Minimalistisch durch Frugalismus!?

Wie der Ruhestand in jungen Jahren möglich ist

Jeder übrige Euro wandert in den Sparstrumpf. Dieses Credo kennen viele von uns vor allem noch von der Generation Großeltern. Denn diese waren es nicht anders gewohnt, mussten in jungen Jahren auf vieles verzichten und lebten generell sparsam. Doch die Zeiten änderten sich und der Konsum stieg und stieg. Nun kommt die Gegenbewegung – und wie! Frugalisten zeigen, wie man mit eiserenem Willen und einem sparsamen Lebensstil ein besonderes Ziel erreicht. Nämlich den Ruhestand mit zum Beispiel 40 Jahren.

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Bild: Adobe Stock

Im Eiltempo ein möglichst großes Vermögen aufbauen, das ist das Lebensmotto der Frugalisten. Doch das tun sie nicht aus Geiz oder Zwang, sondern weil sie sich bereits in der Mitte ihres Lebens auf genau diesem Vermögen ausruhen wollen. Doch was als etwas vage Idee in den USA begann, findet auch hierzulande mehr und mehr Fans. Die Vorteile liegen auf der Hand, denn auf eine ca. 20 Jahre andauernde Sparphase folgen im besten Falle 40 bis 50 Jahre Ruhestand. Doch kann das wirklich funktionieren? 

Ja – allerdings nur durch knallharten Verzicht. Unnötige Ausgaben werden nicht nur reduziert, sie sind schlichtweg nicht existent. Kein neues Shirt für den Sommer, kein Urlaub, nicht mal eine Tankfüllung für das Auto. Welches Auto eigentlich? Es wird gespart wo immer möglich, das beginnt im Kleinen und zieht sich durch alle Lebenslagen. Natürlich ist der Verzicht hart, vor allem in der heutigen Zeit. An jeder Ecke lauert Konsum, überall werden wir verleitet, uns vermeintlich wichtige Gimmicks für unseren Alltag anzuschaffen. Dabei belegen Studien, dass man mit deutlich weniger Habseligkeiten nicht weniger gut zurechtkommt. Doch auf den persönlichen Luxus zu verzichten fällt uns trotzdem schwer.


Hilft es vielleicht, sich einen Ruhestand mit 40 Jahren besonders bildhaft vorzustellen? Absolute Freiheit in der Blüte des Lebens? Keine Verpflichtungen mehr, nur noch tun was man möchte. Doch dafür bedarf es auch gewisser Voraussetzungen. So zeigen Umfragen, dass Frugalisten meist sehr gut ausgebildet sind, also sich selbst eine solide Basis gelegt haben. Zudem haben sie sich mit Finanzen und Anlagemöglichkeiten intensiv auseinandergesetzt und sich ein Expertenwissen angeeignet. Doch nicht jeder kann Frugalist werden, das weiß auch die Finanzexpertin Andrea Machost von der Sparkasse: „Nicht jeder kann – so wie es Frugalisten machen – 70 bis 80 Prozent seines Einkommens sparen. Das können sich nur Menschen mit einem verhältnismäßig hohen Einkommen leisten. Geringverdiener können die Sparrate, die man benötigt, um mehr als zwanzig Jahre vor dem gesetzlichen Rentenalter in den Ruhestand zu gehen und bis ans Lebensende allein vom angesparten Vermögen zu leben, kaum erreichen. Eine Altersvorsorge für den Ruhestand ab Mitte 60 können sich dagegen auch Menschen mit geringem Einkommen aufbauen“.


Jeder kann also von Extremsparern etwas lernen. Doch eben nicht für jeden ist genau diese ausgeprägt sparsame Lebensweise auch geeignet. Zudem gibt es einen weiteren Wehrmutstropfen: Denn auch wenn

die Sparphase überstanden ist und der Ruhestand ruft, wartet dann nicht das Schlaraffenland. Denn selbst bei einem beachtlich angesparten Vermögen, muss dieses für 40 oder 50 Jahre ausreichen. Es heißt also auch hier häufig: verzichten. Dafür ist einem die Freiheit gewiss, nicht mehr täglich ins Büro zu müssen. Doch ist einem diese Freiheit ein nahezu lebenslanger Verzicht wert?

