10 Hürden im alleinerziehenden-Alltag, die überwunden werden können

Allein auf weiter Flur

Wir stehen jetzt erst einmal alle auf und fangen an, so kräftig wie wir nur können zu klatschen. Dieser mächtige und ehrliche Applaus ist für alle Alleinerziehenden da draußen. Jeden einzelnen Tag vollbringen sie wahre Wunder. Sie bewegen schier Unmögliches, um ihrem Kind, ihrem Beruf und ihrem Leben gerecht zu werden. Dabei müssen sie unzählige Hürden überwinden und abends noch genug Kraft aufbringen, um ihr Kind mit einer Gute-Nacht Geschichte liebevoll ins Bett zu bringen, obwohl sie kaum noch die Augen aufhalten können. Standing Ovations bitte.

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Der Alltag: Einerseits gibt er uns Sicherheit, andererseits kann er zu einem hartnäckigen Gegner werden. Alleinerziehende fühlen sich im Kampf gegen die Hürden des Alltags häufig wie David gegen Goliath. Das Schöne: David hat damals gewonnen. Hürden sind dafür da, um sie mit Anlauf zu nehmen. Was Sie tun können, wenn Sie selbst betroffen sind, lesen Sie hier.

Hürde 1: Finanzielle Sorgen im Gedankenkarussell

Von einer flotten Karussellfahrt kann einem ganz schön mulmig werden. Besonders, wenn die Fahrt in unserem Kopf stattfindet. Die Gedanken von Alleinerziehenden drehen sich permanent um die finanzielle Sicherheit. Besonders prekär: Es gibt in ihrem Leben keinen Partner, der eventuelle Engpässe auffangen kann. Die Verantwortung, die auf den Schultern der Mütter und Väter lastet, ist enorm. Hinzu kommt die oftmals schwierige Suche nach einer Kinderbetreuung, denn nicht jeder hat Familie und Freunde in unmittelbarer Nähe.
Und der Personalchef weiß – diese Mitarbeiter werden ab und an fehlen. Das wissen Sie selbst ebenso gut.
Anlauf und drüber:
Hier kommt das dicke, fette ABER: Sie sind ein Ass im Zeitmanagement, haben ein Organisationstalent wie kein Zweiter und sind belastbar wie ein ausgewachsener Elefant. Führen Sie in Ihrem Lebenslauf unter „besondere Qualitäten“ mit auf, dass Sie Mutter oder Vater sind, alleinerziehend. Das ist kein Scherz. Sie arbeiten im 24-7-Modell. Und das 365 Tage im Jahr. Jeder Arbeitgeber sollte sich glücklich schätzen, ein solches Organisationstalent einstellen zu dürfen. Sie sind geballte Qualität. Wenn Sie sich selbst so sehen, dann sieht Sie auch Ihr zukünftiger oder derzeitiger Arbeitgeber so.

Hürde 2: Das Derby Beruf vs. Familienzeit

Berufstätige Alleinerziehende sind im ständigen Konflikt mit sich selbst. So wunderbar es für die Mütter und Väter auch ist wieder zu arbeiten, so quälend sind die Gedanken, dem eigenen Nachwuchs nicht mehr genügend Zeit zu widmen. Am liebsten würden sie sich in Stücke reißen, um alles was nötig ist, mit ihrer Person abzudecken.
Anlauf und drüber:
Sie sorgen dafür, dass Ihr Kind nicht an der Schnellstraße alleine spielen muss, sondern kümmern sich um eine kompetente Betreuung. Sie gehen währenddessen für die täglichen Brötchen arbeiten, damit Ihr Kind ein wohliges zu Hause hat. Sie sind ein Wunderwerk auf zwei Beinen und dieses sollte Ihnen jeden Tag einmal gesagt werden!

