Zwischen Glitzer, Wahrheit und den Rollen des Lebens
Chris Kolonko feiert im Münchner Hofspielhaus eine restlos ausverkaufte Premiere – und schenkt seinem Publikum einen Abend über Verwandlung, Sehnsucht und die vielen Rollen des Lebens.
München hat viele Bühnen. Große Häuser, berühmte Namen, glanzvolle Premieren. Und doch sind es oft die kleineren Orte, an denen jene besonderen Abende entstehen, die lange nachwirken. Das Hofspielhaus, nur wenige Schritte von Staatsoper, Hofbräuhaus und den geschäftigen Straßen der Münchner Altstadt entfernt, ist genau so ein Ort. Zwischen Kunst, Kultur, Touristenströmen und einem Hauch Münchner Schickeria scheint hier die Welt für ein paar Stunden etwas näher zusammenzurücken.
An diesem Abend ist jeder Platz besetzt. Wegbegleiter sind gekommen, langjährige Freunde, Kollegen aus der Kulturszene, Vertreter der Presse und viele Menschen, die Chris Kolonko seit Jahren begleiten. Die Vorfreude ist spürbar. Es wird gelacht, begrüßt, diskutiert. Doch hinter der ausgelassenen Stimmung liegt auch eine gewisse Neugier. Denn wer Chris Kolonko kennt, weiß: Bei ihm ist nichts vorhersehbar.
Schon vor Beginn verrät der Künstler, dass er aufgeregt ist. Mehr als sonst vielleicht. Verständlich, denn dieser Abend verlangt ihm alles ab. Zahlreiche Abläufe, schnelle Wechsel, spontane Entscheidungen und vor allem die Tatsache, dass vieles von dem, was gleich passieren wird, erst in diesem Moment seine endgültige Form erhält. Es ist ein Wagnis. Und genau darin liegt seine besondere Kraft.
„Heute Showgirl, morgen mitten in den Geschichten von heute. Alles kann passieren.“
Selten hat ein Satz einen Abend treffender beschrieben.
Denn tatsächlich scheint an diesem Abend alles möglich. Das Publikum gibt die Richtung vor, Chris Kolonko nimmt die Impulse auf und verwandelt sie in Szenen, Geschichten und musikalische Momente. Was vorbereitet scheint, bekommt plötzlich eine neue Wendung, was spontan entsteht, fügt sich überraschend selbstverständlich in den Abend ein.
Kostüme und Perücken wechseln, Charaktere entstehen und lösen sich wieder auf. Kaum hat man sich an eine Figur gewöhnt, macht sie bereits der nächsten Platz. Was bleibt, ist die Faszination über die Leichtigkeit, mit der all das geschieht.
Doch wer genauer hinsieht, erkennt schnell, dass diese Leichtigkeit das Ergebnis großer Kunst ist. Denn Travestie, wie Chris Kolonko sie versteht, erschöpft sich nicht in glamourösen Kleidern oder perfektem Make-up. Sie ist Schauspiel, Gesang, Improvisation, Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis zugleich. Sie verlangt Mut, Disziplin und die Bereitschaft, sich immer wieder neu zu erfinden.
Und vielleicht erzählt dieser Abend deshalb weit mehr über das Leben, als man zunächst vermuten würde.
Immer wieder streift Kolonko Stationen seines künstlerischen Weges. Er erzählt von den Anfängen, von kleineren Gagen, großen Träumen und einer Zeit, in der das Nachtleben noch voller verborgener Bühnen war. Von Orten, an deren Türen man klingeln musste, bevor sich eine eigene kleine Welt öffnete. Von Begegnungen, Reisen und Weggefährten. Von einer Kulturszene, die vielleicht kleiner war als heute, aber nicht weniger lebendig.
