Argumente für und gegen autofreie Innenstädte

Bequemlichkeit über Autolärm?

Die Frage die sich jeder heutzutage stellen sollte: Steht meine eigene Bequemlichkeit wirklich über Argumenten wie beispielsweise dem "Umweltschutz"?

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Bild: stock.adobe / Pavlo Vakhrushev
PRO: 

Fahren wir weiter mit zu großen Autos in zu engen Innenstädten oder ist die Zukunft der Innenstädte autofrei? 

Der Ruf nach autofreien Innenstädten wird immer lauter. Zahlreiche Initiativen und Demonstrationen von Bürgern fordern, den Autoverkehr massiv zu reduzieren. Sie wehren sich gegen den Lärm, die schlechte Luft und die große Unfallgefahr. Doch ist es wirklich eine gute Idee, Autos aus den Innenstädten zu verbannen?

Wer denkt, autofrei zu leben, sei ein großer Verzicht, der irrt. Es ist nach einer kurzen Umstellung ein wahrer Gewinn an Lebensqualität, denn das unbeschwerte Leben sowie die Souveränität im öffentlichen Raum sind eine große Bereicherung für den Alltag. Dazu kommt, dass die Stadt insgesamt deutlich ruhiger wird und dadurch der Aufenthalt auf den Straßen sowie das nächtliche Schlafen um einiges angenehmer wird. Der gewonnene Platz, der jetzt für die fahrenden, aber vor allem für die parkenden Autos bereitgehalten werden muss, kann dann für schöne Grünanlagen, Spielplätze sowie Fahrradabstellanlagen genutzt werden. 

Mehr Sicherheit im Alltag wünschen sich die meisten, doch leider gefährdet jedes einzelne Auto Fußgänger und Radfahrer in einem mittlerweile fast nicht mehr tragbaren Maß. Ausgebaute Radwege wären eine sehr gute Möglichkeit, um diesem Problem entgegenzuwirken. Dazu kommen Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen, denn die Schulwege der kleinen Bürger bieten ebenfalls nicht mehr genug Sicherheit. Körperlich eingeschränkte Menschen haben in den Innenstädten ebenso große Schwierigkeiten und kommen des Öfteren in brenzlige Situationen. Autofreie Straßen wären eine optimale Lösung, um genau diesen Menschen einen stressfreieren Aufenthalt in der Stadt zu ermöglichen.

Raus aus dem Auto und rauf auf das Fahrrad oder auf die Füße ist die Devise! Denn wer ohne Auto lebt, lebt um einiges gesünder. Menschen ohne Auto bewegen sich nicht nur mehr, sondern atmen auch noch weniger Abgase ein. Im Laufe der Evolution hat der Mensch sich zu einem Bewegungstier entwickelt, deshalb sind sämtliche Funktionen des Körpers auf ausreichend Bewegung ausgerichtet. Mittlerweile kommen die meisten nicht mehr auf die empfohlene Anzahl an Schritten, da sie doch eher das Auto präferieren. Das führt zu dem logischen Schluss, dass viele an Bewegungsmangel leiden, der wiederum zu Übergewicht, chronischen Rückenschmerzen sowie anderen Krankheiten führt. Die Luftqualität ist natürlich auch ein wichtiger Punkt, der nicht ausgelassen werden darf, denn Autoabgase enthalten bis heute große Mengen an Schadstoffen. Alle Menschen, die sich dieser Luftverschmutzung aussetzen, haben ein deutlich höheres Risiko an Erkrankungen der Atemwege und des Kreislaufsystems zu erleiden. 

Viele nehmen gerne das Auto für den Weg zur Arbeit oder die Strecke zum nächsten Supermarkt. Das ist natürlich viel bequemer und praktischer, aber die Umwelt leidet enorm darunter. 18 Prozent der deutschen CO2-Emissionen sind dem Verkehr geschuldet. Wenn die privaten Haushalte unter die Lupe genommen werden, ist der Verkehr der zweitgrößte CO2-Emittent. Neben dem Klimaschutz wäre eine autofreie Innenstadt mit den oben genannten Argumenten ein enormer Fortschritt für das innerstädtische Leben. 