Hürde 3: Vorurteile

Es gibt Alleinerziehende in allen sozialen Schichten. Aber in unseren Köpfen haben sich Vorurteile eingenistet, die bekämpft werden müssen. Viele Mütter und Väter fühlen sich in eine Nische gedrängt, aus der sie mit Leibeskräften wieder herauswollen. Seitenblicke, Geflüster und Kopfschütteln von anderen Menschen gehören für viele zum Alltag dazu.
Ein Experiment: Alleinerziehend, zwei Kinder und Sozialhilfeempfängerin. Wie sieht Ihre Personenbeschreibung dazu aus?
Anlauf und drüber:
Wir haben alle keinen Heiligenschein. Jeder, der uns sieht, bekommt für eine Millisekunde einen zusammenhanglosen Auszug unseres Lebens. Kein Mensch kann mit Recht daraus seine Schlüsse ziehen. Werden Sie Ihrem eigenen Leben gerecht! Nicht dem Leben der Anderen. Gehen Sie mit erhobenem Haupt durch die Welt, denn Sie haben am Tag schon weit mehr geschafft als manch einer in einer ganzen Woche. Darauf können Sie stolz sein.

Hürde 4: Der (Karten)Haushalt

Wäsche waschen, Essen kochen, Putzen, Staubsaugen. Die Liste ist endlos. Ohne Kind schon eine Herausforderung. Mit Kind (oder Kindern) kräftezehrend. Mit Kind und alleinerziehend ein gewaltiger Brocken. Ein leichter Windhauch reicht häufig schon aus, um das wacklige Kartenhaus Haushalt zum Einsturz zu bringen.
Anlauf und drüber:
Sie bekommen einen Anruf, dass Ihr Kind gestürzt ist. Was denken Sie als erstes? Denken Sie an die Bügelwäsche, die Sie eigentlich gerade machen wollten? Versuchen Sie sich auch im Alltag immer wieder auf die elementaren Dinge in Ihrem Leben zu konzentrieren. Gehen Sie mit Ihren Kindern raus, wenn es irgendwie möglich ist. Frische Luft pustet den Kopf durch und gibt neue Energie, die ebenfalls auf Ihr Kind übergeht. Und wenn es regnet? Dann bauen Sie mit Ihrem Kind eben ein Kartenhaus.

Hürde 5: Das Kind ist krank

Für viele Ein-Eltern-Haushalte ist dies der Punkt, an dem ein nervlicher Zusammenbruch vorprogrammiert ist. Die einzige Zeit, um bedingungslos ins Bett zu fallen, wird nun damit gefüllt, das Kind gesund zu pflegen.
Anlauf und drüber:
Sie sind ein Mensch, Sie haben Grenzen. Sie sind stark, wenn Sie diese Tatsache erkennen. Und Ihr Kind braucht ein starkes Vorbild. Holen Sie sich Hilfe. Sei es bei den Großeltern, Familienmitgliedern, Freunden oder anderen Müttern und Vätern. Jemanden um Hilfe bitten ist für viele Alleinerziehende die größte und schwierigste Hürde. Aber manchmal sind unsere Hürden im Leben so ausgelegt, dass wir sie ohne Hilfe nicht überwinden sollen.

Hürde 6: Einsamkeit

In der Welt der Alleinerziehenden ist ein Wort besonders prägnant: „Allein“. Es ist ein Wort, das sich in jede Ecke des Bewusstseins drängt und sich fest verankert. Das Gefühl, das dieses Wort auslöst, kann kaum jemand beschreiben, der es nicht schon einmal selbst erlebt hat. Es ist schockierend und erleichternd zugleich: Das Problem haben eine ganze Menge.
Anlauf und drüber:
Sie sind nicht allein! Dr. Alexandra Widmer ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Und sie hat eine wunderbare Initiative ins Leben gerufen, die allen Alleinerziehenden das Gefühl von Gemeinsamkeit gibt: Stark und Alleinerziehend. Auf www.starkundalleinerziehend.de finden Betroffene Hilfe, Tipps, Kontakte, neue Denkanstöße, Zuspruch, aber auch den ein oder anderen kleinen Klaps, damit sie aus ihrer Lethargie wieder herauskommen. Eine großartige Bewegung!
Unser Buchtipp: Stark und Alleinerziehend – Wie Du der Erschöpfung entkommst und mutig neue Wege gehst. (Platz 1 auf der Amazon Bestsellerliste in der Kategorie „Alleinerziehende Mütter und Väter“. Nach 3 Monaten bereits in der 2. Auflage.)

