Mehr als Batic: Miroslav Nemec zeigt im Wittelsbacher Schloss den Menschen hinter der Rolle

Miroslav Nemec nimmt sein Publikum im Wittelsbacher Schloss mit auf eine musikalische Lebensreise – zwischen Zagreb und Bayern, Schauspiel und Musik, großen Erfolgen und den leisen Geschichten, die einen Menschen wirklich prägen

Es ist nicht Sonntag. Es ist nicht 20.15 Uhr. Und wir sitzen auch nicht zu Hause vor dem Fernseher und warten darauf, dass Ivo Batic gemeinsam mit Franz Leitmayr den nächsten Fall löst. Es ist Samstagabend, kurz nach 19.30 Uhr, und wir sitzen im Wittelsbacher Schloss in Friedberg. Trotzdem ist dieses ganz besondere Tatort-Gefühl zunächst da. Denn auf der Bühne steht Miroslav Nemec. Für viele im Saal ist er genau das: Batic. Der Münchner Tatort-Kommissar, den man seit Jahrzehnten kennt, dessen Fälle zum Sonntagabend gehörten und dessen Abschied in diesem Jahr viele Zuschauer emotional getroffen hat. Auch im Publikum an diesem Abend ist das noch spürbar. „Mein Lieblings-Tatort“, ist zu hören. Und eine Besucherin erzählt, sie habe bei einem der letzten Fälle geweint und nur gehofft, dass Batic am Ende nicht sterben würde. Er ist also da, dieser Batic – zumindest für einen Moment. Doch dann beginnt Miroslav Nemec zu erzählen.

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Ein Abend voller Musik, Geschichten und persönlicher Einblicke: Miroslav Nemec mit Veranstaltungsleiterin Nelly Reinhardt im Wittelsbacher Schloss Friedberg.Bild: Nina Königs
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Zwischen Geschichten, Erinnerungen und Musik: Miroslav Nemec nimmt sein Publikum mit auf eine sehr persönliche Lebensreise
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Nach der musikalischen Lesung nimmt sich Miroslav Nemec Zeit für sein Publikum – für Gespräche, persönliche Worte und natürlich auch für Autogramme
Und je länger dieser Abend dauert, desto weniger sehen wir den Tatort-Kommissar und desto mehr sehen wir den Menschen dahinter. „Miroslav Jugoslav – Der Nemec hinter dem Batic“ heißt die musikalische Lesung, mit der Nemec sein Publikum auf eine sehr persönliche Reise durch sein Leben mitnimmt. Das Programm basiert auf seiner Autobiografie und verbindet Erinnerungen, Erzählungen, Witze, gelesene Passagen und Musik. Und genau diese Mischung macht den Abend zu weit mehr als einer klassischen Lesung. Nemec erzählt nicht einfach seinen Lebenslauf. Er lässt Erinnerungen lebendig werden.

Er nimmt die Besucher mit zurück in seine Kindheit und Jugend, nach Zagreb und in die Jahre, in denen Bayern ein neuer Lebensraum wurde. Er erzählt von einer Zeit, in der Geld einen anderen Wert hatte, in der ein Ei etwas Kostbares sein konnte und Fleisch nicht selbstverständlich auf dem Tisch stand. Von einer Familie, in der nicht alles einfach war, in der Menschen sehr unterschiedlich waren und in der es dennoch viel Zusammenhalt und Zuneigung gab. Seine Erzählungen über Mutter und Vater, über Verwandte und die Menschen, die ihn geprägt haben, sind dabei nie bitter. Nemec blickt zurück, aber er verklärt nichts. Er erzählt von Armut, von Krankheit, von Demenz und körperlichen Einschränkungen, von Schicksalsschlägen, die zu jedem Leben gehören können. Und er tut es mit einer Wärme, die zeigt, dass Erinnerung nicht nur aus dem besteht, was passiert ist, sondern vor allem aus den Menschen, die geblieben sind.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Qualität dieses Abends: Nemec macht aus seiner Vergangenheit keine Heldengeschichte. Sein Weg zum Schauspieler war schließlich keineswegs vorgezeichnet. Musik war früh ein wichtiger Teil seines Lebens. Er spielte Klavier, gründete als Jugendlicher eine Band, studierte am Mozarteum in Salzburg klassisches Klavier und wandte sich später in Zürich dem Schauspiel zu. Aus dem Musiker wurde der Theatermann, aus dem Theatermann schließlich der Fernsehschauspieler, den heute ein Millionenpublikum kennt. Doch wenn Nemec von diesen Stationen erzählt, klingt es nie nach einem glattgezogenen Lebenslauf. Es geht um Umwege, Zufälle, Begegnungen, Chancen und auch um die Schattenseiten einer Branche, in der Schauspiel nicht immer nur Glamour bedeutet.

