Den Stars und Sternchen so nah mit Jana: „dicht und ergreifend“ im Interview – wie Lef Dutti und George Urkwell mit ihrem neuen Album „Zweiländerdreieck“ die Hip-Hop-Szene aufmischen

Dialekt trifft auf Hochdeutsch

Bei „dicht & ergreifend“ sitzt der Beat ebenso wie die Pointe. Die beiden Frontmänner Fabian Frischmann alias Lef Dutti und Michael Huber, bekannt als George Urkwell, verbinden Rap mit Bläsern und elektronischen Sounds, nehmen gesellschaftliche Widersprüche auseinander und versetzen dabei ihr Publikum in Ekstase. Was 2014 in Berlin mit dem Spaßsong „Zipfeschwinga“ begann, führte die unabhängige Band bis in die ausverkaufte Münchner Olympiahalle. Ihren Eigensinn haben sie sich bewahrt: Auf „Zweiländerdreieck“ bekommt die vertraute Mundart jetzt Gesellschaft vom Hochdeutschen. Unsere Redaktionsleitung Jana Dahnke sprach mit Lef Dutti über musikalische Experimente, kompromisslose Textarbeit und große Pläne...

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„Zipfeschwinga“ war der ungeplante Urknall, der die Band praktisch über Nacht aus dem Berliner Exil auf die großen Festivalbühnen katapultierteBild: Brenda Bravo
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Unsere Redaktionsleitung Jana Dahnke trifft "Stars und Sternchen" zum exklusiven InterviewBild: Jana
Jana: Ihr habt für Euer neues Album „Zweiländerdreieck“ rund die Hälfte der Songs auf Hochdeutsch aufgenommen. War das ein natürlicher Prozess oder eine bewusste strategische Entscheidung?
Lef Dutti: Das hatte mehrere Gründe. Wir sind mit dem Deutschrap aufgewachsen und haben diesen ursprünglich auch gerappt. Nach unseren Konzerten hörten wir außerdem immer wieder, dass die Leute begeistert waren, aber von den Texten leider gar nichts verstanden hatten. Sie wollten wissen, worum es in unseren Liedern geht. Deshalb haben wir uns entschieden, das neue Album sprachlich aufzuteilen: eine Hälfte wie gewohnt auf Bairisch, die andere auf Hochdeutsch.
 
Eure Songs leben von gesellschaftlichen Themen, Ironie und pointierten Texten. Funktioniert dieser typische „dicht & ergreifend“-Stil auch auf Hochdeutsch?

Wir sind uns musikalisch, inhaltlich und textlich treu geblieben und haben uns gleichzeitig weiterentwickelt. Die hochdeutschen Songs haben denselben Wortwitz, dieselbe Finesse und die tanzbaren Hip-Hop-Beats. Dabei ist das Album von Song zu Song musikalisch sehr abwechslungsreich. Insgesamt ist es auf jeden Fall eine „Dichtis-Platte“ mit „Dichtis-Prädikat“.
 
Ihr schreibt einen Song auf Hochdeutsch, doch der perfekte Reim oder eine gute Punchline funktioniert nur auf Bairisch – gab es solche Momente beim neuen Album?
(Lacht) Das kommt tatsächlich oft vor. Wir legen im Vorfeld fest, ob ein Song auf Bairisch oder Hochdeutsch sein soll. Das Interessante ist dann, innerhalb des Textes dabei zu bleiben und beides nicht zu mischen. Man schreibt zum Beispiel auf Hochdeutsch und merkt: Auf dieses Wort würde sich ein bairisches perfekt reimen. Da denkt man schon: Ah, schade! Andersherum ist es genauso – bei einem bairischen Text wäre manchmal ein hochdeutsches Wort der perfekte Reim.
 
Ihr wart schon immer experimentierfreudig, bei „Lies“ kamen sogar Englisch und Spanisch dazu. Welche Bedeutung hat diese sprachliche und musikalische Vielfalt für Euch?

Musikalisch ist uns diese unglaublich wichtig. Wir nehmen unzählige Einflüsse auf und lassen sie in unsere Produktionen einfließen. Dabei bleibt unsere Signatur im Sound erhalten, ohne dass alles gleich klingt. Genau darauf legen wir Wert: Die Songs sollen zusammenpassen, sich aber voneinander unterscheiden. Drei oder vier Stücke, die sich musikalisch fast gleichen, wären nicht unser Anspruch. Bei „Zweiländerdreieck“ stehen zunächst Bairisch und Hochdeutsch im Mittelpunkt. Die sprachliche Vielfalt liegt aber auch in der Wortwahl, im Witz und in der Finesse der Texte. Englisch und Spanisch sind da noch ein ganz neues Zuckerl, das wir erstmals ausprobiert haben. Ob daraus mehr wird, werden wir sehen.
 
