Homeschooling & Co. als Alternative?

Adieu Schulpflicht

Jubelschreie hören wir selten, wenn der Schulbus morgens vor den Kindern hält und sie fein gestapelt zur Schule fährt. Meist setzt auch der Unterricht keine Glückshormone frei. Statt jubilierend von Raum zu Raum zu tanzen, scheinen sich die Kinder stattdessen täglich von Fach zu Fach zu schleppen und der Schulglocke entgegenzufiebern. Ist es wirklich so grau in Deutschlands Klassenräumen? Von einem Leben ohne Schule bekommen viele Schülerinnen und Schüler euphorische Schnappatmung. Wir haben die Alternativen zu Grundschule, Gymnasium und Co. mal eingeladen, ein bisschen Farbe in den Schulalltag zu bringen. Was hinter den Konzepten Homeschooling und Freilernen steckt und welche Vor- und Nachteile sie haben, verraten wir Ihnen mit ein paar Farbtupfern. 

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Schulpflicht in Deutschland

steht immer stärker in der Kritik. Kinder ab einem bestimmten Alter sind laut Gesetz dazu verpflichtet, eine Schule zu besuchen. Da Bildung in Deutschland Ländersache ist, ist die Schulpflicht in den einzelnen Landesverfassungen geregelt. Deswegen unterscheiden sich die Einzelheiten der Schulpflicht – also Beginn und Dauer – auch von Land zu Land. In der Regel beginnt die Schulpflicht mit sechs Jahren und endet nach neun oder zehn Schulbesuchsjahren. Dieser Zeitraum beschreibt die Vollzeitschulpflicht. Danach tritt die Berufsschulpflicht ein, welche meist bis zum 18. Lebensjahr geht und beispielsweise durch den Besuch der Sekundarstufe I oder II ersetzt werden kann. Trotz des gesetzlichen Papierkrams steigt die Anzahl der schulpflichtigen Kinder, die im Bewusstsein der Eltern dem Unterricht fernbleiben. Prekär, denn in den meisten Fällen dürften sie dies nicht. Doch immer mehr Eltern kritisieren das Schul- und Bildungssystem in Deutschland und möchten ihre Kinder nicht dem zermürbenden Apparat des aufgezwungenen Lernens aussetzen.
Übrigens: Bei Nichteinhalten der Schulpflicht drohen den Erziehungsberechtigten – je nach Bundesland – Freiheitsstrafen bis zu sechs Monaten oder Geldstrafen bis zu 180 Tagessätzen. 

Immer wieder werden Stimmen laut, auch in Deutschland statt einer Schulpflicht eine Bildungspflicht einzuführen, wie es sie in vielen Ländern, darunter in der Schweiz, in Österreich oder Frankreich, bereits gibt. Bildungspflicht heißt konkret, dass die Vermittlung von Wissen für Kinder nicht an den Besuch einer Schule gebunden ist. Allerdings kann die Schulpflicht auch als eine große demokratische Errungenschaft angesehen werden, die ein Mindestbildungsniveau ermöglicht.
Seit ihrer Einführung im Jahr 1919 wird die Schulpflicht in Deutschland allerdings immer wieder heftig kritisiert. So sei die Schulanwesenheitspflicht zu unnachgiebig und beschränkend und stelle einen Eingriff in die Rechte und Freiheiten von Eltern und Kindern dar. Kritiker sehen die Schulpflicht klar als Verstoß gegen die allgemeine Erklärung der Menschenrechte, in der festgeschrieben ist, dass Eltern das vorrangige Recht haben, die Art der Bildung und Erziehung, die ihre Kinder erhalten sollen, selbst zu wählen. Die Einführung der Bildungspflicht würde dem entgegenstehen und es sollte demnach auch in Deutschland möglich gemacht werden, Konzepten wie Homeschooling oder Unschooling umzusetzen.

Homeschooling – Hausunterricht durch die Eltern

Ein klassischer Hausunterricht, bei dem die Kinder von den Eltern – oder anderen Personen – und nicht in der Schule unterrichtet werden. Dieser kann unterschiedlich aussehen. 

Vorteil:
Das Homeschooling kann sehr strukturiert und an dem traditionellen Schulunterricht orientiert sein, aber auch sehr offen ausgelegt werden und in Richtung Unschooling und Freilernen gehen.

Nachteil: 

Da in Deutschland eine Schulpflicht besteht, kann nur in Sonderfällen Hausunterricht erteilt werden. Homeschooling wird nur für Schüler genehmigt, deren Eltern im Ausland arbeiten, oder für Kinder, die wegen Krankheiten und Behinderungen nicht transportfähig sind. Bei diesem „Krankenunterricht“ wird allerdings auch der staatliche Lehrplan verfolgt und von examinierten Lehrkräften vermittelt. 

Im Rest von Europa herrscht zwar in den meisten europäischen Ländern Bildungspflicht anstatt Schulpflicht, doch trotzdem ist Homeschooling auch dort nicht wirklich verbreitet. So bekommen in Frankreich laut Focus ungefähr 20.000 Kinder und in Großbritannien laut Angaben der BBC ungefähr 160.000 Kinder Hausunterricht. In den skandinavischen Ländern liegt die Zahl nur bei einigen Hundert.
In den USA hat Homeschooling seit den 80er Jahren eine wahre Wiederbelebung erfahren. 2009 wurden dort etwa 1,5 Millionen Kinder zu Hause unterrichtet. 
Die Gründe, warum sich Eltern für Homeschooling entscheiden, sind vielfältig. Zu den meistgenannten Motiven zählen, dass Eltern das Schulsystem als zu einschränkend empfinden und ihr Kind nicht gegen seinen Willen in die Schule zwingen wollen. Auch ein Schutz gegen Mobbing und Gewalt und gegen übersteigerte Leistungsgedanken sind das Leitbild für viele Familien, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten.