Wer Chris Kolonko heute erlebt, erlebt schließlich keinen Newcomer, sondern einen Künstler, der seit drei Jahrzehnten die deutschsprachige Unterhaltungslandschaft prägt. Seine Karriere führte ihn von den ersten selbst produzierten Varieté-Shows in Augsburg über renommierte Häuser in Deutschland bis hin zu internationalen Engagements. Er arbeitete mit Größen der Branche zusammen, entwickelte erfolgreiche Showformate und machte sich weit über die Grenzen Bayerns hinaus einen Namen. Ob auf Varietébühnen, in glamourösen Dinnershows oder als kreativer Kopf hinter großen Produktionen – Chris Kolonko hat die Kunst der Verwandlung über Jahrzehnte hinweg nicht nur gelebt, sondern mitgestaltet.
Gerade deshalb wirkt dieser Abend im Hofspielhaus so besonders. Hier steht kein Künstler, der etwas beweisen muss. Hier steht jemand, der auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken kann und dennoch die Neugier bewahrt hat, sich immer wieder auf neue Abenteuer einzulassen. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis seiner Bühnenpräsenz: in der seltenen Mischung aus Professionalität und Spielfreude.
Mal führt die Reise ins Abenteuerland, mal nach Nimmerland. Mal wird laut gelacht, dann wieder wird es für einen Augenblick still. In diesen Momenten zeigt sich eine Seite von Chris Kolonko, die vielleicht noch beeindruckender ist als jede perfekte Verwandlung: seine Fähigkeit, Menschen mitzunehmen. Nicht nur in seine Welt, sondern auch in ihre eigene.
Denn während auf der Bühne eine Figur nach der anderen entsteht, beginnt man unweigerlich über die Rollen nachzudenken, die man selbst jeden Tag spielt.
Wir alle wechseln unsere Masken. Im Beruf treten wir anders auf als unter Freunden. In der Familie zeigen wir andere Seiten als in der Öffentlichkeit. Wir passen uns Situationen an, Erwartungen und Anforderungen. Oft geschieht das ganz selbstverständlich. Erst wenn man einem Künstler wie Chris Kolonko zusieht, wird einem bewusst, wie sehr das eigene Leben ebenfalls aus Rollen besteht.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Größe dieses Abends.
Die Travestie wird hier zum Spiegel. Nicht nur für den Künstler, sondern auch für das Publikum.
Immer wieder stellt sich die Frage, wie viel Kunstfigur in Chris Kolonko steckt und wie viel Mensch. Wo endet die Rolle und wo beginnt die Person dahinter? Gibt es diesen Moment überhaupt, in dem die Maske vollständig fällt? Oder besteht die wahre Kunst gerade darin, dass sich beides nie ganz voneinander trennen lässt?
Diese Fragen bleiben bewusst unbeantwortet. Und das ist gut so. Denn gerade das Geheimnisvolle macht einen großen Teil der Faszination aus. Man möchte mehr erfahren, mehr verstehen und zugleich akzeptieren, dass manche Dinge vielleicht nicht erklärt werden müssen.
Besonders eindrucksvoll wird dies in einem Lied, in dem die Zeile erklingt: „Bist du nicht irgendwann zu alt, eine tragisch-komische Gestalt?“
Ein Satz, der zunächst humorvoll wirkt, bei näherem Hinhören jedoch eine erstaunliche Tiefe entwickelt. Es ist die Frage nach dem Älterwerden, nach dem Weitermachen, nach der Kunst des Durchhaltens. Die Frage, wie lange man bereit ist, immer wieder auf die Bühne zu treten, immer wieder zu unterhalten, immer wieder den Menschen das Gefühl zu geben, für einige Stunden ihre Sorgen vergessen zu können.
Wer Chris Kolonko an diesem Abend erlebt, kennt die Antwort sofort.
Nein.
Denn wahre Bühnenpräsenz hat nichts mit dem Alter zu tun. Sie entsteht aus Leidenschaft, Hingabe und Authentizität. Aus der Fähigkeit, Menschen zu berühren.
Und genau das gelingt ihm eindrucksvoll.
Es ist bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit er einen Saal voller Menschen innerhalb kürzester Zeit für sich gewinnt. Viele Zuschauer stehen bereits früh auf, singen mit, tanzen, lachen und werden Teil der Inszenierung. Man spürt die Verbundenheit zwischen Künstler und Publikum. Man spürt aber auch den Respekt, den sich Chris Kolonko über viele Jahre erarbeitet hat.