Am 16. Oktober erscheint „Zweiländerdreieck“. Für alle, die schon vorher reinhören möchten, habt Ihr Euch etwas Besonderes überlegt…
Genau, wer die CD oder Vinyl vorbestellt, erhält bereits am Tag danach das komplette Album als digitalen Download. So hat man die neuen Songs schon im Ohr, bevor man den physischen Tonträger in den Händen hält. Vorbestellen lohnt sich also für alle, die es kaum erwarten können. Wer ausschließlich über Streaming-Anbieter hört, muss dagegen bis zum 16. Oktober warten.
 
Wie hat sich Euer Songwriting über die Jahre verändert?
Dadurch, dass wir sehr viel Musik machen, denken wir ständig an Melodien und Textzeilen. Was wir im Alltag erleben, ist unmittelbar damit verbunden: Eine Idee wird notiert, eine Melodie kurz eingesungen und gespeichert. Selbst beim Musikhören analysiert man, was einem gefällt und was weniger, und lernt dabei dazu. Mit jeder Produktion fällt uns das Songwriting leichter – sowohl musikalisch als auch bei den Texten. Trotzdem ist alles bis ins letzte Detail ausgeklügelt.
 
Ihr seid schon so lange ein Team. Wer von Euch gibt eher den Ton an, und wer bremst den anderen gelegentlich aus?
Wenn es um die Perfektionierung unserer Texte geht, nerven wir uns gegenseitig schon ziemlich. (Lacht) Wir reden so lange in das Skript des anderen rein, bis keiner mehr etwas auszusetzen hat und es wirklich sitzt. Ist einer mit einer Aussage inhaltlich überhaupt nicht einverstanden, kann er sein Veto einlegen. Dann lassen wir die entsprechende Stelle weg. Musikalisch gebe ich nicht den Ton an, sondern erst einmal den Ton vor – und den spielen wir gemeinsam zu Ende.
 
Bei Eurem Zehn-Jahre-Jubiläumskonzert standen unter anderen Gerhard Polt und die Well-Brüder mit Euch auf der Bühne. Welche Bedeutung hat Polt als Wegbereiter für Euch?

Wir waren schon immer Fans von Gerhard Polt. Seine alten Sketche begleiten uns bis heute – manchmal läuft bei mir noch kurz „Warten auf Dillinger“, bevor ich irgendwo hinfahre, einfach weil es so lustig ist. Wie genau er Menschen beobachtet und darstellt, beeinflusst unser Schreiben. Ein Beispiel dafür ist „Hamma scho imma so gmacht“ auf dem neuen Album. Darin schlüpfen wir in die Rollen zweier Menschen, benutzen ihre Worte und übernehmen ihre Aussprache. In diesem Beobachten und Wiedergeben ist Polt für uns ein wichtiges Vorbild.
 
Gibt es einen bestimmten Song, der für Dich persönlich von großer Bedeutung ist?
Für mich ist das „Fensdabuzza“, der letzte Track auf unserem zweiten Album. Das ist Hip-Hop-Storytelling mit einer lustigen, ausgeklügelten Geschichte und zugleich ein Hörspiel, das durch Mark und Bein geht. Ab und zu höre ich mir den Song über Kopfhörer an und merke wieder, wie viel Liebe zum Detail darin steckt.
 
Eure Musikvideos sind sehr cineastisch. Mike bringt seine Erfahrung als Kameramann mit, Du Deinen Hintergrund im Grafikdesign. Wie ergänzen sich Eure Fähigkeiten bei der kreativen Arbeit?
Mike ist studierter Kameramann und hat zudem ins Regie-Business hineingeschnuppert. Mit seiner Begeisterung für cineastische Musikvideos ist er der Motor dahinter und übernimmt einen Großteil der Arbeit. Den letzten Schliff geben wir dem Ganzen gemeinsam. Bei der Musik ist es ähnlich: Ich produziere seit rund drei Jahrzehnten und liefere die ersten musikalischen Impulse, aus denen wir dann zusammen etwas entwickeln. Dazu kommt meine Ausbildung im Grafikdesign. Ich gestalte unseren Merch und die Grafiken für die Videos. So fügt sich das alles perfekt zusammen.
 