Hürde 7: Soziale Kontakte

Wann waren Sie das letzte Mal mit Freunden Essen? In einer Bar? Im Kino? Alleinerziehende fangen ab hier oftmals an, tief zu seufzen. Das eigene soziale Netzwerk bröckelt gewaltig. Es fehlt an Zeit, an Energie, an Motivation. Der Alltag hat jeden Zentimeter Zeit im Griff, der Abend ist für die Kleinen reserviert.
Anlauf und drüber:
Sie sind erschöpft, verständlich. Aber wenn Sie wieder am Sozialleben teilhaben wollen, dann müssen Sie handeln. Werfen Sie alle Ausreden über Bord und fangen Sie kräftig an zu rudern. Nur so kommen Sie vorwärts. Zu müde zum Paddeln? Schauen Sie auf der Internetseite von Dr. Alexandra Widmer vorbei. Danach werden Sie Rückenwind bekommen.

Hürde 8: Zeit für sich selbst

Bei dieser Überschrift fangen Alleinerziehende meist an hysterisch zu lachen, um dann zu weinen. Mütter und Väter sparen zuerst an der Zeit, die Ihnen selbst zusteht.
Anlauf und drüber:
Sie brauchen Zeit für sich. Das ist leicht gesagt, aber trotzdem nicht weniger wahr. Sie brauchen Oasen der Ruhe. Versuchen Sie jede Minute, in der Sie durchatmen können, bewusst für sich zu nutzen. Smartphone aus, einfach durchatmen. Fragen Sie Familie oder Freunde ob es möglich ist, für einen Nachmittag oder Abend auf Ihren Schatz aufzupassen, damit Sie etwas machen können, was Ihnen Spaß macht. Es muss absolut nichts Sinnvolles sein. Hauptsache, sie lächeln dabei.

Hürde 9: Erschöpfung, Müdigkeit und Dauerstress

Alleinerziehende leiden laut einer veröffentlichten Erhebung der DAK-Gesundheit in Berlin häufiger unter chronischem Stress als leitende Angestellte und Beamte. Das Modell 24-7 bleibt nicht ohne Folgen.
Anlauf und drüber:
Holen Sie sich Hilfe und nehmen Sie Kopfschmerzen oder Herzpochen ernst. Hören Sie auf Ihren Körper, denn Sie haben nur den einen. Und dieser ist extrem wichtig und nützt Ihrem Kind nichts, wenn er nicht mehr so funktioniert, wie er soll. Sorgen Sie dafür, dass es Ihnen gut geht. Das ist nicht egoistisch, das ist eine gesunde und starke Einstellung für Sie und Ihr Kind.

Hürde 10: Selbstwertgefühl

Sie entdecken neben sich im Supermarkt eine Cornflakes-Packung, die Ihnen mit einer vierköpfigen, blondhaarigen Model-Familie mit den weißesten Zähnen der Welt entgegenlächelt, während Sie selbst mit ungewaschenen Haaren, tiefen Furchen unter Ihren Augen und einem weinenden Kind durch die Gänge schlurfen. Alleinerziehende bekommen von unserer Gesellschaft und den Medien häufig das Gefühl, Außenseiter zu sein.
Anlauf und drüber:
Models werden Socken in die BH’S gesteckt, damit ihre Oberweite auf dem Bild größer aussieht. Bei Männern wird dasselbe an anderen Stellen gemacht. Nichts ist perfekt. Sie bewerkstelligen Unmögliches für Ihr Kind. Klopfen Sie sich selbst auf die Schulter und warten Sie nicht darauf, dass es wer anderes macht. Außer heute: Heute klopfen wir Ihnen auf die Schulter.
| Text: Stefanie Steinbach