Augsburgs Geschichte erwacht zu neuem Leben

Interaktiver Seld-Plan von 1521 verwandelt das Fugger und Welser Erlebnismuseum in eine faszinierende Zeitreise

Wie sah Augsburg vor mehr als 500 Jahren aus? Welche Geschichten verbergen sich hinter den historischen Gebäuden und wie lebten die Menschen in der einst mächtigen Reichsstadt? Ab heute können Besucher des Fugger und Welser Erlebnismuseums diesen Fragen auf ganz besondere Weise nachgehen. Der berühmte Seld-Plan von 1521 ist jetzt interaktiv erlebbar – mit bewegten Figuren, spannenden Entdeckungen und Jakob Fugger als digitalem Stadtführer.

cropped-1793286282-museumsprasentation-mit-ausstellungstafel-und-geback
Bild: TRENDYone
Eine Stadt voller Geschichte, ein jahrhundertealter Plan und modernste Technik: Im Fugger und Welser Erlebnismuseum wurde am heutigen Donnerstag, 29. Oktober, eine neue Attraktion vorgestellt, die Augsburgs Vergangenheit auf beeindruckende Weise lebendig werden lässt. Der historische Seld-Plan von 1521, der zu den frühesten vermessungsbasierten Stadtplänen nördlich der Alpen zählt, kann ab sofort auf einem interaktiven Bildschirm erkundet werden. Was bislang eine detailreiche, aber unbewegte Darstellung der Renaissance-Stadt war, wird nun zu einer digitalen Erlebniswelt, in der Besucher selbst auf Entdeckungsreise gehen können.

Der ursprüngliche Stadtplan geht auf den Goldschmied und Vermessungskundigen Jörg Seld zurück, der Augsburg bereits zwischen 1514 und 1516 vermessen hatte. Seine außergewöhnliche Darstellung zeigt die Reichsstadt mit ihren Kirchen, Türmen, Straßen und Häusern und vermittelt einen einzigartigen Eindruck vom Augsburg des frühen 16. Jahrhunderts. Nun lassen sich selbst kleinste Details heranzoomen, einzelne Gebäude auswählen und ihre Geschichten entdecken.

Mit Jakob Fugger durch das Augsburg von 1521
Wer sich nicht allein auf die Reise begeben möchte, bekommt prominente Unterstützung: Jakob Fugger übernimmt die Rolle des digitalen Stadtführers. Am Roten Tor empfängt der berühmte Kaufmann seine Gäste und begleitet sie zu bedeutenden Schauplätzen der damaligen Reichsstadt. Dabei vermittelt er nicht nur historische Hintergründe, sondern gewährt auch unterhaltsame Einblicke in das Leben seiner Zeit.

Besonders spannend ist die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Anhand ausgewählter Gebäude erfahren Besucher, welche Bedeutung diese einst hatten und wie sie heute aussehen. So wird beispielsweise die Basilika St. Ulrich und Afra vorgestellt. Wer lieber selbst auf Entdeckungstour geht, kann mithilfe einer Suchfunktion gezielt nach Orten suchen. Neben den Fuggern und Welsern stehen auch die Reichsstadt und bedeutende Künstler der damaligen Zeit im Mittelpunkt.

Eine zusätzliche Verbindung zur Gegenwart schafft die App Epochy. Über entsprechende Hinweise innerhalb der Anwendung können ausgewählte historische Gebäude anschließend auch im heutigen Augsburg mittels Augmented Reality entdeckt werden. Die Zeitreise muss damit nicht an der Museumstür enden.

Ein Geschichtsstudent und die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz
Hinter der technischen Umsetzung steckt eine bemerkenswerte Geschichte. Titus Holzhauser, Geschichtsstudent an der Universität Augsburg, kam ursprünglich als Praktikant ins Museum. Gemeinsam mit der stellvertretenden Museumsleiterin Katharina Dehner entwickelte er die neue Anwendung und stellte sich dabei einer Herausforderung, die weit über ein gewöhnliches Praktikum hinausging.