Ihr seid Indie-Artists, also unabhängige Künstler. Welche Vorteile und Herausforderungen bringt das mit sich?
Das ist tatsächlich der Grund, weshalb ich heute allein mit dir spreche. Wir kümmern uns um alles selbst, und gerade in der Veröffentlichungsphase kommt einiges zusammen: Das Album muss fertig werden, gleichzeitig bereiten wir die Tour, die Show und den Merch vor. Da wächst einem die Arbeit manchmal über den Kopf. In solchen Momenten denkt man schon, dass die Unterstützung eines Major-Labels hilfreich wäre. Dann überwiegt aber wieder die Überzeugung, dass wir es schaffen. Unsere Unabhängigkeit ist schließlich der Hauptgrund, weshalb wir diesen Weg gewählt haben, und sie wiegt für uns die Herausforderungen auf. Für solche intensiven Phasen müssen wir uns gut vorbereiten und Menschen dazuholen, die uns unterstützen.
 
Welche Überzeugung begleitet Euch auf Eurem musikalischen Weg?
Wenn du Musik machst, die du selbst richtig gut findest und hinter der du zu hundert Prozent stehst, werden sich schnell andere Menschen dafür begeistern. Ganz egal, welche Musik das ist.
 
Was war in Eurer Bandgeschichte der Augenblick, in dem Ihr realisiert habt: Wir brauchen die Bühne und dieses gemeinsame Abfeiern mit dem Publikum?
Wir hatten damals unseren Song „Zipfeschwinga“ einfach zum Spaß und ohne große Erwartungen veröffentlicht. Die Resonanz war jedoch so groß, dass die Leute unbedingt mehr Musik von uns hören wollten. Also haben wir gesagt: Okay, wir machen das jetzt – und sind mit unserem ersten Album „Dampf der Giganten“ auf Tour gegangen. Wenn ich einen konkreten Moment nennen müsste, wäre es wohl das Release-Konzert im Strom Musikclub in München. Die Location war restlos ausverkauft, da kamen an die 600 Leute und das war für uns vorher undenkbar. Da haben wir schon früh gespürt: Die Fans wollen neue Songs von uns hören und uns live erleben.
 
Bei Euren Konzerten feiern selbst Menschen mit, die Eure Texte nicht verstehen. Warum funktioniert Euer Rap so gut?
Bairisch klingt auf jeden Fall einfach mal schön. Dazu kommt, dass unsere Musik sehr musikalisch und tanzbar ist – da plätschert nicht bloß ein Hip-Hop-Beat vor sich hin. Gerade live ist es ab einem gewissen Zeitpunkt vielleicht gar nicht mehr so wichtig, jedes Wort zu verstehen. Man geht halt einfach ab und feiert.
 
Eure Live-Präsenz gilt als eine der energetischsten im deutschsprachigen Raum. Worauf darf sich das Publikum bei Eurer kommenden Tour freuen?

Unser Anspruch ist, dieses hohe Energielevel beizubehalten. Dazu gibt es auf der kommenden Tour eine Besonderheit: Wir arbeiten mit Übertiteln. Ähnlich wie bei Untertiteln im Film werden unsere bairischen Texte während der Songs auf LED-Flächen auf Hochdeutsch eingeblendet. Man kann also direkt mitlesen. Wer bisher gesagt hat: „Ich gehe nicht mit, ich verstehe ja nichts“, hat jetzt keine Ausrede mehr. (Lacht)
 
Gibt es vor Euren Konzerten ein festes Backstage-Ritual, ohne das Ihr nicht auf die Bühne geht?

Kurz vor dem Auftritt treffen wir uns alle spielbereit im Backstage-Bereich, stellen uns sternförmig auf und legen die Hände aufeinander. Dann gibt einer einen Freestyle-Spruch zum Besten. Der ist jedes Mal anders und eröffnet für uns sozusagen das Konzert. Das gehört eigentlich immer dazu und wenn wir dieses Ritual zeitlich nicht unterbringen, merkt man schon, dass etwas fehlt.
 
Ihr seid auf Euren Tourneen viel unterwegs. Gibt es eine Stadt, die es Euch besonders angetan hat?
Die Konzerte in München sind für uns immer ein besonderes Erlebnis. Obwohl wir aus Niederbayern stammen, ist München für uns das absolute Heimspiel – vom Gefühl her sogar noch mehr als ein Auftritt in Dingolfing. Nach Augsburg kommen wir ebenfalls immer wieder gerne. Keiner von uns hat einen engeren persönlichen Bezug zur Stadt, aber bei jedem Besuch stellen wir wieder fest, wie schön sie ist.
 
