Bumerang-Generation – Wenn Kinder wieder zurück ins Elternhaus kommen

Elternrolle statt verdienter Ruhestand

Sie schlurfen in Ihrem liebsten Pyjama-Outfit Richtung Morgentoilette. Erleichtert gehen Sie kurze Zeit später in die Küche, um sich den ersten Kaffee des Tages zu kochen. Genießen die allmorgendliche Stille. Was ist das Leben friedlich. Doch in der Küche scheint schon jemand gewesen zu sein. Die Zeitung liegt durcheinander auf dem Sofa. Der Küchenstuhl ist weggezogen und steht im Raum. Das können Sie nicht leiden. Sie machen sich Ihr Müsli mit zusammengekniffenen Augen und warmer Milch. Plötzlich knistert es auf dem Wohnzimmersofa – und nun bemerken Sie Ihren erwachsenen Sprössling, der gerade dabei ist, Ihre Lieblingskekse aufzuessen, auf die Sie sich heute Nachmittag schon gefreut haben. Willkommen bei der Bumerang-Generation. Aber was hat es damit auf sich? Welche Auswirkungen hat sie auf Eltern und Kinder? Und wer kauft jetzt neue Kekse?

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Bild: stock.adobe
Das eigene Elternhaus ist ein Zufluchtsort, an dem wir – idealerweise - immer willkommen sind. Auch, wenn wir bereits ausgeflogen und nun doch wieder in den heimischen Gefilden auf der Fußmatte stehen. Unbehaglich wird es, wenn aus dem kurzfristigen Aufenthalt im Haus Ihrer Kindheit ein dauerhafter Wiedereinzug wird. Denn laut einer Studie leidet nicht nur das Wohlbefinden der Eltern dadurch, sondern auch das der Kinder.

Was sind Bumerang-Kinder?
Der Name ist Programm: Sie kommen wieder zurück. Der sogenannte Bumerang-Effekt tritt auf, wenn erwachsene Kinder, die schon jahrelang eine eigene Wohnung bezogen haben, plötzlich wieder vor der elterlichen Haustür stehen. Mit Sack und Pack suchen sie Zuflucht vor den Widrigkeiten der Welt: unbezahlbare Mietpreise, schmerzhafte Trennungen, abgeschlossene Studien und keine Aussicht auf einen Arbeitsplatz. Oder die Wiederkehr nach einem Auslandsjahr und (noch) keinen Plan, wie es weitergehen soll. All das sind Gründe für den Bumerang-Effekt, der mehrheitlich in der westlichen Welt auftritt, etwa in den USA, Kanada oder Großbritannien.

Auswirkung auf die Eltern
Welche Auswirkungen hat die Rückkehr ins heimische Nest auf Eltern und Kinder? Die etwas deprimierende Antwort lautet: eine sinkende Lebensqualität – in erster Linie für die Eltern. Denn die sind nun plötzlich wieder in ihrer Mutter- und Vaterrolle gefordert, statt als aktive Senioren so richtig durchzustarten. Dies fanden Forscher heraus, die über acht Jahre lang das Bumerang-Verhalten erwachsener Kinder in 17 europäischen Staaten beobachteten. 

Unabhängig vom Grund, warum die Kinder wiederkehrten, verschlechterte sich die Lebensqualität der Eltern nach dem Einzug der Kinder. Dies traf übrigens nur dann zu, wenn das Nest zuvor schon leer gewesen ist - also auch jegliche Geschwister bereits außer Haus wohnten.

Die meisten Eltern durchleben nach dem Auszug der eigenen Kinder eine Trauerzeit, die wichtig für das Verarbeiten dieser neuen Lebensumstände ist – und für das weitere Leben als Paar einiges in Bewegung setzen kann und soll. Es werden neue Hobbys gesucht, alte Freundschaften wiedergelebt, interessante Gewohnheiten schleichen sich ein. Die Zeit als Ehepaar rückt wieder in den Vordergrund. Die eigene Person wird wieder gehegt und gepflegt. Kommt das erwachsene Kind wieder auf heimischen Boden zurück, bringt es den neu gewonnenen und kinderfreien Alltag komplett durcheinander. Das Abschließen der Lebensphase mit zu der Phase ohne Kind wird aufgewühlt und bringt dabei verwirrende Gefühl an den Tag. 

Wie fühlt sich das Kind?
Für das Bumerang-Kind selbst ist ein Wiedereinzug ins Elternhaus ebenfalls nicht nur mit Annehmlichkeiten verbunden. Die erworbene Freiheit gegen vorgeschriebene Essenszeiten und weitere Verpflichtungen einzutauschen, ist nicht jedermanns Sache. 
Das eigene Leben wurde sich aufgebaut, Werte und Abläufe zum persönlichen Empfinden angepasst. Im Elternhaus wird dies oft über den Haufen geworfen und viele erwachsene Kinder fühlen sich seltsam entfernt von der eigenen Person.
Hinzu kommen die unterschiedlichen Ansichten, Gewohnheiten aber auch der Geräuschpegel, der sich in der ein oder anderen Familie durchaus vom Leben im Eigenheim unterscheiden kann. Konflikte und Stress reiben sich in einem Mehrgenerationen-Haushalt schon recht zeitnah die Hände.
Neben all den negativen Konsequenzen kann ein – zeitlich begrenzter – Wiedereinzug natürlich auch positive Effekte auf die „Kinder“ haben. Sie verspüren das Gefühl von Sicherheit, ganz gleich, was das Leben mit sich bringt. Und gerade dieser elterliche Halt kann dem Bumerang-Kind neue Kraft verleihen, um selbstständig durchzustarten und das Elternhaus wieder zu verlassen. Bestenfalls für immer. 

Wir wünschen beiden Seiten – den Eltern und den Kindern – gutes Gelingen, eine extra Portion Drahtseile für die Nerven. Immer schön den Spaß nicht vergessen. |Text: Stefanie Steinbach