Allgäuer Hochschuldozent Ingmar Niemann über die wirtschaftliche Lage Deutschlands 2026
«Eine lange, stille Erosion»
- fehlgeleitete staatliche Subventionspolitik
- unzuverlässige Energieversorgung
- auswandernde Fachkräfte
- Bildungsniveau nur Mittelmaß
- Kleinmütige Politiker
TRENDYone: Sehr geehrter Herr Niemann, die Wirtschaftsverbände in Deutschland schlagen Alarm. Sie behaupten, Deutschlands Wirtschaft würde sich im freien Fall befinden. Stimmen Sie dieser These zu?
Niemann: Das Bild vom freien Fall ist nicht meins, aber richtig ist, dass wir seit nunmehr 20 Jahren keine zielführenden Reformen mehr hatten, um die Wirtschaftsstrukturen in Deutschland auf einen global wettbewerbsfähigen Standard zu bringen. Es ist eine lange stille Erosion, die nun auch die zentralen Produktionsbereiche unserer Wirtschaft erreicht, von der Automobilbranche über Chemie bis hin zum Maschinenbau, die Kernbereiche der deutschen Wirtschaft wandern ab oder sind nur noch in Nischen oder Teilsegmenten wettbewerbsfähig. Nur die Wenigsten wissen, dass die chinesische Regierung in ihrem jetzt beginnenden Fünf-Jahresplan (2026-2030) den Fokus ihrer globalen Ambitionen auch auf den Maschinenbau gelegt hat. Was das für die deutsche Maschinenbauindustrie bedeutet, kann man sich mit Blick auf die ehemals deutsche Sonnenkollektoren-Branche gut ausmalen.
TRENDYone: Wie kann man sich Ihr Bild von einer „langen stillen Erosion“ konkret vorstellen?
Niemann: Zunächst ist hier die fehlgeleitete Subventionspolitik des Staates zu nennen, die jahrzehntelang nachhaltig alte Wirtschaftsstrukturen stabilisierte, anstatt auf moderne zukunftsorientierte Technologien zu setzen. Die inzwischen stark ansteigende Insolvenzwelle (allein + 8,3 % in 2025) ist eine späte Konsequenz dieser verfehlten Politik.
Ergänzt wird diese Entwicklung durch eine völlig unzuverlässige Energiepolitik, die Deutschland seit 2023 zu einem Netto-Stromimporteur gemacht hat, und das in einer Umbruchsphase, in der der Verbrauch von fossilen Brennstoffen zugunsten von erneuerbaren Energien zurückgefahren werden soll. Energieintensive Industrie muss daher das Land verlassen, da hilft auch kein subventionierter Industriestrompreis von 5 Cents/kWh für drei Jahre, da kein Unternehmer oder Manager nur für so einen kurzen Zeitraum plant!
Hinzu kommt – durch Schulreformen und der Einführung von Bachelor und Masterstudiengängen - ein stark fallendes Bildungsniveau, das die Leistungsfähigkeit des Landes bereits heute dramatisch reduziert. Deutschland ist im globalen Bildungswettbewerb bestenfalls noch Mittelmaß, in Teilbereichen sogar noch schlechter. Ergänzt wird dieser Verlust an Know-how durch die immer stärker werdende Auswanderungswelle von Leistungsträgern der Gesellschaft, die offensichtlich kein Problem haben, weltweit einen Job zu finden. Zwischen 140.000 und 160.000 Deutsche verlassen jährlich das Land. Etwa 10 % davon kommen wieder zurück. Aber ein Verlust von 120.000 hoch qualifizierter Arbeitskräfte jährlich kann keine Volkswirtschaft auf Dauer ausgleichen.
TRENDYone: Aber können wir diesen Verlust nicht mit einer gezielten Einwanderungspolitik auffangen?
Niemann: Das wäre wünschenswert, ist aber unrealistisch: Die Europäische Union, insbesondere Deutschland, ist für hochqualifizierte Fachleute weitgehend uninteressant. 2023 sind gerade mal 41.000 EU-Blaue Karten in Deutschland ausgestellt worden und das bei einer inzwischen reduzierten Einkommensschwelle von gerade mal € 58.400,00. Viele Länder laufen uns im globalen Wettbewerb um die Hochqualifizierten den Rang ab: Die Schweiz, Kanada, Australien, Neuseeland, Singapur, die skandinavischen Länder und natürlich auch die USA sind weit attraktiver als Zentraleuropa!
Die Gründe dafür sind vielfältig: Neben den hohen Steuern und Sozialabgaben spielt die Wohnungssituation, fehlende attraktive Anreize (z.B. Steuervorteile) sowie fehlende wirtschaftliche Perspektiven eine Rolle. In diesem Zusammenhang sind auch die allgemeinen Lebensverhältnisse (Kindertagesstätten, Schulniveau und das Sicherheitsgefühl) von Relevanz! Und die Sprache ist ebenfalls ein Thema: Englisch ist in den meisten konkurrierenden Staaten gängiger als in Deutschland.
TRENDYone: Also brauchen wir mehr Reformen?
Niemann: Keine Frage, ich denke, die Bevölkerung hat bereits weitgehend realisiert, dass es so nicht weitergehen kann. Nur die verantwortlichen Politiker glaubten in 2025 noch, mit einem „Herbst der Reförmchen“ die Probleme lösen zu können. Wir brauchen Jahre zur Umgestaltung der Wirtschaftsstrukturen und der Sozialversicherung. Je länger wir damit warten, um so größer werden die zu lösenden Probleme sein.
TRENDYone: Und wie könnten diese konkret aussehen?
Niemann: Mehr (unternehmerische) Eigenverantwortung und weniger Staat: Die Staatsquote liegt bei knapp 50%! Unsere Volkswirtschaft entwickelt sich zunehmend in eine staatlich dirigierte und staatlich dominierte Wirtschaft. Früher nannte man das Sozialismus, ein System, dass sowohl politisch wie auch wirtschaftlich gescheitert ist!
Das bedeutet nicht, dass Sozialsysteme abgeschafft werden sollten, aber grundsätzlich gilt, wir müssen uns Sozialleistungen leisten können. Dies ist derzeit aber nur mit massiver Kreditaufnahme zulasten zukünftiger Generationen möglich. Dass junge Abgeordnete daher gegen den 2025 vereinbarten Rentenkompromiss Position bezogen, ist verständlich, aber aufgrund des hohen Wähleranteils von Rentnern ziemlich aussichtlos. Keine Partei, insbesondere die derzeitigen Koalitionsparteien, kann auf diese Wählerklientel verzichten!
TRENDYone: Herr Niemann, wir danken Ihnen für das Gespräch!