Ist Berlin für Dich mittlerweile ein richtiges Zuhause geworden, oder zieht es Dich langfristig wieder nach Bayern?
Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, sage ich ganz klar: aus Bayern. Dort bin ich stärker verwurzelt, dort leben meine Familie und meine Brüder. Mein Herz schlägt aber für beides, und ich bin froh, dass ich beides haben kann. Müsste ich mich entscheiden, würde es auf jeden Fall Bayern werden. Es geht auch wieder in diese Richtung. Im Moment steht diese Entscheidung aber nicht an, deshalb genieße ich es, an beiden Orten zu Hause zu sein.
 
Welches große musikalische Ziel steht noch auf Eurer Bucketlist?
Mein persönlicher Traum wäre, dass Peter Fox mich anruft und sagt, er möchte sein nächstes Album komplett von mir produzieren lassen. Als Band würden wir uns ein Feature mit dem Rapper Prof wünschen.

Zweiländerdreieck 

Dass ausgerechnet zwei fahnenflüchtige Exil-Berliner zum Phänomen der deutschen Hip-Hop-Landschaft werden, gehört zu jenen schönen Pointen, die sich keine Plattenfirma hätte ausdenken können – wohl auch deshalb sind Lef Dutti und Urkwell seit der Gründung von »dicht & ergreifend« 2014 ohne Major im Rücken geblieben.
 
Ihr Debütalbum »Dampf der Giganten« (2015) stieg völlig unerwartet auf Platz 4 der offiziellen deutschen Hip-Hop-Charts ein, ein Einstand, der mehr über das Gespür der Band für den Nerv ihres Publikums verrät als jede Marketingstrategie.
 
Es folgten »Ghetto mi nix o« (2018, Platz 27 der deutschen Album-Charts) und »Es werde Dicht« (2023, Platz 15 der deutschen Album-Charts), über 100 Millionen Streams sowie ein zehnjähriges Jubiläum, das standesgemäß auf einer Rundbühne mitten in der ausverkauften Olympiahalle München gefeiert wurde. Dass die beiden 2023 den Kulturpreis Bayern dankend ablehnten und das Preisgeld stattdessen einem humanitären Hilfsprojekt zukommen ließen, passt ins Bild einer Band, die sich Anerkennung lieber selbst erspielt als verliehen bekommt.
 
Mit ihrem vierten Studio-Album »Zweiländerdreieck« wagen Dutti & Urkwell nun den nächsten Bruch mit der eigenen Identität: Die Hälfte der Songs erscheint erstmals auf Hochdeutsch – ein echtes Novum ihrer Bandgeschichte.

TOURDATEN HALLE + CLUB

Halle 2026
 
13.10. – Landau a.d. Isar / Stadthalle
 
16.10. – München / Muffathalle (Release Party)
 
17.10.
– Landshut / SPK Arena
 
24.10. – Regensburg / Donau Arena
 
06.11. – Linz / Postho
 
07.11. – Wien / Gasometer
 
13.11. – Nürnberg / Löwensaal
 
14.11. – Augsburg / Kongress am Park
 
27.11.
– München / Kesselhaus
 
28.11. – München / Kesselhaus (ausverkauft!)
 
04.12. - Berg Festival
 
18.12. – Passau – Dreiländerhalle
 
Club 2027
 
17.02. – Aschaffenburg / Colo-Saal
 
18.02. – Köln / Kantine
 
19.02. – Hamburg / Übel + Gefährlich
 
20.02. – Berlin / Heimathafen
 
23.02. – Leipzig / Felsenkeller
 
24.02. – Bayreuth / Zentrum
 
25.02. – Heidelberg / Halle 02
 
26.02. – Freiburg / Jazzhaus
 
27.02. – Zürich / Dynamo
 
04.03. – Innsbruck / Music Hall
 
05.03. – Salzburg / Rock House (ausverkauft!)
 
06.03. – Graz / PPC
 
15.05. – Eichstätt / Open Air am Berg
 
05.06. – Meersburg / Schlossplatz
 
02.07. – München / Tollwood
 
10.07. – Tittmoning / Stadtplatz
 
17.07. – Benediktbeuern / Maierhof
 
07.08. – Rothenburg / Taubertal Festival
 
*Alle Angaben ohne Gewähr
 
https://dichtundergreifend.com