Zeitenwende als Realität

Der 32. Neujahrsempfang der vbw Schwaben zwischen sicherheitspolitischem Ernst und starkem regionalem Dialog

Der Jahresauftakt ist traditionell ein Moment des Ausblicks. Beim 32. Neujahrsempfang der Bezirksgruppe Schwaben der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V., der am 15. Januar stattfand, stand jedoch weniger das Hoffen als das Einordnen im Mittelpunkt. Das Thema des Abends war anspruchsvoll, ernst und hochaktuell: die sicherheitspolitische Zeitenwende – und ihre Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und Demokratie. Mit Generalmajor Ruprecht von Butler, Kommandeur des NATO Joint Warfare Centre im norwegischen Stavanger, hatte die vbw einen Gastredner eingeladen, der nicht aus der Theorie sprach, sondern aus jahrzehntelanger militärischer Praxis. Ein Abend, der deutlich machte: Die Realität lässt sich nicht ausblenden – und gerade deshalb braucht es Orte für offenen Austausch.

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Der 32. Neujahrsempfang der vbw Schwaben zwischen sicherheitspolitischem Ernst und starkem regionalem DialogBild: Nina Königs

In seinem Vortrag mit dem Titel „Mauerfall, Einsatz Afghanistan, Ukrainekrieg – Meine Zeitenwende und wie wir uns als NATO auf heutige Bedrohungen vorbereiten“ blickte Generalmajor von Butler auf drei prägende Einschnitte seiner Laufbahn zurück.

Seit seinem Eintritt in die Bundeswehr im Jahr 1986 haben der Fall der Berliner Mauer, der Einsatz in Afghanistan sowie der seit Februar 2022 andauernde Krieg in der Ukraine nicht nur seine persönliche Biografie, sondern auch die Sicherheitsarchitektur Europas und die Ausrichtung der NATO grundlegend verändert. Aus seiner heutigen Perspektive als Kommandeur des Joint Warfare Centre zeigte von Butler auf, wie sich die Allianz auf aktuelle und zukünftige Bedrohungslagen vorbereitet – und warum Abschreckung, Verteidigungsfähigkeit und Bündnissolidarität wieder zentrale Begriffe der Gegenwart sind.

Zwischen den Zeilen wurde deutlich: Zeitenwende ist kein politisches Schlagwort, sondern eine Realität, die Entscheidungen fordert – auch unbequeme.

Wirtschaft und Sicherheit: Zwei Seiten derselben Medaille

Deutlich wurde dieser Zusammenhang auch in den Worten von Philipp Erwein Prinz von der Leyen, Vorstandsvorsitzender der vbw Bezirksgruppe Schwaben. Er skizzierte eine zunehmend angespannte geopolitische Lage: internationale Konflikte, eine veränderte Sicherheitsstrategie der USA, globale Krisenherde und politische Unsicherheiten.

Sein Fazit war klar: Freiheit, Demokratie und Wohlstand lassen sich nur sichern, wenn Deutschland dauerhaft verteidigungsfähig ist. Die vbw begrüßt daher die Bereichsausnahme für Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse ebenso wie den Ausbau von Material und Personal. Auch das Ziel der Bayerischen Staatsregierung, ein Viertel aller Rüstungsaufträge nach Bayern zu vergeben, wird unterstützt.

Nach vbw-Schätzungen gibt es in Bayern rund 200 Unternehmen der Wehrtechnik mit etwa 50.000 Beschäftigten, die eine jährliche Wertschöpfung von 9,5 Milliarden Euro erwirtschaften. Der bayerische Verteidigungssektor gilt dabei als der größte in Deutschland und technologisch führend.

Konjunktur mit Licht und Schatten

Gleichzeitig verlor der Abend die wirtschaftliche Realität nicht aus dem Blick. Drei Jahre ohne Wachstum liegen hinter der Industrie. Für 2026 prognostiziert die vbw zwar ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in Bayern von 0,7 Prozent, doch von einer nachhaltigen Belebung kann noch keine Rede sein.

Strukturelle Probleme bestehen fort. Zwar wurden zu Beginn der aktuellen Legislaturperiode positive Maßnahmen beschlossen, deren Umsetzung lässt jedoch vielerorts noch auf sich warten. Aus Sicht der vbw agiert die Bundesregierung bislang zu zögerlich, zu unkonkret und nicht schnell genug – ein Punkt, der in den Gesprächen des Abends immer wieder aufgegriffen wurde.

Raum für Dialog, Begegnung und Vernetzung

Trotz der Schwere des Themas war der Neujahrsempfang zugleich das, was ihn für die Region so bedeutend macht: ein Ort der Begegnung. Beim anschließenden Get-together kamen zahlreiche Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aus Augsburg und Schwaben miteinander ins Gespräch.

Das stilvolle Ambiente, aufmerksamer Service sowie ausgewählte Speisen und Getränke schufen einen Rahmen, der intensive Diskussionen ebenso ermöglichte wie persönliches Networking. Gerade in Zeiten großer Unsicherheit zeigte sich, wie wertvoll solche Formate sind – um zuzuhören, unterschiedliche Perspektiven auszutauschen und regionale Netzwerke zu stärken.

Einordnung: Warum solche Abende wichtig sind

Der Neujahrsempfang machte deutlich, wie eng Sicherheitspolitik, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Stabilität miteinander verbunden sind. Wegsehen ist keine Option mehr. Gleichzeitig braucht es genau diese Räume, in denen komplexe Themen eingeordnet, diskutiert und gemeinsam weitergedacht werden können.

Fazit

Der 32. Neujahrsempfang der vbw Schwaben war kein Abend der leichten Antworten – sondern einer der notwendigen Fragen. Zwischen sicherheitspolitischer Analyse, wirtschaftlicher Realität und persönlichem Austausch wurde spürbar, dass Zeitenwende mehr bedeutet als ein politischer Begriff.

Gerade für die Region Augsburg zeigte sich an diesem Abend, wie wichtig Dialog, Vernetzung und verantwortungsvolle Einordnung sind. Veranstaltungen wie diese leisten einen wertvollen Beitrag dazu, Orientierung zu geben – in einer Zeit, in der einfache Gewissheiten längst der Vergangenheit angehören.