Den Stars und Sternchen so nah mit Jana: Daniel Christensen im Interview – Zwischen Rehragout und Schweinskopf al dente kocht und kreiert der beliebte Schauspieler seine ganz eigenen „Süppchen“

Weit mehr als nur der "Heizungspfuscher" Flötzinger

Daniel Christensen ist dem Publikum längst vertraut – und dennoch kaum festzulegen. Mit beeindruckender Wandlungsfähigkeit und schauspielerischer Präzision bewegt er sich mühelos zwischen anspruchsvoller Komik und existenzieller Tiefe. Genau darin liegt die besondere Kraft eines Künstlers, der sein Handwerk meisterhaft beherrscht und sich trotzdem immer wieder neu erfindet. Schon in seiner Kindheit prägte seine Familie jene Kreativität, Tatkraft und Beharrlichkeit, die sich heute in Daniels vielen künstlerischen Facetten widerspiegeln. Im Gespräch mit unserer Redaktionsleitung Jana Dahnke öffnet der sympathische Schauspieler den Blick auf ein Leben, in dem Kunst weit mehr ist als ein Beruf…

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"All unsere Erfahrungen lassen sich direkt in Anwendung bringen – wenn wir offen dafür sind"Bild: Nils Schwarz
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"Ich habe so ein gewisses Faible für alles, was analog ist"Bild: Kim Hardy
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Unsere Redaktionsleitung Jana Dahnke trifft "Stars und Sternchen" im exklusiven InterviewBild: Jana
Jana: Du zeigst in Deinen Rollen eine unglaubliche Wandelbarkeit. Gibt es dennoch ein Genre, das Dir besonders liegt?
Daniel Christensen: Am wohlsten fühle ich mich immer, wenn ich herausgefordert werde und die Rolle eine gewisse Tiefe hat – das ist für mich genreunabhängig. Je oberflächlicher ein Projekt ist, desto weniger reizt es mich. Ich bin ein Schauspieler, der sich nicht so leicht auf eine Sache festnageln lässt.
 
Du hast Dich anfangs ganz dem Theater verschrieben und wolltest eigentlich gar nicht zum Fernsehen. Was hat Deinen Blick auf die Arbeit vor der Kamera verändert?
Ich wurde an einer hochgradig künstlerischen Schauspielakademie ausgebildet, an der es darum ging, das künstlerische und das sakrale Theater zu erfahren. Mit 16 habe ich angefangen, 1998 stand ich bereits auf der Bühne. 2002 gab ich in der international beachteten Produktion „The Tulse Luper Suitcases“ unter der Regie der britischen Arthouse-Ikone Peter Greenaway mein Kinodebüt. Solange ich fest am Theater engagiert war, lehnte ich Fernsehen ab. Als ich 2005 freiberuflich wurde, hatte ich gerade meine größten Theatererfolge gefeiert und war als Nachwuchsschauspieler des Jahres nominiert. Fernsehen sah ich zunächst nur als Einnahmequelle, ohne mich dafür zu interessieren. Das änderte sich 2011 mit Hans Steinbichlers Angebot für die Hauptrolle in „Polizeiruf 110: Schuld“. Durch ihn lernte ich künstlerisch anspruchsvolles Fernsehen kennen und sagte dafür ein komplettes Theaterengagement ab.
 
Ich sehe erstaunlich viele Parallelen zwischen Dir und Milan Peschel: Ihr seid beide über das Handwerk zum Theater gekommen, lebt in Berlin und habt mit Malerei beziehungsweise Fotografie weitere künstlerische Ausdrucksformen gefunden. Nun übernimmt er im neuen Eberhofer-Krimi eine Gastrolle. Seid Ihr Euch schon früher begegnet?
Das ist lustig, dass Du das erwähnst. Leider habe ich Milan bei den Dreharbeiten verpasst. Persönlich kennen wir uns nur aus einigen kurzen Begegnungen im Theaterumfeld und haben tatsächlich mit ähnlichen Regisseuren gearbeitet. Als ich in meinen frühen Zwanzigern war, gehörte er sogar zu meinen großen Vorbildern und ich orientierte mich eine Zeit lang stark an ihm. Milan ist ein sehr natürlicher Mensch, der auf Stargehabe überhaupt nichts gibt.
 