Denn Holzhauser ist kein ausgebildeter Informatiker. Mithilfe künstlicher Intelligenz gelang es ihm dennoch, die komplexe technische Umsetzung zu realisieren. Bei der Pressekonferenz betonte er ausdrücklich, dass KI ausschließlich als Werkzeug eingesetzt wurde. Die historischen Inhalte, Bilder, Ideen und Konzepte stammen von den Projektbeteiligten selbst.

Wie viel Kreativität und Detailarbeit in der Anwendung stecken, zeigt sich besonders beim Blick auf das historische Stadtleben. Rund 50 Figuren wurden aus dem ursprünglichen Plan herausgelöst und auf mehr als 100 individuell angelegten Bewegungswegen zum Leben erweckt. Menschen spazieren durch die Straßen, Vögel ziehen über die Dächer und selbst die Augsburger Flüsse und Bäche zeigen ihre Fließrichtung. So verwandelt sich die mehr als 500 Jahre alte Stadtansicht in eine lebendige Welt, in der es immer wieder Neues zu entdecken gibt.

Ein virtueller Gulden wird zur süßen Belohnung
Dass Geschichte keineswegs langweilig sein muss, beweist ein besonderes Angebot für Kinder. Konrad Schwarz, Sohn des Fugger-Buchhalters Matthäus Schwarz, hat sich im historischen Augsburg versteckt und wartet darauf, gefunden zu werden. Das digitale Suchspiel macht aus dem Stadtplan ein riesiges Wimmelbild, in dem die jungen Besucher verschiedene Aufgaben lösen müssen.

Dabei erhalten sie Hinweise, erkunden historische Stadtviertel und entdecken ganz nebenbei bedeutende Orte wie die Fuggerei. Wer die Suche erfolgreich abschließt und einen virtuellen Gulden verdient, darf sich an der Museumskasse eine Schokoladenmünze abholen.

Dass diese spielerische Form der Geschichtsvermittlung funktioniert, zeigte sich bereits während der Testphase. Schülergruppen beschäftigten sich begeistert mit der neuen Station. Einzelne Kinder kamen anschließend sogar zur Kasse, um ihre verdiente Belohnung abzuholen. Gerade junge Menschen, die sich möglicherweise weniger für klassische Informationstafeln interessieren, finden auf diese Weise einen unmittelbaren Zugang zur Geschichte ihrer Stadt.

Eine Bereicherung für das Museum und die ganze Stadt
Bei der Präsentation wurde deutlich, wie viel Engagement hinter dem Projekt steckt. Museumsleiterin Wiebke Schreier und die weiteren Verantwortlichen würdigten insbesondere die intensive Zusammenarbeit zwischen Titus Holzhauser und Katharina Dehner. Die Anwendung soll nicht nur Museumsbesucher begeistern, sondern künftig auch bei Führungen eingesetzt werden. Zusätzliche Funktionen ermöglichen es beispielsweise, historische Stadtbezirke und ihre unterschiedlichen Zuständigkeiten anschaulich darzustellen.

Ermöglicht wurde die Realisierung durch die finanzielle Unterstützung der Familie Gabrisch über die Kulturstiftung Augsburg. Dafür bedankten sich die Verantwortlichen während der Pressekonferenz ausdrücklich. Gerade angesichts begrenzter finanzieller Mittel zeigt das Projekt, welche Möglichkeiten durch persönliches Engagement, kreative Ideen und gezielte Förderung entstehen können.

Mit dem interaktiven Seld-Plan gewinnt das Fugger und Welser Erlebnismuseum eine weitere Attraktion, die historische Wissensvermittlung und moderne Technik miteinander verbindet. Die Besucher können dabei selbst entscheiden, ob sie sich führen lassen, einzelne Gebäude erkunden oder spielerisch auf Spurensuche gehen möchten.

Und vielleicht liegt genau darin der besondere Reiz dieser neuen Zeitreise: Selbst wer Augsburg seit vielen Jahren kennt, kann seine Stadt noch einmal mit völlig anderen Augen entdecken. Denn zwischen den Straßen, Kirchen und Häusern des Jahres 1521 warten unzählige Geschichten darauf, wieder lebendig zu werden.