Der Nachteil:
Schulen haben einen Sozialisierungseffekt und gelten als wichtiges Instrument, Kinder mit Gleichaltrigen bekannt zu machen. Auch ist die Schule so etwas wie ein sozialer Erfahrungsraum, der die Möglichkeit bietet, mit Gleichaltrigen aus verschiedenen sozialen Hintergründen und Kulturen zusammenzukommen.

Unschooling und Freilernen – Bildung ohne Druck

„Lernen in der Schule ist wie Pappe essen“ oder „Schulbildung ist Bulimielernen“ – das ist harter Tobak. Das Lernen von Theorie, das in der Schule das Fundament jeglichen Unterrichts darstellt, empfinden Freilerner meist als Zeitverschwendung. Nachhaltiges Lernen kann demnach nur erfolgen, wenn Kinder von sich aus lernen. Und zwar Themen, die sie interessieren und Relevanz in ihrem Leben haben. Eltern, die dem Konzept „Unschooling“ folgen und ihr Kind beispielsweise nach dem Freilerner-Prinzip erziehen, möchten ihrem Nachwuchs nicht vorschreiben, was oder wie er lernen soll, stattdessen soll sich das Kind selbst so weiterbilden, wie es möchte. „Freilernen“ bedeutet also, die Möglichkeit zu haben, sich frei zu bilden. Keinerlei Vorgaben zu erhalten, was man wann, wo und wie man zu lernen hat. Sondern allein der Mensch entscheidet über diese Dinge. Genauso wie Kinder entscheiden, wann sie laufen lernen, wie schnell sie sprechen – in ihrem eigenen Tempo und nach ihren Begabungen und Interessen.

Freilerner verfolgen also das Konzept des „Unschooling“, eine Form des informellen Lernens, die von dem US-Autoren und Pädagogen John Caldwell Holt geprägt wurde. Sie möchten bei ihrer Art des Lernens nicht die traditionelle Schule mit ihren steifen Lehrplänen nachmachen. Im Mittelpunkt der Freilerner steht also vor allem die Ablehnung des Fremdbestimmtseins durch Lehrer und Stundenplan sowie der Fokus auf die eigenen Interessen der Kinder und der Vermittlung von praktischem Wissen statt reinem Theoriepauken, wie es in der Schule oft der Fall ist. 
Einen typischen Alltag oder Ablauf gibt es beim Freilernen – im Gegensatz zum traditionellen Homeschooling – nicht. Es wird nicht zwischen Leben und Lernen getrennt. Oder Spielen und Lernen. Das ganze Leben ist Lernen. So ähnlich wie der Laissez-faire Erziehungsstil – nur eben für die Bildungsebene.
Ganz wie von selbst betrachten viele Menschen das Konzept „Freilernen“ mit einer großen Portion Skepsis. Kein offizieller Unterricht? Kinder können das machen, was sie möchten? Vor unserem geistigen Auge sehen wir unsere Kinder schon vor Fernseher und PC ohne jegliche Lust, sich selbstständig weiterzubilden. Auch der Punkt Sozialisierung macht den meisten Eltern Angst. So ist die Schule doch wichtig, um Kontakt zu Gleichaltrigen zu finden und die Regeln unserer Gesellschaft zu lernen.

Kann Homeschooling erfolgreich sein?

Aussagekräftige Studien, die diese Befürchtungen be- oder entkräften, gibt es kaum. Zudem sind die meisten Studien, die sich mit Homeschooling befassen, bereits älter. Meist wurde in diesen Arbeiten auch nur das traditionelle Homeschooling untersucht, da sich Unschoolingkonzepte wie Freilernen erst in den letzten Jahren weiterverbreitet haben. 
Zudem sind die Langzeitauswirkungen des Homeschooling kaum erforscht. Meist brauchen Kinder, die lange zuhause unterrichtet wurden und nicht an das Schulsystem gewöhnt sind, etwas Zeit, um sich im Schul-, Ausbildungs- oder Universitätskonzept zurechtzufinden, da die Umstellung sehr groß ist.

Der Großteil der existierenden Studien zeigt, dass Kinder, die Hausunterricht erfahren, in Tests gleich gut oder besser abschneiden als gleichaltrige Kinder, die eine Schule besuchen. Die Autoren der Studie „Home Schooling: From the Extreme to the Mainstream“ (2007) fanden sogar heraus, dass Homeschooling sozialwirtschaftliche Faktoren besser ausgleichen kann als die Ausbildung an staatlichen Schulen. So erzielten Homeschooling-Kinder von Müttern ohne High-Schhool-Abschluss um 55 Prozent bessere Ergebnisse als Schüler von staatlichen Schulen mit vergleichbarem Hintergrund.
Wenn die Kinder nur zuhause bleiben, sind sie denn überhaupt ausreichend sozialisiert? Der Großteil der Untersuchungen ist dazu wenig kritisch. Laut einem Dozenten an der Theologischen Hochschule Friedensau wurde die Sozialkompetenz von Mitschülern, die als Homeschooler später auf eine Schule wechselten, durchweg positiv beurteilt. Wohin die Bildungsreise gehen wird, wissen wir nicht. Aber Hauptsache, wir haben dabei ein gutes Bauchgefühl. |Text: Stefanie Steinbach