Vielleicht hilft es, die Bewegung der Frugalisten nicht als absolut richtigen Weg zu sehen. Sondern eher als Anreiz, den eigenen Konsum und die persönlichen Finanzen genauer zu beleuchten? Einsparpotentiale ergeben sich bei nahezu jedem von uns. Und genau dieses ersparte Geld kann uns im Alter helfen. Doch wie schafft man den Mittelweg?

Schritt für Schritt zu mehr finanzieller Sicherheit – Tipps und Tricks

1. Haushaltsbuch führen

Pragmatisch gut: Notieren Sie sich drei Monate lang alle Ausgaben, egal ob bar oder über Daueraufträge, Überweisungen etc. Kategorisieren Sie diese nach notwendigen Ausgaben wie Miete, Strom etc. und Freizeit/Luxus. Zwischenzeitlich gibt es auch haufenweise Apps hierfür, die ein einfaches tracken von Ausgaben ermöglichen. 

2. Hinterfragen

Sie haben nun alle Zahlen schwarz auf weiß. Hinterfragen Sie jeden Posten akribisch. Ist diese Ausgabe zum Überleben notwendig? Gibt es Einsparpotentiale? Diese können sich zum Beispiel bei bestehenden Versicherungen und Verträgen ergeben, aber auch bei Kleinigkeiten wie einem Einkauf beim regionalen Landwirt statt im teuren Bio-Supermarkt. 

3. Sparrate festlegen

Setzen Sie sich selbst ein Ziel und sparen Sie einen fixen Betrag Monat für Monat. Ein Dauerauftrag auf ein Sparkonto zu Beginn des Monats hilft. 

4. Finanzmärkte kennenlernen

Trauen Sie sich, das gesparte Geld zu investieren. Seien Sie am Anfang vorsichtig und lassen Sie sich von Ihrer Hausbank entsprechend beraten. Auch risikoarme Anlagen können über längere Laufzeiten gute Gewinne abwerfen. 

Wie kann eine typisches Frugalisten-Leben aussehen? 

Wie kann man so viel im Alltag einsparen, damit es fürs restliche Leben reicht? Diese Frage ist nicht unberechtigt, denn irgendwie fehlt am Ende des Geldes noch immer ganz viel Monat. Oliver Noelting hingegen hat dieses Problem nicht. Er spart jeden Monat ca. 2/3 seines Einkommens und möchte mit 40 Jahren in Rente gehen. Auf derstandard.de berichtete er von seinem Alltag – und der ist wirklich interessant. Noelting wohnt mit seiner Freundin auf 45 Quadratmetern in Hannover. Er arbeitet Teilzeit als Softwareentwickler, seine Freundin als Grafikdesignerin. Die Miete teilen sich beide solidarisch, diese schlägt pro Person mit 288 Euro zu Buche, Nebenkosten inklusive. Beide tracken all ihre Ausgaben um einen Überblick zu behalten. So stehen am Ende eines Monats zum Beispiel 51 Euro für Party, Kneipe und Disco im Haushaltsbuch oder 104 Euro für Lebensmitteleinkäufe. 22 Euro können auch mal auf Elektrogeräte entfallen, die neu angeschafft werden müssen. „Neu“ ist hier allerdings Auslegungssache, denn gekauft wird gerne bei ebay und Co. Gebraucht heißt also die Devise, denn hier kann oft richtig gespart werden.


Im Netz gibt es zahlreiche weitere Lebendbeispiele von Frugalisten, die aus dem Nähkästchen plaudern. Der Kanadier Peter Adeney zum Beispiel berichtet als „Mr. Money Mustache“ und auch ein Ehepaar aus Vermont betreibt mit „Frugalwoods“ einen interessanten Blog. Bei letzterem erfahren vor allem Eltern, wie man als Familie sparsamer leben kann. Also zum Beispiel Kinder auch ohne teures Spielzeug bespaßt oder beim Thema Lebensmittel deutlich sparsamer wird. „No waste“ heißt die Devise – denn es soll nichts unnötig verschwendet werden. Das spart automatisch Geld und ist zugleich gut für die Umwelt. Frugalisten liegt nämlich oft nicht nur ihr Kontostand am Herzen, sondern auch unser Planet Erde.