Patchworkfamilie: Ein Zusammenleben mit fremden Geschwistern

Das Familienmodell näher erklärt

Patchwork – das hört sich nach einer bunten, zusammengewürfelten Fröhlichkeit an. Aus verschiedenen Charakteren und Gewohnheiten eine neue und glückliche Familie zu formen, in der jeder seinen Platz findet, glänzt nicht immer mit der erstrebten Glückseligkeit. Was wir genau unter einer Patchworkfamilie verstehen, wie sich das Familienmodell für die Beteiligten anfühlt und welche Tipps beim Zusammenleben helfen können, erfahren Sie hier.

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Was ist eine Patchworkfamilie?

Der Begriff Patchworkfamilie entstand in Deutschland in den neunziger Jahren, als ein Label für jene neue Familienform gesucht wurde, die immer häufiger auftauchte, nachdem die Scheidungsraten beständig nach oben gegangen waren. Psychologisch betrachtet verstehen wir unter einem solchen Familienmodell eine Partnerschaft, bei der mindestens einer der Partner ein oder mehrere Kinder mit in die Beziehung bringt.  Früher wurde diese Familienart auch „Stieffamilie“ genannt und war der typische Ausgangspunkt für eine Verwitwung eines Elternteils. Da mittlerweile fast jede zweite Ehe in Deutschland wieder geschieden wird, ist die „Flickenfamilie“ der dritthäufigste Familientyp in Deutschland. Rund 14 Prozent aller Familien sind Patchworkfamilien. 

Mögliche Schwierigkeiten

Am Beginn der Patchworkfamilie steht immer eine Trennung oder der Tod eines Elternteils und damit eine Erfahrung, die für jedes Kind – zumindest zunächst – traumatisch ist. Nicht zu unterschätzen sind auch die Veränderungen, die mit einem neuen Geschwisterverbund einhergehen. Gerade anfangs sind außerdem Konkurrenzgefühle gegenüber den neuen Geschwistern nicht selten. Während andere Familien über Jahre hinweg wachsen, ändert sich die Lebenssituation der Patchworkfamilie metaphorisch gesprochen über Nacht. Studien zufolge benötigen diese Familien im Schnitt fünf Jahre, um zusammenzuwachsen.

Aus Sicht der Kinder

Kinder haben einen großen Wunsch: dass die Eltern wieder in Frieden zusammenkommen und Harmonie herrscht. Dabei ist es egal, was alles vorgefallen ist, denn Kinder verdrängen die Probleme und idealisieren das Familienbild in ihrem Kopf und auch im Herzen. Anstelle eines geliebten und vertrauten Menschen tritt nun ein Fremder in das Leben der Kinder und ein zweiter großer Wunsch, den Papa oder die Mama wenigstens für sich alleine zu haben, wird ebenfalls vom neuen Partner in die Ferne gerückt. Die harmonische, vertraute Welt, in die sie liebevoll eingedeckt waren, existiert nicht mehr. Unsicherheit und ein komisches Gefühl im Bauch rücken in den Vordergrund.

Aus Sicht der Eltern

Wenn Sie in den Urlaub fahren, fragen Sie sich dann, wie das eigentlich mit dem Frühstück funktioniert? Eltern einer Patchworkfamilie fragen sich nicht nur das. Jeder Familienpart hat seine eigenen Gewohnheiten, die in Alltagssituationen alle aufeinandertreffen – nicht selten mit einem beträchtlichen Knall. Eltern fühlen sich oftmals der Situation nicht gewachsen. Die Beziehung mit dem neuen Partner wird durch die turbulente Anfangszeit enorm auf die Probe gestellt. Hinzu kommen die nicht zu unterschätzenden psychologischen Auswirkungen auf die Kinder, die die ein oder andere schlaflose Nacht bedeuten. 

Rechte und Pflichten 

Patchworkfamilien sind im Familienrecht in vielerlei Hinsicht benachteiligt, wie beispielsweise im Erbrecht, auf Reisen, in der Schule oder bei medizinischen Entscheidungen. Diese Situationen erfordern jeweils eine Vollmacht des biologischen Elternteils, möchte der Bonuselternteil diese Aktivitäten übernehmen. Stiefeltern haben gegenüber den nicht leiblichen Kindern nur wenige Rechte und Pflichten. Dabei ist es unerheblich, ob sie den neuen Partner heiraten oder ohne Trauschein zusammenleben.

Fazit: Wie immer gibt es kein Patentrezept, daran haben wir uns ja schon irgendwie gewöhnt. Aber mit Ruhe und Fingerspitzengefühl können Sie sich selbst und Ihre Kinder möglichst schonend auf die neue Situation vorbereiten. Respekt- und liebevoller Umgang miteinander runden die scharfen Kanten in so einer Situation etwas ab. Den Rest bringt die Zeit, und die haben Sie. Denn schließlich möchten Sie zusammen alt werden. |Text: Stefanie Steinbach

Tipps für eine harmonische Patchworkfamilie

  • Geben Sie dem Kind Zeit, sich kennenzulernen.
  • Niemals den Eindruck erwecken, den richtigen Papa oder die richtige Mama ersetzen zu wollen. Das Ziel sollte vielmehr gegenseitiger Respekt sein.
  • Lassen Sie dem Kind Zeit, seine Trauer zu bewältigen.
  • In Familien mit Kindern aus unterschiedlichen Familien sollten von Beginn an Regeln für ein Zusammenleben aufgestellt werden.
  • Kein Kind wird bevorzugt.
  • Es ist normal, das leibliche Kind mehr zu lieben als das Kind des Partners und kein Grund, sich mit Selbstvorwürfen zu quälen.
  • Der neue Partner sollte sich – insbesondere am Anfang – in Erziehungsfragen zurückhalten.