Barrierefreie Angebote für die Nutzung der digitalen Welt für Menschen mit Behinderung

Pilotprojekt „Pixelbrücke" bei der Lebenshilfe Kempten

Kempten (mori). Haben Sie schon einmal versucht, jemandem die Funktionen auf einem Smartphone zu erklären, wenn dieser vorher noch nie damit in Berührung gekommen ist? Es gibt Barrieren ohne Ende! Das beginnt beim Einrichten des Mobiltelefons und kann schon bei der Funktion der Wetter-App zur Verzweiflung führen. Das betrifft auch Menschen mit Behinderung. Die „Pixelbrücke“ soll da helfen.

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Das Team der Pixelbrücke (v. l.) : Eva Scheidter (Bereichsleiterin Offene Hilfen der Lebenshilfe Kempten) Simon Schweikart (Peer-Berater) und Thomas Linner (IT-Experte un...Bild: Lebenshilfe Kempten
Sie ist ein Projekt der Lebenshilfe Kempten, gefördert von der Aktion Mensch, und: eine Brücke in die digitale Welt. Thomas Linner, IT-Experte mit einem Master in Informationssystemen, ist externer Referent und Ansprechpartner für die fachlichen Themen der Pixelbrücke. Er hat festgestellt: „Der Umgang mit den digitalen Medien zeigt, wo wir in der Gesellschaft stehen. Wir sehen beispielsweise Treppen für Rollstuhlfahrer als offensichtliche Barrieren an. Aber das Internet, das weitestgehend nicht barrierefrei ist, nicht!“

Die Pixelbrücke hat eine Laufzeit von fünf Jahren und ist bundesweit eines der ersten Projekte dieser Art. Bei der Lebenshilfe Kempten ist die Pixelbrücke an die Offenen Hilfen „angedockt“. Eva Scheidter ist die Bereichsleiterin der Offenen Hilfen und gemeinsam mit Thomas Linner federführend an dem Projekt beteiligt. „Wir möchten mit barrierefreien Angeboten die Nutzung der digitalen Welt für Menschen mit Behinderung vereinfachen und ermöglichen“, erzählt sie. Zum Team gehört außerdem der Peer-Berater Simon Schweikart (ein Peer-Berater ist eine Person, die andere aufgrund eigener, ähnlicher Lebenserfahrungen berät, zum Beispiel bei Behinderungen).

Der Besuch einer Sprechstunde im Ambulant Betreuten Wohnen (ABW) der Lebenshilfe Kempten macht deutlich, wie herausfordernd die digitalen Medien sein können: Ein Klient hat gern eine Übersicht über Wetterwarnungen seiner Region – er möchte sich das Ganze aber vorlesen lassen, da er sich mit dem Lesen selbst schwertut. Er und Simon Schweikart versuchen, ihm eine entsprechende App auf das Smartphone zu laden. „Wetter-Apps gibt es genügend – aber keine die vorliest!“ erklärt Schweikart das Problem der beiden. Auch die allgemeine Vorlesefunktion bietet für dieses Mal keine sinnvolle Lösung. Schweikart nimmt das Thema mit in die Vorbereitung für die nächste Sprechstunde und recherchiert noch einmal intensiv. Das Beispiel zeigt, wie individuell digitale Unterstützung sein muss: Nicht jede App passt zu jedem Bedarf. Die Pixelbrücke nimmt sich deshalb Zeit, gemeinsam nach geeigneten und sicheren Lösungen zu suchen.

Währenddessen kümmert sich Thomas Linner um einen Teilnehmer, welcher die Sprechstunde bereits mehrfach besucht hat. Dieser nutzt, immer wieder begleitet durch die Pixelbrücke, ChatGPT zum Englischlernen und möchte weitere Funktionen wissen. Zudem möchte er mehr über das Football-Team Allgäuer Comets erfahren. Die Aufgabe wird ins Handy gesprochen und schnell tauchen Tabellen, Spielerinfos und vieles mehr auf – umfangreicher als auf der Webseite der Comets. Die KI erstellt eine ausführliche Übersicht, die anschließend gemeinsam eingeordnet und geprüft wird.

Ein weiterer Klient kommuniziert mit ChatGPT beim Kochen, bei der Suche nach Wegen etc. Er verwendet sehr persönliche Bezeichnungen für das Programm und die Antworten. Thomas Linner erklärt ihm deshalb immer wieder, dass hinter einer KI kein Mensch steht.
Das ist ein weiteres wichtiges Anliegen der Pixelbrücke. Sie möchte Zugang zur digitalen Welt bieten, aber das Team möchte auch den Weg aus der digitalen Welt zurück sicher begleiten und warnt vor den Gefahren, beispielsweise beim Thema Fake News oder beim Datenschutz. „Das ist uns sehr wichtig“, erklärt Linner. „Wir laden niemandem einfach eine App herunter und lassen ihn dann alleine. Unser Ansatz ist ganzheitlich. Wir schauen uns zusammen an, wie es funktioniert, welche Daten und Informationen man geben muss und welche nicht sowie welche Gefahren es geben könnte.“

Insgesamt fasst Thomas Linner zusammen: Sobald man etwas Anderes möchte als die meisten, stößt man sehr schnell bei den Smartphones an Grenzen! „Wenn schon viele Menschen ohne Unterstützungsbedarf daran scheitern, zeigt das, wie hoch die Hürden für Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen sein können. Das ist ganz und gar nicht barrierefrei!“

Die Pixelbrücke richtet sich an alle Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung in der Region, unabhängig davon, ob sie zum Beispiel bei der Lebenshilfe Kempten wohnen oder nicht. Wer Interesse hat, findet weitere Informationen auf der Website www.pixelbruecke.de oder kann eine Mail an pixelbruecke@lebenshilfe-kempten.de schreiben.

Das Projekt wird von der Aktion Mensch gefördert und unter anderem auch mit Spenden unterstützt (Spendenkonto: IBAN DE69 733 500 00 000 000 7575 (Sparkasse Allgäu), Stichwort: Pixelbrücke).

Text:mori-print