Welche Rollen haben Dich bislang besonders herausgefordert?
Auf psychologischer Ebene sind es Figuren wie der Frauenmörder, den ich in einem Passau-Krimi gespielt habe. Physisch und auf der existenziellen Ebene ging dagegen der Film „Blei“ extrem an die Substanz: Wir haben im tiefsten Winter in historischen Kostümen auf 2.000 Metern Höhe im Südtiroler Tiefschnee gedreht. An manchen Stellen muss man gar nicht mehr viel spielen, weil man tatsächlich einfach nur mit der Natur kämpft. Für „Blei“ habe ich die Goldene Palme als „Best Actor“ beim renommierten Queen Palm International Film Festival in Palm Springs (USA) erhalten. Eine andere große Herausforderung ist Ignaz Flötzinger. Eine komische Rolle zu verkörpern, setzt Ruhe, handwerkliche Fähigkeiten auf unterschiedlichen Ebenen und die innere Technik voraus, alles im absolut richtigen Maße ernst zu nehmen. Wenn man sich Rowan Atkinson oder Charlie Chaplin ansieht: Ihre Figuren funktionieren in ihrer Welt nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten, die man nicht brechen darf. Diese Taktik wende ich auch für die Figur des Ignaz Flötzinger an, damit er glaubwürdig bleibt. Die Rolle ist sogar noch einen Tick theatraler, grotesker und comicartiger als die anderen Eberhofer-Figuren, weshalb diese mehr Rhythmusgefühl, Gespür für Komödie und Tiefgang abverlangt.
 
Du beschreibst Komödie als handwerklich höchst anspruchsvoll. Wird diese Leistung in der deutschen Filmbranche ausreichend gewürdigt?
Nein, das wird in Deutschland so nicht gesehen. Es gibt in der Branche durchaus Leute, die die Eberhofer-Krimis für Klamauk halten und gar nicht erkennen, wie schwer es ist, so etwas zu spielen. Hier herrscht noch immer die Vorstellung: Wenn Menschen in einem Film weinen, ist es ernst gemeint – wenn sie lachen, ist es oberflächlich. Während man Komödien in anderen Ländern bereits anders wahrnimmt, ist Deutschland dagegen ein Klischee-Krimiland. Vielleicht hätte ich für den Ignaz Flötzinger in Amerika längst Preise bekommen. Du merkst, da spricht ein bisschen Frust aus mir. Wenn Du Dir ansiehst, wer hier Preise gewinnt, sind das häufig Leute, die eine ernste Miene aufsetzen können. Da denke ich mir: Ja, okay, mein Gott – das kann ich auch. (Lacht)
 
Was ist für Dich letztendlich der Schlüssel zu glaubwürdigem Schauspiel?
Ich bin seit 26 Jahren Schauspieldozent und lege Wert darauf, dass wir nie Emotionen, sondern Handlungen spielen. Das lässt sich außerdem auf das wirkliche Leben übertragen: Wir Menschen folgen einer Agenda, haben ein Wirkungsbedürfnis und existieren durch die Art, wie wir handeln. Gleichzeitig versuchen wir eher, unsere Gefühle zu verbergen – wir lassen uns nicht in die Karten schauen. Sich vor die Kamera zu setzen und so zu tun, als hätte man diese oder jene dramatische Emotion, ist kein gutes Schauspiel.
 
Was bedeutet es in diesem Zusammenhang, vor der Kamera wirklich bei sich selbst zu bleiben?
Das ist das Schwierigste. Ich arbeite mit einem Schauspielcoach aus Los Angeles, und in neueren amerikanischen Techniken gilt: „Don’t act. Be yourself.“ Das hängt damit zusammen, dass Reality-TV und Social Media mit ihrem vermeintlich echten Leben zu einer großen Konkurrenz für fiktionale Formate geworden sind. Ganz bei sich selbst zu bleiben, verlangt größtmögliche Ehrlichkeit. Du musst beim Spielen verstehen: „I’m enough.“ Oder nach dem Motto: „Be yourself – everyone else is taken.“ Schauspiel bedeutet, die eigene Komfortzone zu verlassen. Denn Menschen – auch Schauspieler, egal wie extrovertiert sie wirken – wollen sich intuitiv eher verstecken, häufig hinter einer Maske.
 
Woran machst Du fest, ob Du eine Rolle annimmst oder ablehnst?
Es kommt derzeit schon vor, dass ich Angebote ungelesen zurückschicke – beispielsweise Projekte, die nicht für die Primetime bestimmt sind. Solche Rollen, die dem Flötzinger ähneln, nehme ich meist ebenfalls nicht an, weil ich mich in der Branche bewusst breit aufstellen möchte. Pauschal lässt sich das allerdings nicht sagen – entscheidend ist stets das konkrete Thema. Ich bin sehr Arthouse-affin und möchte – unabhängig vom Genre – alles spielen, was einen doppelten Boden hat: unkonventionelle, tiefe, existenzielle und psychologisch oder in der Handlung verschachtelte Stoffe. Experimente sind für mich jederzeit willkommen. Ich bin Künstler.
 
