Einschnitte beim Stammpersonal vornehmen. Veränderungen ergaben sich überwiegend durch natürliche Fluktuation oder den Eintritt in den Ruhestand.
Viele Mitarbeiter bleiben sogar freiwillig über das Rentenalter hinaus im Unternehmen, weil sie sich hier wohlfühlen. Das ist für uns ein schönes Zeichen und bestätigt unseren Weg.
Sie entwickeln Ihr Unternehmen ständig weiter. Welche neuen Geschäftsfelder entstehen gerade?
Heute gestalten wir nicht mehr nur Stühle, sondern komplette Räume. So haben wir beispielsweise das Hessing Café vollständig eingerichtet – von der Großküche über den Tresen bis hin zur Außenbestuhlung.
Auch in Hamburg entstand mit dem „Chefs Warehouse“ ein komplett neu gestaltetes Gastronomiekonzept bei dem Wagner mit bewegten Stühlen eindrucksvoll vertreten ist. Dieses Geschäftsfeld möchten wir künftig international weiter ausbauen.
Ein großes Zukunftsthema scheint der 3D-Druck zu sein.
Absolut. Wir gehören zu den ersten Möbelherstellern, die Serienprodukte im 3D-Druck fertigen. Bereits seit mehreren Jahren produzieren wir entsprechende Stühle in Langenneufnach.
Langfristig möchten wir Design und Entwicklung in Deutschland bündeln und weltweit regional produzieren. Statt Möbel um die Welt zu transportieren, werden künftig lediglich die digitalen Daten verschickt und die Produkte direkt vor Ort gedruckt.
Das ist wirtschaftlich sinnvoll, nachhaltig und macht uns unabhängiger von globalen Lieferketten.
Nachhaltigkeit spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Ja, schon immer. Wer Millionen Stühle produziert, weiß sehr genau, dass Ressourcen endlich sind.
Deshalb achten wir auf materialeffiziente Konstruktionen, kreislauffähige Produkte und recyclingfähige Werkstoffe. Der 3D-Druck passt hervorragend zu dieser Philosophie, weil Transportwege entfallen und regional produziert werden kann.
Gleichzeitig stehen deutsche Unternehmen unter starkem Wettbewerbsdruck.
Natürlich – insbesondere durch günstige Importprodukte aus Asien. Deshalb müssen wir neue Wege gehen.
Unsere Stärke liegt in Innovation, Qualität, Design und regionaler Produktion. Wenn wir diese Kompetenzen mit digitalen Fertigungsmethoden verbinden, können wir weltweit wettbewerbsfähig bleiben.
Neben wirtschaftlichem Erfolg engagiert sich Ihre Familie seit vielen Jahren sozial.
Das ist uns sehr wichtig. Mein Vater sagte immer: „Wenn es uns gut geht, soll es auch anderen gut gehen.“
Zu seinem 60. Geburtstag gründeten wir deshalb die Michael-Wagner-Stiftung „Kinderlachen“. Seitdem konnten mit Unterstützung vieler Spender über fünf Millionen Euro gesammelt und in soziale Projekte – vor allem hier in der Region – investiert werden.
Die Stiftung unterstützt Kindergärten, Kinderhäuser, Einrichtungen für junge Mütter und zahlreiche weitere soziale Projekte. Für uns schließt sich damit ein besonderer Kreislauf, denn manche der Jugendlichen finden später sogar ihren Ausbildungsplatz bei uns.
Mit Ihrem Sohn Glenn steht bereits die vierte Generation in den Startlöchern. Wie blicken Sie in die Zukunft?
Die Zukunft sitzt eigentlich schon hier. Mein Sohn Glenn gehört bereits zur vierten Generation und wird nach seinem Studium sowie einem Auslandsaufenthalt in Australien ins Unternehmen einsteigen.
Gemeinsam wollen wir die Internationalisierung weiter vorantreiben und unsere Ideen weltweit etablieren. Vielleicht werden eines Tages sogar unsere traditionellen Wirtshausstühle in Sydney per 3D-Druck gefertigt – das wäre eine wunderbare Verbindung aus Tradition und Zukunft.
Welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie auf Ihr Unternehmen?
Während der Pandemie entstand ein enormer Bedarf an Homeoffice-Arbeitsplätzen. Viele Menschen hatten allerdings keinen Platz für ein komplettes Büro und investierten deshalb vor allem in einen hochwertigen Bürostuhl.
Damals standen zeitweise sämtliche Straßen rund um unser Werk in Langenneufnach voller Autos. Heute hat sich dieser Markt verändert. Homeoffice bleibt zwar bestehen, doch die Menschen wünschen sich kompakte, wohnliche Lösungen.
Der klassische große Schreibtisch weicht kleineren Möbeln, die sich harmonisch ins Wohnumfeld einfügen. Genau darauf reagieren wir mit neuen Wohn- und Arbeitsplatzkonzepten.
Herr Wagner, zum Abschluss: Was möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern noch mit auf den Weg geben?
Ich lade alle herzlich ein, unseren Werksverkauf in Langenneunfach zu besuchen. Dort kann man unsere Produkte ausprobieren, direkt in die Produktion blicken und sich persönlich beraten lassen.
Gerade im Jubiläumsjahr gibt es attraktive Aktionen – bis zu 50 Prozent Preisnachlass auf Werksverkaufspreise. Außerdem bieten wir eine Ökoprämie für alte Bürostühle an, die wir fachgerecht recyceln.
Wer gutes Sitzen „Made in Germany“ erleben möchte, sollte einfach einmal vorbeikommen.