Von Eitelkeiten erzählt er, von den manchmal harten Mechanismen des Geschäfts, von der Tatsache, dass Schauspiel auch käuflich sein kann und dass hinter dem schönen Schein durchaus Bösartigkeit und Konkurrenz stecken können. Auch Alkohol und die Versuchungen der Künstlerwelt werden angesprochen. Dabei steht Nemec nicht mit erhobenem Zeigefinger vor seinem Publikum. Er bewertet nicht von oben herab, sondern erzählt aus einer Welt, die er selbst kennengelernt hat. Genau diese Offenheit macht ihn glaubwürdig. Und sie passt zu einem Menschen, der an diesem Abend auch ganz selbstverständlich sagt, wenn ihm etwas nicht gefällt – etwa dann, wenn im Publikum ständig mitgefilmt wird. Ein Star, der sich nicht auf die Rolle des Stars reduzieren lässt.

Überhaupt ist dieser Abend erstaunlich persönlich. Nemec erzählt von seinen jugendlichen Jahren, von langen Haaren und Rockmusik, vom Ausbrechen aus Erwartungen und Zwängen, von den ersten Schritten auf der Bühne und von einem Berufsleben, das ihm vieles ermöglicht, aber auch einiges abverlangt hat. Dabei gelingt ihm etwas, das gar nicht so leicht ist: Geschichten aus einer Zeit, in der vieles anders war, zu erzählen, ohne sie künstlich in die Gegenwart zu übersetzen. Auch die Frage, was man heute noch sagen darf und wie politisch korrekt Geschichten aus vergangenen Jahrzehnten erzählt werden können, wird mit einem Augenzwinkern angesprochen. Nemec muss nichts nachträglich glattbügeln. Er erzählt seine Erinnerungen so, wie sie ihm geblieben sind – und gerade dadurch entsteht Raum für Nachdenken.

Zwischen all diesen Geschichten ist immer wieder Musik. Und plötzlich wird klar, warum man diesen Abend nicht einfach als Lesung bezeichnen kann. Nemec sitzt am Flügel, greift zur Gitarre, singt und interpretiert. Musikalisch reicht die Reise von Bob Dylan über Strauss bis zu den Lovin’ Spoonful und weiteren Stationen, die zu seinem Leben gehören. Besonders schön ist der Moment, in dem er sich einem Rio-Reiser-Stück widmet und ihm seine eigene musikalische Farbe gibt. Die Musik ist dabei keine Unterbrechung zwischen zwei Textpassagen. Sie ist Teil seiner Erzählung, eine weitere Möglichkeit, Erinnerungen auszudrücken. Manchmal sagt ein Lied eben etwas, wofür Worte nicht reichen.

Und so sind es an diesem Abend nicht nur die großen Geschichten, die hängen bleiben. Es sind einzelne Sätze. „Wenn du nicht kommst, gehe ich allein.“ Oder: „Morgen ist mir viel zu spät.“ Sätze, die plötzlich größer werden als die Situation, in der sie erzählt werden. Und dann ist da der Gedanke, Mensch zu bleiben – auch auf der Bühne. Vielleicht beschreibt genau das diesen Abend am besten.
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Nemec muss niemandem mehr beweisen, dass er Schauspieler ist. Er muss auch nicht zeigen, dass er Musiker ist. Beides ist längst klar. Stattdessen darf er einfach erzählen.

„Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu“, sagt er zu Beginn. Der Satz passt beinahe wie eine Überschrift über den ganzen Abend. Denn wie oft sieht man bei einem bekannten Schauspieler tatsächlich den Menschen hinter der Rolle? Bei Nemec ist es an diesem Abend möglich. Und irgendwann sitzt dort oben nicht mehr Batic. Da sitzt ein Mann, der über seine Eltern spricht, über seine Kindheit, seine Karriere, seine Fehler, seine Erfolge, über schöne und schwierige Zeiten und über die Menschen, die ihn begleitet haben. Ein Mann, der lachen kann über das eigene Leben, aber ebenso wenig davor zurückschreckt, die schweren Seiten anzusehen.

Er beschreibt sein Leben einmal als „Rausch mit kurzen Realitätsphasen“. Nicht als Rausch im Sinne von Suchtmitteln, sondern als Rausch des Lebens. Und wenn man ihm zuhört, versteht man diesen Satz. Ein Junge aus Zagreb, der nach Bayern kommt. Ein Musiker, der Schauspieler wird. Ein Theatermensch, der zum Fernsehstar wird. Ein Künstler, der jahrzehntelang eine der bekanntesten Ermittlerfiguren Deutschlands verkörpert und gleichzeitig seine musikalische Seite nie verliert. Da steckt viel Leben in einem einzigen Leben.

Vielleicht ist deshalb auch der Zeitpunkt dieses Abends so passend. Erst wenige Monate zuvor haben sich Batic und Leitmayr nach 100 Fällen und 35 gemeinsamen Dienstjahren vom Münchner Tatort verabschiedet. Die letzte Folge „Unvergänglich“ war für viele Zuschauer nicht einfach eine weitere Fernsehfolge, sondern ein Abschied von Figuren, die sie über Jahrzehnte begleitet haben. Umso schöner ist es, Nemec nun in einem völlig anderen Rahmen zu erleben. Nicht als Kommissar, der einen Fall lösen muss, sondern als Künstler, der sein eigenes Leben aufschlägt.

Und auch nach dem letzten Satz ist der Abend noch nicht vorbei. Nemec nimmt sich Zeit für sein Publikum, signiert Bücher, spricht mit Besuchern und lässt sich auf Begegnungen ein. Kein schneller Abgang, kein „Danke und auf Wiedersehen“. Wer gekommen ist, darf ihm tatsächlich begegnen. Das passt zu dem Eindruck, den der Abend hinterlässt: nahbar, offen und erstaunlich bodenständig.

Wer an diesem Samstagabend im Wittelsbacher Schloss dabei war, hat deshalb vielleicht etwas anderes mit nach Hause genommen, als er zunächst erwartet hatte. Man kam, um Batic zu sehen. Man bekam Miroslav Nemec. Einen Schauspieler, einen Musiker, einen Erzähler und vor allem einen Menschen, der sich an diesem Abend nicht hinter einer Rolle verstecken musste.

Das Wittelsbacher Schloss selbst erwies sich dabei einmal mehr als stimmvoller Rahmen für einen solchen Abend. Das historische Gebäude ist seit seiner Sanierung ein Kultur- und Veranstaltungszentrum und bietet Raum für ganz unterschiedliche Formate. Genau das zeigt auch der Blick auf das weitere Programm: Von Veranstaltungen für Kinder über Kabarett und Comedy bis hin zu Konzerten und der großen Presley Family Christmas Show reicht das Spektrum. Verantwortlich für das Veranstaltungsmanagement ist Nelly Reinhardt, die mit ihrem Team ein Programm zusammengestellt hat, das ganz unterschiedliche Interessen anspricht.

Vielleicht ist das die eigentliche Stärke eines solchen Ortes: Ein Schloss muss nicht nur Kulisse für große Namen sein. Es kann ein Ort sein, an dem Menschen zusammenkommen, Geschichten hören, Musik erleben, lachen, nachdenken und sich überraschen lassen.

An diesem Abend jedenfalls war es ein Ort, an dem aus einer bekannten Fernsehfigur für ein paar Stunden ein ganz anderer Miroslav Nemec werden durfte.

Oder vielleicht einfach der, der er immer schon war.

Der Mensch hinter dem Batic.