Ein Leben ohne die Schauspielerei wäre für mich…
…ein Leben in einer anderen Kunstform.
 
Welche Rolle spielt die Fotografie in Deinem künstlerischen Schaffen?
Für mich ist Kunst ein Vehikel zur Selbsterkenntnis und zu innerem Wachstum, vergleichbar mit einer spirituellen Arbeit. Kunst ist mein Lebenselixier. Dahinter steht ein tiefes Bedürfnis nach Spiel, Autonomie und Kreativität – das haben alle Menschen, es drückt sich nur unterschiedlich aus. Durch meine Herkunft aus dem Tanz spielt der Körper in meiner Fotografie eine zentrale Rolle: Kleidung ist im Grunde unsere soziale Maske, darunter sind wir alle nackt. Deshalb kann die Kamera tiefer blicken, wenn ein Mensch unbekleidet vor ihr steht und sich damit hochgradig verletzlich zeigt. Gerade der weibliche Körper ist durch Social Media und die ständigen Vergleichsmöglichkeiten vielleicht mehr denn je ein politisches Objekt.
 
Was interessiert Dich an der Arbeit mit Laien vor der Kamera?
Der eingeübte Blick eines professionellen Models ist eine Maske. Da schließt sich für mich der Kreis zum Schauspiel: Selbst hier geht es darum, ganz bei sich selbst zu sein. Wenn sich Menschen vor mich stellen und ausziehen, sind sie unmittelbar mit ihrer Scham, ihren Themen und ihrer Lust konfrontiert. Sie können keinen professionellen Blick aufsetzen, weil sie es nicht gelernt haben. Genau diese Unmittelbarkeit suche ich.
 
Wo können Interessierte Deine fotografischen Arbeiten demnächst im Original sehen?
Im Rahmen der Berlin Art Week eröffne ich am 10. September in den ehemaligen Räumen der Seven Star Gallery in Berlin-Mitte meine große Einzelausstellung. Gezeigt werden mehr als 40 Exponate, darunter Original-Polaroids, vergrößerte Polaroid-Scans und Collagen. Bis einschließlich 13. September ist der vollständige Querschnitt zu sehen, einige Arbeiten bleiben anschließend weiterhin in den Räumen.
 
Gibt es für Dich neben der Kunst einen weiteren Weg zur Selbsterkenntnis?
Ja. Seit ich 20 bin, beschäftige ich mich mit psychoenergetischer Bewusstseinsarbeit, Schamanismus und geistiger Arbeit. Das steht für mich über allem. Meine höchsten Werte sind Selbstverantwortung, Wachstum und Autonomie. Ich bin ein Mensch mit einer sehr bodenständigen Spiritualität. Bewusstseinsarbeit gehört jeden Tag zu meiner Selbstpflege – durch Mindset-Training, Meditation und Ernährung.
 
Wofür gibst Du gerne Geld aus? Ich habe gelesen, dass Du Dir von einer Schauspielgage eine Jukebox gekauft hast…
Ich habe so ein gewisses Faible für alles, was analog ist. So besitze ich eine ansehnliche Vinylplattensammlung – sogar meine ersten Hip-Hop-Platten, die ich mir mit circa zwölf Jahren gekauft habe, sind noch dabei. Die analoge, haptische Kultur hat für mich etwas sehr Wohltuendes und Entschleunigendes. Digitale Medien sprechen über den Bildschirm vor allem den visuellen Sinn an. Analoge Dinge kannst Du dagegen mit allen Sinnen erfassen. Deshalb ist analoge Kultur für mich im Prinzip auch eine Kultur der Achtsamkeit. Auf eine Jukebox von 1952 muss man schon gut aufpassen. (Lacht)
 
Was ist von dem Jungen, der damals mit seinem Bruder vor Einkaufszentren Breakdance tanzte, bis heute geblieben?
Dass ich ein Sonnenschein bin. Mir wurde das damals oft gesagt, und in diesem Bewusstsein bin ich aufgewachsen. Das verdanke ich vor allem meiner Familie mütterlicherseits, die aus der Tschechoslowakei geflohen ist. Von meinem Vater habe ich eher die poetische Seite: die Welt in ihrer Langsamkeit und durch ihre Poesie zu betrachten. Die Machermentalität und den Glauben daran, dass Du alles sein kannst, habe ich dagegen von den Frauen meiner tschechischen Linie. Sie wurden von verschiedenen Diktaturen unterdrückt und mussten immer wieder fliehen. Wenn sie alles verloren hatten, stellten sie sich erneut auf die Hinterbeine, scheuten keine noch so einfache Arbeit und bauten sich in verschiedenen europäischen Ländern ein neues Leben auf. Uns Kindern haben sie dadurch vorgelebt: Du kannst immer glücklich sein, wenn Du Dich dafür entscheidest.
 
