Comfort Binge – Warum wir immer wieder die selben Serien schauen

Auf Immerwiedersehen!

Seitdem Streaming-Plattformen wie Netflix und Co. die Welt erobert haben, scheint die Auswahl an Filmen und Serien schier grenzenlos zu sein. Zudem kommen ständig neu produzierte Inhalte in die Mediatheken und bieten für jeden Geschmack das Passende. Trotzdem schauen viele von uns am Ende doch wieder Inhalte, die eigentlich längst bekannt sind.

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Bild: stock.adobe
Kennen Sie das auch? Sie kommen nach einem langen Arbeitstag nach Hause, machen sich etwas zu essen – und dann ab vor den Fernseher oder Laptop: Es ist Netflix-Zeit! Ob sie alleine durch das große Angebot durchscrollen oder sich nach ewigen Diskussionen mit dem Partner oder der Partnerin nun endlich auf einen Film beziehungsweise eine Serie einigen – oft ist es doch so, dass Sie nach zehn Minuten irgendwie nicht mehr so überzeugt sind. Und was nun? Na klar, Sie gehen zurück zur Startseite und wählen doch eine bekannte Serie aus. „Friends“, Staffel 1, Folge 1. Zum fünfzehnten Mal. Doch warum eigentlich? 

Die Bezeichnung: Comfort Binge
Die US-amerikanische Journalistin Alexis Nedd hat hierfür einen neuen Begriff gefunden: Comfort Binge. Damit ist sozusagen ein wiederholtes „Seriensuchten“ gemeint, obwohl eigentlich ständig neue Inhalte verfügbar wären und wir das Vorhandene längst kennen.

Comfort Binge beschreibt damit auch das Gefühl, sich von einer Serie mit eigentlich bekanntem Inhalt berieseln zu lassen. Das Wort Binge ist vielen vom sogenannten „Binge-Eating“ geläufig, das wiederum eine Essstörung bezeichnet, die mit heftigen Fressattacken einhergeht. In diesem Fall geht es hierbei nun weniger um das Vollstopfen mit Unmengen an Süßigkeiten, Chips oder Fast Food, sondern um pausenloses Anschauen von Serien. 

Geringer Aufwand
Für Nedd liegt der Grund für das Phänomen darin, dass mit relativ wenig Aufwand maximale Unterhaltung möglich ist. Weil die Idee der Serie, ihre Charaktere und vor allem Handlung und Ende bereits bekannt sind und in der Vergangenheit als gut empfunden wurde, sind hierbei auch kein Fehlgriff und damit keine Enttäuschung möglich. Schließlich wird beim Serienschauen doch einiges an Zeit investiert – erweist sich die Neuentdeckung jedoch dann als Reinfall, sind Frust und Ärger angesagt.

Zu viel Auswahl? Gar nicht gut!
Aufgrund der vielen Auswahlmöglichkeiten (auf Netflix erscheinen beispielsweise im Monat über hundert neue Serien und Filme) haben wir außerdem oft die Qual der Wahl. Eine derart große Auswahl kann nämlich sogar unglücklich machen – der US-Psychologe Barry Schwartz bezeichnete dies in einem Vortrag als Paradoxon der Wahlmöglichkeiten: Je besser die Optionen sind, zwischen denen wir wählen müssen, desto schwieriger fällt es uns, überhaupt eine Entscheidung zu treffen. Daher setzen wir doch lieber auf das Altbewährte, wo unsere Erwartungshaltung sicher nicht enttäuscht werden wird – es ist ja schon bekannt, was kommen wird.

Und das Ganze hat schließlich auch Vorteile: So können Sie beispielsweise schnell mal währenddessen auf Ihr Handy schauen, ohne DIE eine wichtige Szene zu verpassen und im Anschluss nichts mehr zu kapieren. Oftmals entdecken Sie beim dritten oder vierten (oder zehnten) Anschauen sogar immer noch neue Aspekte oder kapieren endlich einen bestimmten Witz.

Zeit mit Freunden verbringen
Gerade nach dem eingangs beschriebenen langen Arbeitstag sind viele von uns erschöpft und haben keine Kapazitäten mehr frei, um eine neue Serie mit komplexer Handlung und völlig unbekannten Charakteren zu „verarbeiten“. Wir suchen dann auch gar nicht nach besonderer Unterhaltung oder Überraschung, sondern wollen uns einfach nur mit vertrauten Stimmen und Handlungen beschäftigen. Altbekanntes ist eben immer auch ein wenig tröstlich – bei manchen Serien wirkt es auch fast, als würden wir Zeit mit alten Freunden verbringen. Man kennt schließlich nicht nur die Charaktere bestens, sondern kann teilweise schon die Dialoge mitsprechen und versteht jeden Insider. 

Auf psychologischer Ebene kommt hier der Begriff der parasozialen Beziehung ins Spiel: Damit ist gemeint, dass man auch mit fiktionalen Personen eine Beziehung aufbauen kann, die sich grundsätzlich nicht sehr stark von der mit realen Sozialkontakten unterscheidet.

Wissen, was man hat
Der Aufbau dieser Beziehung hat in der Vergangenheit jedoch ebenfalls Zeit gekostet – wollen Sie das alles wirklich noch einmal durchleben? Wer mit einer neuen Serie anfängt, kennt das vielleicht: Man muss sich wie im echten Leben neu mit den Protagonisten anfreunden, ihre Geschichte verstehen und ihnen eine Chance geben, sich auf sie einzulassen. Ein schwieriger Prozess. Deshalb schämen Sie sich nicht, wenn Sie demnächst dann doch wieder eine Folge „Friends“, „Scrubs“ oder „How I Met Your Mother“ schauen – da wissen Sie einfach, was Sie haben! | Text: Vera Mergle