CONTRA: 

Ist die Zukunft der Innenstadt wirklich autofrei und ist das überhaupt sozialverträglich?

Der Kulturkampf um den Raum auf den Straßen hat ganz offiziell begonnen. Immer mehr Großstädte stellen ihre Konzepte für „autofreie Innenstädte“ vor und stoßen dabei nicht nur auf positives Feedback, sondern auch auf Menschen, die nicht auf ihr vierrädriges Gefährt verzichten möchten. Deshalb stellt sich die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, dieses Projekt in die Tat umzusetzen.

Was macht die Attraktivität und Lebensqualität in einer Innenstadt aus? Ganz genau: Wohnen, Arbeiten, Gastronomie, Kultur und Freizeitangebote sind die entscheidenden Faktoren bei dieser Frage. Eine zentrale Lage ist dabei jedoch eine essenzielle Voraussetzung, denn nur dann nehmen Unternehmen hohe Mietpreise auf sich und siedeln sich in der beliebten Innenstadt an. Doch was passiert, wenn der Fall eintritt, dass das Zentrum nicht mehr mit dem Auto erreicht werden kann? Die Firmen müssen entweder in eine andere Lage ziehen oder mit Umsatzeinbußen rechnen, da der Onlinehandel immer mehr an Attraktivität gewinnt, denn die Verbindung zum Einzelhandel löst sich immer mehr in Luft auf. Die Innenstädte müssen Gas geben und mehr bieten als bisher: ein unschlagbares Einkaufserlebnis, kombiniert mit Kultur, Events und gastronomischen Angeboten. Dazu gehört jedoch auch, dass sie gut erreicht werden können. Egal ob mit Bus, Bahn oder Auto. Jegliche verkehrliche Einschränkung gefährdet den Erhalt von Betrieben und ebenfalls auch Arbeits- und Ausbildungsplätze.

Eine große Problematik ist ebenfalls die Zustimmung der Bürger. Viele sehen die Nutzung eines Autos als Teil ihrer persönlichen Freiheit und wollen dies auch nicht aufgeben. Die Automobiliät wird nämlich weiterhin von vielen als die Norm empfunden, als Garantie für Erreichbarkeit und als eine bequeme Form gesehen, um den Zumutungen des Stadtlebens zu entgehen. Schon eine Umwandlung von Parkplätzen wird oft als Einschnitt in die eigene Freiheit betitelt. Dazu kommt, dass die Finanzierung und detaillierte Planung der großräumigen Entlastung der Innenstadt in der Umsetzung mehrere Jahre dauern wird. 

Befürchtet wird ebenfalls, dass viele Menschen durch autofreie Innenstädte ausgegrenzt werden könnten. Ältere und kranke Menschen beispielsweise, aber auch Familien mit Kindern, deren Alltag ohne Auto gar nicht organisierbar wäre. Ein Job hier, ein anderer dort und dazwischen noch das Kind in den Kindergarten bringen? Genau das geht leider nur mit einem Auto. Ebenfalls berufstätige Menschen, die einen Schichtdienst ausüben, kommen mit diesem Zukunftskonzept ins Schwitzen. Aus genau diesem Grund sind viele skeptisch, wenn es um das Projekt „autofreie Zukunft“ geht. 

Bevor die Entscheidung über eine autofreie Innenstadt gefällt wird, sollten zuerst alternative ÖPNV-Möglichkeiten sowie Parkplatzangebote geschaffen werden. Noch ist es nicht möglich, zusätzliche Autopendler aufzunehmen, da die Kapazität der öffentlichen Verkehrsmittel noch nicht ausreichend ausgebaut ist. Für die meisten ist das eigene Auto mit garantiertem Sitzplatz ohne frieren oder schwitzen deutlich angenehmer als überfüllte Busse oder Bahnen. Ein Gesamtkonzept, dass die Bedürfnisse von Bewohnern, Besuchern sowie Unternehmern berücksichtigt, ist notwendig für eine erfolgreiche Umsetzung.