Gibt es einen Glücksbringer, der Dich seit Deiner Kindheit begleitet?
Das ist tatsächlich kein Gegenstand, sondern eine Landschaft. Ich bin in einem alten, wirklich verträumten Mühlhaus direkt an der Salzach in Südostbayern aufgewachsen. Es war ein sehr mystischer Ort, vollkommen von Wasser umgeben: Hinter dem Haus drehte sich das Mühlrad, ringsherum waren Quellen, Bäche und der Fluss. In der tschechischen Mythologie spielen Wasserwesen wie der Wassermann oder die Rusalka eine wichtige Rolle. Mit diesem Mystischen verbinde ich den Ort bis heute. Wenn ich in der Gegend bin, kehre ich dorthin zurück – in den Wald mit den kleinen Wasserfällen und dem vom Wasser durchzogenen Tuffstein. Durch die Fluchtgeschichte meiner Familie hatte ich lange das Gefühl, keine wirkliche Heimat zu besitzen und habe die Stadt Berlin deshalb als „Heimat der Heimatlosen“ gewählt.
 
Was verleiht der Stadt ihren besonderen Reiz?
Berlin weiß man am meisten zu schätzen, wenn man hier lebt und nach längerer Zeit zurückkommt. Ich arbeite viel im Ausland, aber etwas Weltoffeneres habe ich bisher nicht gesehen – zumindest nicht Stand 2026. Viele sagen, die Stadt sei groß, schmutzig und die Menschen seien „grumpy“. Vordergründig mag das stimmen. Wenn Du jedoch genauer hinsiehst, kannst Du in Berlin ganz in Ruhe gelassen werden und wirst kaum beurteilt. Die gesellschaftlichen Schubladen, in die man andernorts gesteckt wird, haben in Berlin viel weniger Bedeutung.
 
Auch Dein aktuelles Projekt ist eng mit Berlin verbunden. Was steckt hinter der Webserie „Konrad Zuse Saves the World“?
Hierbei bin ich Creator, Autor und Regisseur. Auf dem gleichnamigen Instagram-Kanal dokumentieren wir die Entwicklung des Projekts und haben bereits einige Clips veröffentlicht. Die Serie wird sehr schräg und international. Ich kreiere sie gemeinsam mit dem US-amerikanischen Philosophen Park Doing, der viele Jahre an der Cornell University in Upstate New York unterrichtet hat. Im Zentrum steht der deutsche Computererfinder Konrad Zuse, der hier in Berlin-Kreuzberg mit dem Z3 den ersten funktionierenden Computer der Welt baute.
 
Dein künstlerisches Schaffen ist von großer Vielfalt geprägt. Woraus schöpfst Du die Inspiration, Dich immer wieder neuen Bereichen zuzuwenden?
Vieles kommt einfach zu mir. Man muss mit offenen Augen durchs Leben gehen. Alles, was ich gelernt oder erfahren habe, nutze ich irgendwann. Ich habe lyrisches Schreiben studiert: Oft rufen mich Leute an und fragen, ob ich ihre Songtexte lektorieren oder ihre Gedichte lesen kann – und plötzlich bin ich Lektor. Weil ich leidenschaftlich gerne koche, habe ich vor nicht allzu langer Zeit erstmals in einem Restaurant in Mecklenburg-Vorpommern meine eigenen Kreationen angeboten. All unsere Erfahrungen lassen sich direkt in Anwendung bringen – wenn wir offen dafür sind.
 
Mit welcher Haltung blickst Du in die Zukunft – und worauf dürfen sich Deine Zuschauer als Nächstes freuen?
Ich bin generell auf alles geeicht, was mit Fülle zu tun hat. Sie kommt vor allem dadurch ins eigene Leben, dass man darauf schaut, was man selbst gibt: Je mehr wir geben, desto mehr entsteht. Ich glaube an Fülle und nicht an Mangel – für mich, für die Menschen um mich herum und am Ende für alle. Am 29. August feiere ich meinen Geburtstag. An diesem Tag läuft übrigens eine neue Folge von „Die Diplomatin“, in der ich eine interessante Figur spiele. Da kann man sehr gerne einschalten.