Urban Exploring als neuer Trend

Sightseeing der etwas anderen Art

Ein Selfie vor dem Big Ben, dem Eiffelturm oder das gemeinsame Gruppenbild neben dem schiefen Turm von Pisa – diese Aufnahmen lassen sich für gewöhnlich als schöne Erinnerung an den Urlaub auf Smartphone oder Kamera finden. Doch es gibt auch eine ganz andere Art, Städte zu erkunden: Urban Exploring, kurz Urbex/Urbexing. Doch was versteckt sich hinter diesem Trend und ist er auch für Sie geeignet?

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Bild: Adobe Stock
Anstelle der überlaufenen Hotspots einer Stadt einfach die sogenannte „Lost Places“ erkunden? Genau darum geht es beim Urban Exploring. Lost Places sind Orte, für die sich keiner (mehr) interessiert – ob nun Katakomben oder stillgelegte Bahnhöfe, Abwassersysteme, Hotelruinen und Militäranlagen, alte Fahrstuhl- und U-Bahn-Schächte sowie verlassene Schulen, Bibliotheken und Höfe. 

Künstlerische Umsetzung
Doch diese Orte werden nicht einfach nur besucht, sondern wahrhaftig erkundet: Alles wird fotografisch genau dokumentiert oder gar künstlerisch umgesetzt – beispielsweise in Form von Videos oder Texten. Auch einige YouTuber haben sich auf die Erkundung von Lost Places spezialisiert, hierbei werden vor allem verlassene Krankenhäuser, Industriegebäude oder Wohnhäuser besucht. 

Flucht vor der Moderne
Doch welche Motivation haben Urbexer, wie die Liebhaber dieser Erkundungsform genannt werden? Zum einen steckt eine gewisse Portion Abenteuerlust dahinter, zum anderen spielt auch der Faktor Authentizität eine Rolle. So sind verlassene Ruinen, alte Gefängnisse oder Zechen gleichsam Zeugen einer vergangenen Zeit und weisen einen geschichtlichen Charme auf. Sie bilden einen starken Kontrast zur hektischen Zivilisation sowie deren Struktur und Ordnung – vor der die Urbexer damit zumindest für gewisse Zeit entfliehen.

Geschichtliches Interesse
Die Eindrücke werden dann mit Handy oder vor allem der Kamera festgehalten, wodurch auch ein mittlerweile eigenes Genre, die sogenannte „Ruinen-Fotografie“, entstanden ist. Andere Urbexer recherchieren die historischen Wurzeln von verlassenen Orten, legen Dokumentationen an und veröffentlichen diese online. Weitere Anhänger sehen einen Reiz in der sportlichen Herausforderung, da viele Plätze schwer zugänglich sind oder zumindest gewisse Hindernisse aufweisen.

Demnach gibt es auch nicht DIE eine Definition, was nun Urban Exploring-würdig ist. Fest steht, dass entsprechende Orte meist selten im klassischen Stadtführer zu finden sind. Ein Beispiel aus Leipzig ist der dortige, seit 1994 geschlossene Postbahnhof, der immer weiter verfällt. Zu weiteren Lost Places zählen hierzulande das ehemalige Stellwerk in Hamburg-Wilhelmsburg sowie die Raketenbasis Pydna in Rheinland-Pfalz. 

Das Phänomen ist aber keinesfalls nur auf Deutschland beschränkt – so gibt es beispielsweise eine Geisterstadt namens „Ghost Town Bodie“ östlich von San Francisco: Urban Explorer finden in der ehemaligen Goldgräbersiedlung neben alten Autos auch mehrere Gerätschaften und Bauwerke, die eine Entdeckung wert sind. In Italien lassen sich wiederum ehemalige Textilfabriken, verlassene Aluminiumwerke oder psychiatrische Kliniken sowie interessante Katakomben finden – ein wahres Paradies für Urbexer.

Nie alleine auf Tour gehen
Doch Vorsicht: Wer verlassene Gebäude, Ruinen und Co. betritt, begibt sich dabei oftmals in Gefahr! Schließlich sind Lost Places häufig verfallen oder gar einsturzgefährdet. Neben einer maroden Bausubstanz sind außerdem nicht gesicherte Stromquellen sowie Gefahrenstoffe wie Asbest oder Gas durchaus keine Seltenheit. Daher gilt es, diese Orte keinesfalls alleine zu betreten und gegebenenfalls Schutzausrüstung anzulegen – bei einem Unglück wird schnelle Hilfe eher nicht zu erwarten sein.

Die rechtliche Lage dieser Untenehmungen ist durchaus undurchsichtig. Schließlich verschaffen sich Urbexer teilweise auch Zugang zu Orten, zu denen die Öffentlichkeit eigentlich keinen Zugang hat. Dadurch stellt Urban Exploring meist Hausfriedensbruch dar – und eine Sondergenehmigung für derartige Gebäude ist eher schwierig zu kriegen. Ansonsten distanzieren sich die Anhänger aber klar von Diebstahl, Vandalismus oder dem Sprühen von Graffitis.

Damit das Foto auch gelingt
Für das perfekte Bild ist zunächst einmal das Mitführen einer Taschenlampe sinnvoll, um (etwa in unterirdischen Bunkern) genug zu sehen und das Zielobjekt auszuleuchten. Empfehlenswert ist ein möglichst starkes Weitwinkel-Objektiv mit kleiner Brennweite, außerdem ist ein robustes, aber nicht allzu schweres Stativ von Vorteil – dann kann auch die Belichtungszeit beliebig gewählt werden. Potenzielle Unschärfe durch Verwackeln kann durch das Benutzen eines Fernauslösers eliminiert werden. |Text: Vera Mergle