Chris Kolonko kennt die großen Bühnen. Er hat auf renommierten Varietébühnen gestanden, eigene Produktionen entwickelt und internationale Publikumserfolge gefeiert. Umso reizvoller wirkt die Entscheidung, mit „Summernight“ bewusst die Nähe zum Publikum zu suchen. Die intime Atmosphäre des Hofspielhauses schafft einen Rahmen, in dem jede Geste sichtbar wird, jeder Blick zählt und zwischen Bühne und Zuschauerraum kaum noch eine Grenze existiert.
Gerade in dieser Unmittelbarkeit offenbart sich die wahre Größe des Abends. Nicht im Spektakel, sondern im Menschlichen. Nicht in der Perfektion, sondern in der Offenheit für den Moment.
Denn anders als in vielen durchinszenierten Produktionen weiß hier niemand genau, was als Nächstes passiert. Nicht das Publikum. Und manchmal offenbar nicht einmal Chris Kolonko selbst.
Doch vielleicht ist genau das die schönste Metapher für das Leben.
Auch dort gibt es keinen festen Spielplan. Keine Generalprobe. Keine Garantie für ein Happy End. Wir improvisieren. Wir scheitern. Wir wachsen. Wir verändern uns. Wir schlüpfen in neue Rollen und verabschieden uns von alten.
Und manchmal entdecken wir dabei Seiten an uns, die wir längst vergessen glaubten.
Dabei passt das Konzept von „Summernight“ nahezu perfekt an diesen Ort. Schon vor Beginn wird das Publikum von Berta begrüßt, einer Figur, die ebenso selbstverständlich zum Abend gehört wie die Musik, die Geschichten und die Verwandlungen. Das Theater lebt nicht nur auf der Bühne, sondern in jedem Winkel des Hauses. Räume werden zu Spielflächen, Begegnungen zu kleinen Szenen, Erinnerungen zu Liedern. Musicals treffen auf Chansons, Partysongs auf leise Momente. Alles scheint in Bewegung zu sein. Alles darf sein.
Vielleicht beschreibt genau das den Kern dieses Abends am besten.
Das Leben selbst folgt selten einem festen Drehbuch. Es überrascht, fordert heraus, beschenkt uns und stellt uns immer wieder vor neue Rollen. Chris Kolonko macht daraus keinen Vortrag. Er macht daraus Unterhaltung. Und gerade deshalb berührt sie so sehr.
Fazit
Die restlos ausverkaufte Premiere im Münchner Hofspielhaus war weit mehr als eine gelungene Show. Sie war ein Abend voller Glanz, Humor und großer Emotionen, vor allem aber eine Hommage an die Verwandlungskraft des Menschen.
Chris Kolonko beeindruckt nicht allein durch seine Stimme, seine Wandlungsfähigkeit oder seine Bühnenpräsenz. Er beeindruckt durch seine Fähigkeit, hinter dem schönen Schein etwas sichtbar zu machen, das viele Künstler verbergen: die Verletzlichkeit, die Zweifel, die Sehnsucht und die Freude, die in jeder Rolle verborgen liegen.
Wer die Vorstellung besucht, erlebt Travestie in ihrer schönsten Form. Offen, klug, berührend und überraschend tiefgründig. Es ist ein Abend, der lange nachhallt, weil er von etwas erzählt, das uns alle verbindet.
Von den Rollen, die wir spielen.
Von den Träumen, die wir bewahren.
Und von der Hoffnung, dass hinter jeder Maske vielleicht nicht weniger Wahrheit steckt – sondern manchmal sogar ein bisschen mehr.
Wer die Gelegenheit hat, sollte sich diesen besonderen Theaterabend nicht entgehen lassen. „Summernight“ ist noch vom 4. bis 8. Juni sowie vom 25. bis 29. Juni 2025 im Münchner Hofspielhaus zu erleben. Eine Show voller Musik, Verwandlung und Lebensfreude – und ein Abend, der weit über klassische Unterhaltung hinausgeht.




















